Notaufnahmen zu Zeiten der Corona-Pandemie

Sorge um Notfallpatienten: Herzkranke zögern Behandlung hinaus

Corona in Kassel: Notfallpatienten - Herzkranke zögern Behandlung hinaus
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Weniger los: Die Anzahl der Notaufnahmen ist in der ersten Aprilhälfte am Klinikum um 40 Prozent zurückgegangen, teilt die GNH mit. 

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist es in Notaufnahmen ruhiger geworden. Die Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, scheint allgegenwärtig.

Kassel - In vielen Notaufnahmen ist es seit Beginn der Corona-Pandemie deutlich ruhiger geworden. Offenbar aus Furcht, sich mit Covid-19 zu infizieren, vermeiden Patienten, ein Krankenhaus aufzusuchen. Oder aber sie zögern den Anruf beim Rettungsdienst hinaus. Darunter sind auch Patienten mit akuten Herzerkrankungen und Schlaganfällen.

Im März ging die Zahl an Notaufnahmen aufgrund von akuten Herzerkrankungen um etwa 25 Prozent zurück, in der ersten Hälfte des Aprils sei der Rückgang sogar auf 40 Prozent gestiegen, teilt die Gesundheit Nordhessen (GNH) mit. „Auffallend ist, dass Patienten sich wiederholt deutlich verzögert beim Rettungsdienst melden und erst im fortgeschrittenen Stadium eines Herzinfarktes zur Aufnahme kommen“, hat Prof. Dr. Rainer Gradaus, Chefarzt der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen am Klinikum Kassel, beobachtet.

Gradaus sorgt sich um die vielen Patienten mit akuten Herzerkrankungen. Wenn sie trotz Beschwerden nicht ins Krankenhaus kommen, könne das Risiko für schwerwiegende Folgen weit größer sein als das einer Ansteckung mit dem Coronavirus. Herzschmerzen, Luftnot oder Engegefühle im Brustkorb seien typische Anzeichen für einen Herzinfarkt. „Da sollte man unverzüglich den Notdienst rufen und sich einer akuten stationären Versorgung im Krankenhaus anvertrauen“, appelliert der Mediziner. Das gelte auch für dringende Operationen am Herzen. „Werden diese zu weit hinausgezögert, kann dies langfristig zu Organschäden oder auch zum Tode führen.“

Diakonie-Kliniken

Auch die Agaplesion Diakonie-Kliniken spürten „einen deutlichen Rückgang des Patientenaufkommens mit zum Teil lebensbedrohlichen Erkrankungen“, sagt Sprecherin Lena Goldmann. Inzwischen beobachte man eine Tendenz zur Normalisierung „beziehungsweise eine späte Vorstellung von Patienten, die ihre Beschwerden bereits ein paar Tage ‘ausgehalten’ haben“, sagt Goldmann. In den Diakonie-Kliniken würden aktuell alle stationären Patienten vorsorglich auf Corona getestet.

Elisabeth-Krankenhaus

Auch in der Zentralen Notaufnahme des Elisabeth-Krankenhauses war in den vergangenen Wochen deutlich weniger Betrieb, berichtet Direktorin Marieluise Labrie. Vor allem die Zahl jener Patienten, die die Notaufnahme „zu Fuß“ aufsuchten, habe abgenommen. Gerade bei Herzpatienten lautet auch ihr Appell: „Lieber kommen, statt zu warten.“ Das Krankenhaus am Weinberg ergreife alle Maßnahmen, um die Patienten vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Bislang habe man erst vier positiv getestete Patienten registriert. Keiner davon sei beatmungspflichtig gewesen.

Klinikum Kassel

Anders ist die Situation am Kasseler Klinikum, das vom Hessischen Sozialministerium als Schwerpunktkrankenhaus für Covid-19-Patienten (Level-1-Krankenhaus) definiert wurde. Auf dem Möncheberg ist ein „Krankenhaus im Krankenhaus“ entstanden, um die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung mit dem Coronavirus so gering wie möglich zu halten. Es biete zwei durchgehend geschützte Patientenpfade, teilt die GNH mit. Sprich: Die Versorgung von Nicht-Covid-19-Patienten und denen mit Infektion findet von der Aufnahme bis zur Entlassung getrennt statt.

Die eigens eingerichtete Notaufnahme für Covid-19 Patienten, die Corona Care Unit (CCU), ist an sieben Tagen die Woche durchgehend besetzt. Sie soll bereits bei Aufnahme die Möglichkeit der sofortigen Trennung von den anderen Patienten ermöglichen.

Grundsätzlich würden alle Patienten bei der stationären Aufnahme auf eine Infektion mit dem Coronavirus getestet, teilt die GNH mit. Covid-19-Patienten würden dann auf zwei voll isolierten Stationen mit Schleusenfunktion versorgt. Zudem habe das Klinikum bei ihrem medizinischen und pflegerischen Personal die Maskenpflicht eingeführt.

„Das Risiko einer verzögerten oder unbehandelten akuten Herzerkrankung ist sicherlich größer als das Risiko, sich am Klinikum Kassel mit dem Coronavirus zu infizieren“, resümiert Gradaus und ergänzt: „Kein Patient sollte aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus auf die zwingend notwendige Hilfe in einem Krankenhaus verzichten.“

Von Anja Berens

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