Menschliches Verhalten in Krisen

Hamstern wegen Corona: Experte hält Verhalten für menschlich - aber auch für unvernünftig

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Leere Regale im Supermarkt: Vor allem in Krisenzeiten tritt das Phänomen des Hamsterns auf. Auch wenn dieses Verhalten von Betroffenen als sinnvoll erachtet wird, verschärft es nur die allgemeine Versorgungssituation.

Übervolle Einkaufswagen, leere Supermarktregale und lange Schlangen an der Kasse – in Zeiten von Corona wird gehamstert. Nur: Warum?

  • Eine Krise wie die derzeitig vonCorona verursachte, äußert sich auch im Kaufverhalten der Bürger.
  • Doch warum zeigt sich die Unsicherheit der Menschen im Umgang mit Corona gerade in Hamsterkäufen? Und was hat der Lemming-Effekt damit zu tun?
  • Antworten auf diese und weitere Fragen zum menschlichen Verhalten in der Coronakrise gibt ein Experte.

Ein Gespräch mit Prof. Marc-André Reinhard, Sozialpsychologe an der Uni Kassel:

Herr Reinhard, wenn man sich anschaut, wie viel Klopapier in jüngster Zeit gekauft wurde, könnte man meinen, Corona sei eine Darmerkrankung. Warum wird ausgerechnet Klopapier gehamstert?

Dafür gibt es keine wissenschaftliche Erklärung. Allgemein lässt sich aber sagen, dass in schlechten Zeiten vor allem nützliche Dinge des Alltags, also Nahrungsmittel und Hygieneartikel gehamstert werden. Mit Kleidern oder Kugelschreibern funktioniert das nicht.

Coronakrise: Experte sagt, warum Hamstern weder sinnvoll noch solidarisch ist

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrer Fernsehansprache vergangenen Mittwoch das Hamstern als sinnlos und unsolidarisch bezeichnet. Warum?

Es ist ja durchaus sinnvoll, sich kleine Vorräte anzulegen. Hamstern aber ist in der Tat problematisch. Menschen versuchen damit, zumindest ansatzweise Kontrolle über eine Situation zu bekommen, die ihnen Angst macht und die sie nicht richtig einschätzen können.

Für viele Menschen scheint solch ein Verhalten ja sinnvoll zu sein. Ist es denn auch vernünftig?

Nein, vernünftig ist Hamstern nicht. Vernünftig wäre, weiterhin so viel zu kaufen, wie man auch wirklich benötigt – einfach um Engpässe zu vermeiden. Hier geht es tatsächlich um Solidarität.

Warum funktioniert Solidarität in Krisensituationen offenbar nicht immer?

Letztlich haben wir es hier mit einer Situation zu tun, die sich als soziales Dilemma beschreiben lässt. Es geht um die Frage, inwieweit man anderen vertrauen kann, dass auch sie sich vernünftig verhalten. Das Problem ist nämlich: Wenn ich vernünftig bin, und nur das kaufe, was ich kurzfristig brauche, die anderen aber nicht vernünftig sind und hamstern, dann bin ich am Ende womöglich der Dumme, der nichts mehr abbekommt. Also hamstere ich sicherheitshalber auch.

Coronakrise: Wie das Hamstern zum Massenphänomen wird

Das heißt also: Einer fängt damit an, und schon kann damit eine Welle der Unvernunft losgetreten werden?

Ja, das kann passieren. Und die sozialen Medien spielen dabei eine große Rolle. Da braucht nur jemand zu posten: „Ich habe mich vorsorglich mit Klopapier eingedeckt“, und schon werden andere es nachmachen, weil sie nicht ins Hintertreffen geraten wollen.

Lässt sich dieses Phänomen auch auf andere Lebensbereiche übertragen?

Klar. Zum Beispiel falsch parken. Parkverbotszonen werden immer dann schnell zugeparkt, wenn irgendjemand damit angefangen hat. Andere erkennen darin einen Vorteil, den sie auch für sich haben wollen, und stellen ihr Auto einfach dahinter. Irgendwann ist die ganze Parkverbotszone zugeparkt.

Experte erklärt, warum sich die Coronakrise im Lemming-Effekt äußert 

Das ist ja wie beim Lemming-Effekt: Einer geht vor, und andere folgen?

Ja, das ist so. Der Herdentrieb ist dabei oft stärker als die Kraft der Vernunft oder der regulierende Einfluss von Regeln. Dahinter steht letztlich die Logik: Wenn einer damit anfängt, sich einen vermeintlichen Vorteil zu sichern, warum soll ich das dann nicht auch tun. Diesem werden dann wieder andere folgen, bis tatsächlich sogar Mehrheiten entstehen können.

Und wenn es alle machen, muss es ja richtig sein?

Genau, dieser Eindruck entsteht zumindest. Dabei können sich auch Mehrheiten vollkommen irren, wie zum Beispiel der Nationalsozialismus in den Jahren von 1933 bis 1945 gezeigt hat.

Aber warum passiert so etwas dann trotzdem?

Es gibt viele Situationen, in denen der Lemming-Effekt wirklich Sinn macht. Zum Beispiel bei einer akuten Gefahr, die plötzlich auftritt – vielleicht bei einem kleinen Kabelbrand in einem großen Veranstaltungssaal. Viele werden die Gefahr gar nicht bemerkt haben, rennen aber dennoch weg, weil es eben alle machen. In dem Moment kann der Herdentrieb Leben retten.

Experte sieht in der Coronakrise ein gesellschaftliches Experiment

Und mit Blick auf die Coronakrise und das Hamstern?

Tatsächlich wäre hier solidarisches Verhalten die beste Lösung. Das gilt auch für alle anderen Verhaltensempfehlungen, die derzeit im Zusammenhang mit Corona stehen – zum Beispiel, dass man die Wohnung nur dann verlassen sollte, wenn es wirklich notwendig ist, um sich selbst und andere zu schützen.

Aber genau damit haben ja viele Schwierigkeiten.

Das stimmt. Deshalb werden zunehmend Regeln, Kontrollen und Sanktionen angekündigt, um eben unvernünftiges Verhalten einzudämmen. Das kann eine Ausgangssperre mit hohen Strafen bei Zuwiderhandlung sein, das kann aber auch bedeuten, dass man nur noch maximal zwei Pakete Klopapier auf einmal kaufen darf.

Wird das klappen?

Was gerade passiert, ist ein großes gesellschaftliches Experiment, dessen Ausgang völlig unklar ist. Erwiesen ist, dass der Mensch bisweilen schon Schwierigkeiten damit hat, sich ganz egoistisch selbst zu schützen. Wie sieht es also aus, wenn es dann noch um Solidarität mit anderen geht? Grundsätzlich ist der Mensch zu beidem fähig. Die nächsten Wochen werden zeigen in wieweit strengere Regeln, Kontrollen und Sanktionen notwendig sind.

Coronakrise: Nicht nur die Deutschen hamstern, sondern auch die Dänen

Eine Supermarktkette hat sich deshalb etwas einfallen lassen.

Alle Informationen zur Coronakrise in Kassel gibt es im News-Ticker der HNA.

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