„Schnorren ist schwerer“

Corona: Wie die Krise Obdachlose und Hilfseinrichtungen beeinflusst

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Der 36 Jahre alte René Reisbach lebt auf der Straße und bekommt durch Corona weniger Geld geschenkt.

Corona trifft auch die, die ohnehin kaum etwas haben - wie zum Beispiel Obdachlose. Wir haben mit einem Betroffenen gesprochen.

René Reisbach sitzt mit anderen Obdachlosen an der Treppenstraße, isst Gummibärchen und trinkt Bier. „Ja, das Virus kriegen wir schon zu spüren“, sagt der 36-Jährige. Die Passanten würden nun mehr auf Abstand gehen, sich nicht mehr an ihn und die anderen Obdachlosen herantrauen. „Corona macht das Schnorren schwerer“, sagt Reisbach. Dadurch habe er zwar weniger Geld, könne aber nach wie vor Lebensmittel kaufen.

„Nerviger ist, dass ich jetzt nirgendwo mehr auf die Toilette gehen oder mir die Hände waschen kann.“ Es sei alles dicht, wo er vorher hingegangen ist. Zum Glück gebe es die Tagesaufenthaltsstätte des Vereins Panama. „Dort kann ich das Bad benutzen“, sagt Reisbach. Normalerweise ist er dort zwei Mal pro Woche, denn über den Verein bekommt er seine Post. „Aber jetzt gehe ich jeden Tag da hin.“ Allerdings gehe das nur zu ganz begrenzten Zeiten, Panama habe schließlich nicht immer geöffnet.

Auch den Mitarbeitern der Aufenthaltsstätte macht das Virus das Leben schwer. „Wir müssen leider gerade sehr genau auswählen, wen wir reinlassen“, sagt Leiter Stefan Jünemann. So könnten nicht alle Hilfebedürftigen ins Gebäude, um Essen oder Kleidung zu bekommen, sich zu duschen oder auch einfach ein paar Worte mit den Sozialarbeitern zu wechseln. „Wir lassen nur die Wohnungslosen rein, haben die Arbeit also auf das Allernotwendigste reduziert“, sagt Jünemann.

Obendrein werde immer nur eine bestimmte Anzahl an Menschen in die Räume gelassen. „Die Ansteckungsgefahr ist sonst einfach zu hoch.“ Denn viele der Besucher seien ohnehin durch ihren Lebenswandel anfälliger für einen schweren Coronaverlauf.

Um dem Risiko einen Riegel vorzuschieben, müssten auch die ehrenamtlichen Helfer, von denen viele im Rentenalter sind, zuhause bleiben. Auch in den Räumlichkeiten laufe vieles anders: Der Kicker sei tabu, nahes Beisammensitzen an den Tischen auch, und alle gingen nur noch im großen Bogen umeinander herum. „Das ist notwendig, macht aber unseren Job deutlich schwerer“, bedauert Sozialarbeiterin Amrei Tripp. Ein Teil der Beziehungsarbeit, die sonst so ein zentraler Bestandteil der Einrichtung sei, falle so weg.

Dafür habe Panama jetzt eine andere wichtige Aufgabe: „Wir versuchen, unsere Besucher über Corona aufzuklären“, sagt die 35-Jährige. Denn Zeitung lesen, Nachrichten schauen oder sich irgendwie anders informieren würden die wenigsten Obdachlosen. „Viele von ihnen haben kein Smartphone“, erzählt Tripp. Und stecke sich einer von ihnen an, weil er ahnungslos war, wo solle er dann in Quarantäne, fragt die Sozialarbeiterin.

Diese Frage stellt sich auch René Reisbach. Eine gute Antwort habe er nicht. „Ich lebe auf der Straße und hoffe, dass meine Abwehrkräfte durchhalten, wenn es dazu kommt.“ Angst habe er davor nicht. „Meine Tage sind immer gleich, mit oder ohne Corona“, sagt er. Er müsse schnorren, um über die Runden zu kommen. Das habe die vergangenen fünf Jahre geklappt – und das klappe auch jetzt. Zurück zu Gummibärchen und Bier.

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