Tracing-App

Wie funktioniert die Corona-App? Rechtsexperte der Uni Kassel sieht Potential

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Schweizer App: So sieht das Programm für Smartphones aus, welches derzeit an der Technischen Hochschule in Lausanne getestet wird. 

Europaweit sind verschiedene Apps in Entwicklung, die Nutzer bei Kontakt mit Corona-Infizierten informieren.  Professor Alexander Roßnagel von der Uni Kassel erläutert im Interview Vor- und Nachteile. 

  • Eine App auf dem Smartphone soll Kontakte mit bestätigten Corona-Infizierten melden. 
  • Nutzer der App werden informiert, wenn ein anderer Nutzer infiziert ist
  • Prof Alexander Roßnagel von der Universität Kassel sieht Potential in dem Ansatz

Kassel – Sie soll Infektionsketten erkennbar machen und die Ausbreitung des Coronavirus noch stärker eindämmen. Die geplante Corona-Warn-App soll weitere Lockerungen der Beschränkungen möglich machen. Die Bundesregierung hat nun den Softwareentwickler SAP und das Telekommunikationsunternehmen Deutsche Telekom mit der Entwicklung beauftragt. Wir sprachen darüber mit Alexander Roßnagel, Professor für öffentliches Recht an der Uni Kassel.

Prof. Dr. Alexander Roßnagel, Leiter der Abteilung Öffentliches Recht an der Uni Kassel sieht in der Corona-App Potential

Die Bundesregierung verfolgt bei der Entwicklung der Corona-App einen dezentralen Ansatz. Was heißt das?

Beim dezentralen Ansatz wird auf den Smartphones, auf denen das Programm installiert ist, gespeichert, mit welchen anderen Nutzern es in Kontakt gekommen ist. Diese Ermittlung des Kontakts funktioniert über wechselnde, anonymisierte Kennungen, die über Bluetooth-Funk zwischen den Geräten ausgetauscht werden. 

Wenn sich ein Nutzer in der App als infiziert meldet, werden seine eigenen Kennungen an einen Server geschickt, von wo aus die Apps aller anderen Nutzer die Kennungen des Infizierten abrufen. Auf den Geräten der anderen wird dann dezentral geprüft, ob die Kennung des Infizierten bekannt ist, es also Kontakt und damit ein Infektionsrisiko gab.

Corona in Kassel: App datenschutzrechtlich besser als der bisherige Ansatz

Und was bedeutet der zentrale Ansatz der Corona-App?

Dabei werden die Informationen über alle Kontakte samt der Identifikationskennungen auf einem zentralen Server gespeichert. Auf diesem Server wird dann abgeglichen, welche Nutzer Kontakt zu einem infizierten Nutzer hatten. Besteht das Risiko einer Infektion, werden die betreffenden Nutzer dann über die App informiert und können sich testen lassen.

Wie bewerten Sie die Entscheidung aus Berlin?

Die Bundesregierung verfolgt damit einen Ansatz, der die Funktionalität der Pandemie-Bekämpfung genauso gut erfüllen kann und dabei mehr Datenschutz ermöglicht als der zentrale Ansatz, bei dem mehr Daten auf den Server übertragen werden müssen.

Beide Ansätze basieren auf der Funktechnologie Bluetooth. Halten Sie das für richtig?

Bluetooth hat Vorteile gegenüber der Ortung mittels Funkzellenabfrage oder GPS-Satelliten. Die Bundesregierung hat zunächst auf diese Technologien gesetzt, bevor sie auf Bluetooth umschwenkte. Die Funkzellenabfrage im Mobilfunknetz ist zu ungenau. Der Radius einer Funkzelle kann schon mal einen Kilometer betragen. Das ist für die Pandemie-Bekämpfung völlig ungeeignet. Die Ortung via GPS ist zwar genauer, funktioniert aber beispielsweise nicht in Gebäuden. Nur Bluetooth ist geeignet, um räumliche Nähe von zwei Metern und weniger zu ermitteln.

Corona in Kassel: Je mehr Menschen die App nutzen, desto besser funktioniert sie

Wie sehr kann eine solche Corona-App tatsächlich helfen?

Potenziell kann solch eine App viel bewirken, wenn genügend Leute sie nutzen. Je mehr Menschen die App nutzen, desto besser können wir Infektionsketten zurückverfolgen und stoppen. Auch vor dem Hintergrund möglicher Lockerungen ist das entscheidend.

Auf europäischer Ebene gibt es mehrere Initiativen für Corona-Warn-Apps. Was hat es damit auf sich?

Es gibt das Konsortium „PEPP-PT“, an dem etwa 150 Unternehmen und Forschungsinstitutionen beteiligt sind, dessen Ziel eine länderübergreifende Nutzungsmöglichkeit ist. Da wurden Kernpunkte vereinbart, wie so eine App ausgestaltet sein müsste: etwa die freiwillige Nutzung oder die Bluetooth-Technologie. 

In anderen Bereichen, wie der Frage nach einem zentralen oder dezentralen Ansatz, gab es keine Einigung. Daraufhin ist die Initiative „DP3T“ ausgetreten und verfolgt den dezentralen Ansatz. Dieser Richtungsstreit hat auch den Ausschlag für die Entscheidung der Bundesregierung hin zum dezentralen Ansatz gegeben.

Corona in Kassel: EU-weite Lösung unwahrscheinlich

Eine europäische Lösung wird es also nicht geben?

Das kommt darauf an, welchen Ansatz andere Länder verfolgen. Frankreich tendiert zum zentralen Ansatz, die Schweizer nutzen den dezentralen Ansatz. Beide Ansätze funktionieren aber nicht miteinander. Zwei dezentral angelegte Apps aus unterschiedlichen Ländern könnten kompatibel sein.

Welche Rolle spielen Apple und Google?

Gemeinsam wollen sie eine Entwickler-Schnittstelle für ihre mobilen Betriebssysteme entwickeln, damit Android- und iOS-Geräte untereinander kommunizieren können. Beide haben klar gemacht, dass sie den dezentralen Ansatz unterstützen.

von Gregory Dauber

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