Herderschul-Pädagogen schreiben Brandbrief

Abi-Prüfungen trotz Corona: Lehrer laufen Sturm - „Ein Skandal"

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Abistreich an der Herderschule in Kassel: Schüler haben Krokusse gepflanzt.

In der Coronakrise steht gerade die massive Kritik der Lehrer von der Herderschule im Mittelpunkt. Diese halten es für gefährlich, Schüler weiter ihr Abitur schreiben zu lassen.

  • Trotz des Coronavirus werden in Hessen derzeit Abiturprüfungen geschrieben
  • Lehrer der Herderschule in Kassel (Nordhessen) protestieren
  • Pädagogen der Hochschule haben einen Brandbrief nach Wiesbaden geschickt
  • Aktuelle Corona-Infos aus der Region Kassel gibt es hier

Kassel - Mit dem Festhalten an den laufenden Abiturprüfungen regt sich massiver Protest vor allem in der Herderschule in Kassel, dem Oberstufengymnasium des Landkreises. Jede Supermarktkassiererin sei besser gegen das Coronavirus geschützt als ein Lehrer, hieß es aus dem Kollegium der Schule. „Jeder, der rechnen kann, weiß, dass mit dem Nichtabbrechen des Abiturs Tote produziert werden. Ich halte das für einen Skandal“, sagte ein Lehrer.

Das Hessische Kultusministerium reagierte am Montag (23.03.2020) auf die jüngsten Anweisungen aus Berlin – allerdings anders als von den Lehrern erhofft. „Die Durchführung der schriftlichen Prüfungen des Landesabiturs ist von der verfügten Einschränkung der Versammlungsfreiheit nicht berührt“, hieß es aus Wiesbaden. 

Das Versammlungsverbot von mehr als zwei Personen gelte an öffentlichen Orten; dazu zählten nicht die Räumlichkeiten von Schulen. Durch die Einhaltung des Mindestabstands von zwei Metern zwischen den Prüflingen sei gewährleistet, dass es zu keiner Gruppenbildung komme. Dies gelte auch für den Weg zur Prüfung auf dem Schulgelände.

Coronavirus in Kassel: Abi trotz Corona-Krise - Lehrer schreiben Brandbrief

Die Lehrer der Herderschule sind entsetzt darüber, dass das Abitur nicht verschoben wird. Ihr Personalrat hat jetzt einen Brandbrief nach Wiesbaden geschickt. Darin heißt es: „Bitte beenden Sie endlich den Wahnsinn und verschieben Sie das Landesabitur! Vom Verschieben stirbt niemand.“ 

Die Lehrer kritisieren, dass die Schulen nicht genug Masken haben und zu wenig Desinfektionsmittel. „Lehrer, die Erkrankungsanzeichen zeigen, werden nicht getestet, trotz Hinweis, dass sie Lehrer sind. Daher wissen die anderen Lehrer, die mit ihnen in Kontakt waren, nicht, ob sie schon eine Virenschleuder sind oder nicht. Da viele in Hessen erkrankt sind, ist die Wahrscheinlichkeit extrem hoch, dass es infizierte Schüler und Lehrer gibt“, heißt es im Brief.

Kassel: Abitur trotz Coronakrise - Sicherheitsabstände einhalten 

„Wir nehmen die Sorgen der Lehrer ernst“, sagt Annette Knieling, die Leiterin des Staatlichen Schulamts in Kassel, „haben aber auch klar gemacht, dass wir erwarten, dass die Lehrer die Schüler durch das Abitur begleiten.“ Ihre Behörde stehe in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt und mit dem Kultusministerium. „Wir sagen nicht Augen zu.“ Stattdessen achte man darauf, dass der Sicherheitsabstand gewährleistet sei. In den zurzeit leeren Schulen sei das gut realisierbar.

Dass Lehrer verunsichert sind, zeigt auch die Reaktion des Hessischen Philologenverbands. „Ich kann mich nicht im Namen aller Mitglieder äußern“, sagt der Vorsitzende Boris Krüger, Lehrer an der Albert-Schweitzer-Schule. „Einige sagen, das Abitur nicht zu verschieben, sei gefährlich, andere meinen, dass es die Aufgabe der Lehrer sei, die Schüler jetzt durchs Abitur zu bringen.“ 

Eine Meinung hat Krüger auch: „Lasst es uns durchziehen. Wir müssen uns vernünftig verhalten und die Vorsichtsmaßnahmen unbedingt einhalten, dann besteht keine Gefahr.“ Die Schüler hätten es verdient, jetzt ihre Prüfungen abzulegen zu dürfen.

Coronavirus in Kassel: Zahl der Infizierten im Krankenhaus ist zurückgegangen

Indessen gab es am Montag auch gute Nachrichten im Zusammenhang mit dem Coronavirus: Die Zahl der Infizierten mit schwerem Verlauf in Stadt und Landkreis Kassel, die in einer Klinik behandelt werden müssen, ist laut Gesundheitsamt übers Wochenende von elf auf sechs zurückgegangen. Drei Patienten liegen allerdings auf Intensivstationen.

Coronavirus in Kassel: Zwei gastronomische Betriebe trotz Verbot offen

Ruhig bleibt die Lage nach dem Erlass des Kontaktverbots am Sonntag (22.03.2020). „Ein sehr großer Teil der Menschen in Kassel ist besonnen und hält sich an die Vorgaben für Zusammenkünfte“, so Oberbürgermeister Christian Geselle. 

Christian Geselle, Oberbürgermeister

Nur vereinzelt müssten Ordnungsamtsmitarbeiter Gruppen auflösen. Bei ihren Kontrollen stellten diese am Wochenende allerdings fest, dass sich zwei gastronomische Betriebe nicht an die Schließungsverordnung gehalten hatten. Nach einer Ansprache und Androhung von Sanktionen wurden diese schließlich geschlossen.

Video: Kassel: Abi-Prüfungen trotz Corona - Lehrer laufen Sturm

Von Marie Klement und Christina Hein

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Sommerreifen sind in der Coronakrise Nebensache: Bei Kasseler Reifendiensten bleibt der Saison-Ansturm aus.

Nach der Corona-Pause öffnen nun die Schulen in der Region wieder schrittweise. In einem Offenen Brief an das Hessische Kultusministerium wird scharfe Kritik zur Schulöffnung laut.

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