„Wir dürfen nicht vergessen werden“: Tagesmutter plagen finanziellen Ängste

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Vier Warnwesten bleiben bisher ungenutzt: Tagesmutter Jasmin Glatter betreut derzeit nur ein Kind, somit sind die Räume in ihrer Wohnung und Betreuungseinrichtung „Kita-Fant“ deutlich leerer und ruhiger als sonst. 

Wenn es derzeit um die Kinderbetreuung geht, ist immer wieder die Rede von Kindertageseinrichtungen wie Kindergärten und Krippen. Doch was ist mit den Tagesmüttern?

„Wir dürfen nicht vergessen werden“, sagt Jasmin Glatter. Sie arbeitet als Tagesmutter in Kassel und ist seit fast 20 Jahren in dem Beruf tätig. „Wir sind auch systemrelevant“, sagt sie – Tagesmütter übernehmen ihrer Meinung nach einen Anteil der Betreuung im U3-Bereich, der nicht zu unterschätzen sei. Derzeit gebe es Geld von der Stadt Kassel für die Ausfälle, aber ob das ab Juni auch noch so ist, sei bisher unsicher. Das könne bei manchen Tageseltern große Nöte verursachen – die Angst vor Hartz IV und um die eigene Existenz steige.

Glatter, die normalerweise fünf Kinder im Alter zwischen ein und drei Jahren in ihrer Einrichtung mit dem Namen „Kita-Fant“ betreut, erklärt, dass Tagesmütter selbstständig sind, aber nicht ganz so frei arbeiten können – Auflagen müssten beachtet werden, sie dürfe beispielsweise nicht vorwirtschaften. Um auch in Zukunft die Arbeit zu gewährleisten, sei eine finanzielle Unterstützung jetzt – und auch weiterhin – unerlässlich. Schließlich würden die Tageseltern spätestens nach der Coronakrise wieder genauso gebraucht wie davor. Es gehe nicht um die Schaffung neuer Plätze, sondern um den Erhalt der vorhandenen. Daher lautet der Appell der 46-Jährigen: Das Geld muss weiterfließen, bis der Regelbetrieb wieder beginnt.

Sie würde gern wieder genauso arbeiten wie davor, doch derzeit ist lediglich ein Kind bei ihr in der Notbetreuung – ab dem 4. Mai sind es vermutlich drei Kinder, das sei aber noch nicht sicher. Dass die Kinder derzeit ihre Tagesgeschwister nicht sehen können, sei schwierig. Um die Zeit zu überbrücken, steht sie regelmäßig in Kontakt zu den Familien, zum Beispiel, indem sie Fotos schickt. An Ostern brachte sie den Eltern Geschenke vorbei, die sie mit den Kindern zuvor gemeinsam gebastelt hatte. „Wir sind ein familiennahes System“, sagt die Tagesmutter – für sie ist es ein Familienmodell.

Jede Tagesmutter arbeite individuell und trage einen wichtigen Teil zur Gesellschaft bei. Glatter habe den Eindruck, der Beruf gelte in der Gesellschaft teilweise noch als eine Art Nachbarschaftshilfe. Sie wünscht sich deshalb mehr Verständnis für die gesamte Berufsgruppe.

Die 46-Jährige habe Kosten, die sie ohne Hilfe in der jetzigen Krise kaum allein stemmen könne: Ihre 160 Quadratmeter große Wohnung im Vorderen Westen diene ihr zwar als Wohnfläche, sei aber tagsüber der Lebensraum für fünf Kinder – dort werde gespielt, gekocht, gegessen und auch das Bad genutzt.

„Ich fühle mich komplett hilflos“, beschreibt Glatter ihre jetzige Situation und vermutet, dass es vielen anderen auch so geht: Tagesmüttern, aber auch den Eltern, die im Homeoffice nebenbei nun ihre Kinder betreuen müssen.

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