Linke, Impfgegner und AfD-Politiker fühlen sich von Regierung betrogen

80 Corona-Skeptiker demonstrieren auf Bebelplatz

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Breites Spektrum: Enttäuschte Linke, Impfgegner un d AfD-Politiker demonstrierten Samstagnachmittag auf dem Bebelplatz. 

80 Corona-Skeptiker haben am Samstag auf dem Kasseler Bebelplatz demonstriert, weil sie um ihre Grundrechte fürchten. Zulauf bekommt die Bewegung auch von der AfD.

Am Samstagnachmittag steht Natalie weinend auf dem Kasseler Bebelplatz und bekommt dafür jede Menge Applaus. Die Frau ist eine von 80 Corona-Skeptikern, die im Vorderen Westen für die „Beendigung obrigkeitsstaatlicher Schikanen“ demonstriert. Unter Tränen ruft die Frau am Megafon, dass sie jeden Tag auf Facebook niedergemacht werde, wenn sie schreibt, dass ihr der Shutdown zu weit gehe: „Ich will meine Grundrechte zurück. Ich möchte einfach ich sein.“

So denken viele am Samstagnachmittag auf dem Bebelplatz. Organisiert hat die Veranstaltung die Rentnerin Heike Nehring. Vor einigen Wochen hat sie auf der Webseite nichtohneuns.de eine lokale Gruppe gegründet. Hinter der Initiative steht der Verein „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand“, der in Berlin bereits seit Wochen Demos veranstaltet. Nun ist die Bewegung in Kassel angekommen.

Bereits am 11. April hatte Nehring eine Demo angemeldet. Weil sie nicht genehmigt wurde, traf sie sich mit Sympathisanten zu einem „Hygienespaziergang“. Nun hat sie eine Anzeige wegen „Abhaltens einer verbotenen Veranstaltung“ am Hals.

Mitgründer des Demokratischen Widerstands ist der Berliner Journalist Anselm Lenz, Ex-Autor der linken „tageszeitung“. Auf der anderen Seite erhalten die Corona-Skeptiker Zulauf aus der rechten Szene. Auch das Spektrum auf dem Bebelplatz ist breit. Es reicht von enttäuschten „taz“-Lesern über Impfgegner bis zum AfD-Politiker Manfred Mattis, der eine Ordnerbinde trägt.

Organisatorin Nehring ist eine gemäßigte Corona-Kritikerin. Die 55-Jährige weiß, dass das Virus gefährlich sein kann, gibt aber zu Bedenken: „Nicht jeder, der eine andere Meinung hat, ist ein Verschwörungstheoretiker.“ Andere haben viel Wut auf die Politiker in Berlin. Sandra Behler, die eines ihrer beiden Reisebüros wegen der Krise schließen musste, sagt: „Ich will beschützt werden von meiner Regierung und nicht betrogen.“

Ein Mann berichtet vom Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel, der festgestellt habe, dass keiner der von ihm untersuchten Corona-Toten an Covid-19 gestorben sei. Auch AfD-Politiker Mattis verweist später am Mikro auf Püschel. Dabei hatte der Arzt lediglich festgestellt, dass in der Hansestadt niemand ohne Vorerkrankung an Corona gestorben ist. Auch für Fake News gibt es beim Demokratischen Widerstand Applaus.

Als man eine Teilnehmerin fragt, wie sie es findet, dass man mit AfD-Leuten demonstriert, ruft sie laut über den Bebelplatz: „Der Herr von der HNA will wissen, ob jemand von der AfD hier ist.“ 80 Menschen buhen den Journalisten aus. Dafür wird die Rede von Mattis lautstark beklatscht. Ob er jemals so viel Beifall bekommen habe, fragt man ihn nachher. Bei der AfD schon, sagt er.

Laut Organisatorin Nehring hatte das Ordnungsamt die Veranstaltung mit 50 Leuten genehmigt. Die Polizei schreitet dennoch nur einmal kurz ein. Einer der Organisatoren muss durchsagen, dass alle auf den Abstand achten sollen. Einen Mundschutz trägt kaum einer. Dafür singen alle gemeinsam: „Die Gedanken sind frei.“

Für Samstag will Nehring die nächste Veranstaltung anmelden. Hoffentlich sind dann alle gesund. Könnten sich heute nicht einige angesteckt haben, will man von Mitorganisator Ilhan Yilmaz wissen. Der kann das nicht ausschließen: „Es könnte sein, dass alles in die Hose geht.“

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