Coronavirus in Kassel

Zu wenig Schutz – Pflegedienst aus Kassel bittet um selbstgenähte Masken

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Sind auf selbst genähte Masken angewiesen: Markus Schommer und seine Mitarbeiter vom ambulanten Pflegedienst Schommer in Kassel. Allein in der Pflege fahren die Mitarbeiter 21 Touren am Tag, dafür brauchen sie je zwei Masken. 

Wegen der Corona-Krise in Kassel schrumpfen die Vorräte an Schutzkleidung. Ein Pflegedienst aus der Stadt bittet nun um selbstgenähte Masken.

Kassel - Verzweifelt hat sich eine Verwaltungsmitarbeiterin eines ambulanten Pflegedienstes in Kassel bei der HNA gemeldet: Ihnen gehe die Schutzkleidung aus und bisher gebe es keine Aussicht auf Nachschub.

„Wir fallen durch das Ausstattungsraster“, sagt Beate Balow vom Pflegedienst Schommer mit Blick auf die Versorgung mit Masken und Schutzbrillen in der Corona-Krise. „Dabei sind wir direkt an der Risikogruppe. Und wir haben den Auftrag, sie zu schützen.“ Ihr Auftrag sei nicht nur wichtig zur Versorgung, „sondern auch, um alten Menschen noch ein Minimum an sozialen Kontakt zu ermöglichen“.

Ihre Mitarbeiter tragen im Moment noch einfache Schutzmasken und Einmalhandschuhe, wie normalerweise auch. Doch der zuletzt noch nachbestellte Vorrat neige sich dem Ende, berichtet die Verwaltungsmitarbeiterin auf Nachfrage. Zu kaufen gebe es Masken schon lange nicht mehr – egal zu welchem Preis und in welcher Sicherheitsstufe.

Corona in Kassel: Hilferufe laufen ins Leere

Über eine zentrale Verteilung hat der Pflegedienst vergangenen Freitag zehn Masken der hohen Sicherheitsstufe FFP3 bekommen, sagt Leiter Markus Schommer. Damit könnten seine Mitarbeiter auch Patienten mit Verdacht auf Corona weiter pflegen – allerdings nur begrenzt. Bei den 21 Touren am Tag kommen jedes Mal mindestens zwei Masken zum Einsatz. Eine weitere Lieferung sei zum Ende der Woche angekündigt. Kittel gebe es noch, Schutzbrillen hat der Dienst im Baumarkt besorgt.

Hilferufe beim Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste und beim Gesundheitsamt Kassel seien vergangene Woche ins Leere gelaufen. Man habe ihnen bisher noch keine Hilfe oder Infos geben können. Eine Möglichkeit sieht der Pflegedienst nun darin, die Situation öffentlich zu machen und Menschen zu bitten, mit selbst genähten Masken die Mitarbeiter in ambulanten Pflegediensten zu unterstützen. „Wir haben einfach keine Lobby“, sagt Balow, die weiß, dass es anderen Pflegediensten genau so geht. Es brauche auch dringend eine zentrale Koordination. Um selbst zu handeln, hat der Pflegedienst Wäschehändler wie Mey und Trigema angeschrieben, ob die mit genähten Masken aushelfen könnten. Die Antwort – vage: Man kümmere sich darum.

Corona in Kassel: „Diese Anfeindungen müssen aufhören“

Mit der Betreuung ihrer Patienten habe der Betrieb genug zu tun. Dazu kommen Umsatzeinbußen, weil immer öfter vor allem Kinder von Pflegebedürftigen den Auftrag absagten. Sie haben Angst, das Pflegepersonal würde das Virus einschleppen, sagt Balow. Sie versteht die Unsicherheit, wenn der Schutz nicht sichergestellt ist.

Was leider noch dazu komme, seien Anfeindungen. Sie berichtet von einer Mitarbeiterin, die in einem Supermarkt angesprochen wurde mit dem Vorwurf, sie bringe als Pflegekraft das Virus zu den Menschen. „Diese Anfeindungen müssen aufhören.“ Immerhin hat der Pflegedienst laut Balow schon eine Näherin gefunden, die mit selbst gemachten Mundschutzmasken aushelfen will.

Kontakt: Wer helfen will, kann sich unter Tel. 0561/50 61 73 28 melden.

Corona in Kassel: Das sagen die Sozialstationen

Die Sozialstationen in Fuldabrück und Vellmar haben aktuell noch einen kleinen Vorrat an Schutzkleidung, teilen sie auf Anfrage mit. Das gelte nicht für Corona-Verdachtsfälle. Fuldabrücks Bürgermeister Dieter Lengemann berichtete der HNA, dass eine Mitarbeiterin der Sozialstation in Bergshausen beim Einkaufen für eine Patientin von einem anderen Einkäufer aufs Übelste und als „Virenschleuder“ beschimpft worden sei. „Das geht gar nicht“, stellt er klar.

Corona in Kassel: Das sagt die Stadt

  • zur Versorgung von Pflegediensten: Die am Freitag in Frankfurt angekommene Lieferung habe das Land Hessen an die sechs eingerichteten Versorgungsbereiche ausgeliefert, teilt die Stadt mit. Jetzt werde diese an die kommunalen Gebietskörperschaften und Kliniken verteilt. Das Land will Details dazu morgen bekannt geben. Die Stadt bemühe sich selbst, Material auf dem angespannten Markt zu beschaffen.
  • zum Thema Mundschutzpflicht: Es gibt in Hessen und in Kassel keine Mundschutz-Pflicht, teilt die Stadt gestern mit. Der beste Schutz vor dem Coronavirus sei weiterhin ein Mindestabstand von 1,5 Metern, die Hust- und Niesetikette in die Armbeuge und das regelmäßige Händewaschen mit Seife.
  • zum Tragen von selbst hergestellten Masken: Das Tragen dieser Schutzmasken könne man der gesunden Bevölkerung zusätzlich empfehlen. Um sich selbst oder andere vor Tröpfchen, Husten, Niesen oder einer feuchten Aussprache zu schützen, wenn die Abstandsregel nicht möglich ist. Menschen, die Krankheitssymptome haben, sollen aber zu Hause bleiben und telefonisch mit ihrem Hausarzt abklären, was zu tun ist, sagt die Leiterin des Gesundheitsamts, Dr. Karin Müller. Von Valerie Schaub Die neuesten Entwicklungen zu Corona in Kassel gibt es im News-Ticker
  • Wegen der Corona-Pandemie läuft auch in Kassel das politische Leben etwas anders ab als sonst: Beschlossen werden die Themen per Mail und ohne Öffentlichkeit.

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