Achim Herwig: „Heute ist mein 10. Geburtstag“

Costa-Concordia-Unglück vor 10 Jahren: Überlebende Passagiere aus Kassel berichten

Kreuzfahrt in die Katastrophe: Am 13. Januar 2012 rammte die „Costa Concordia“ einen Felsen vor der italienischen Insel Giglio. An Bord waren mehr als 4200 Passagiere und Besatzungsmitglieder. 32 Menschen starben bei dem Unglück.
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Kreuzfahrt in die Katastrophe: Am 13. Januar 2012 rammte die „Costa Concordia“ einen Felsen vor der italienischen Insel Giglio. An Bord waren mehr als 4200 Passagiere und Besatzungsmitglieder. 32 Menschen starben bei dem Unglück.

Armin und Kornelia Herwig aus Kassel waren vor zehn Jahren auf dem havarierten Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“.

Kassel – Sashimi und Hirtenkäse lagen auf seinem Teller, als dieser plötzlich vom Tisch flog. Das wird Achim Herwig wohl nie vergessen. Der heute 64-jährige Mann aus Kassel war mit seiner Frau Kornelia und zwei befreundeten Pärchen vor zehn Jahren an Bord des Kreuzfahrtschiffes „Costa Concordia“, als dieses vor der italienischen Insel Giglio einen Felsen rammte.

Bei dem Unglück waren 4220 Menschen an Bord, 32 verloren ihr Leben. „Heute ist mein 10. Geburtstag“, sagt der 64-Jährige.

Die Herwigs und ihre Freunde hatten sich an diesem 13. Januar 2012 Rom angeschaut. Gegen 21.35 Uhr aßen sie gerade ihre Vorspeise auf der „Costa Concordia“, als es ein „fürchterliches Knattern“ gab, sagt Herwig. „Ich dachte erst, eine Turbinenwelle wäre gebrochen.“

Kurze Zeit später hätten die Passagiere erzählt bekommen, dass ein Generator defekt ist. „Das war nur eine Ausrede“, sagt Herwig, der bis zu seinem Renteneintritt Niederlassungsleiter der Firma IWL Industriewartung und Logistik in Baunatal gewesen ist.

Kurze Zeit habe man noch am Tisch gesessen, die Frauen hätten draußen an der Reling eine Zigarette geraucht. Dann ging es auf die Kabine. „Ich habe gemerkt, dass etwas nicht stimmt.“ Deshalb holten die Herwigs noch schnell Geld und Papiere aus dem Tresor. Dann sei auch schon der Alarm losgegangen. „Es ging runter zu Deck 4, wo unser Rettungsboot war, es war sehr laut, eine aufgeheizte Stimmung. Der Stärkere hat sich durchgesetzt.“

Da die Hälfte des Kreuzfahrtschiffes bereits gesunken war, habe ja auch nur die Hälfte der Rettungsboote zur Verfügung gestanden, sagt er. „In dem Moment habe ich mich schon gefragt, ob ich meine zwei Stiefkinder und meine beiden Enkel noch mal wieder sehe“, so der 64-Jährige.

Die sechs Passagiere aus Kasel hatten aber Glück. Sie bekamen einen Platz im Rettungsboot, das sie zur Insel Giglio in Sicherheit brachte. Es gab auch Passagiere, die von dem sinkenden Schiff ins Wasser gesprungen und zur Insel geschwommen waren. Herwig erinnert sich an einen Mann, der das gemacht hatte und nun seine Frau suchte. Der Mann habe sich auf einen Balkon gestellt und ständig „Marion, Marion“ gerufen. Diese Schreie werde er nie vergessen. Aber Herwig ist sich sicher, dass der Mann seine Marion gefunden hat. Schließlich sei keiner der Passagiere, die ins Wasser gesprungen seien, um an Land zu schwimmen, gestorben, sagt er.

Er erinnert sich auch noch, wie hilfsbereit die Bewohner von Giglio gewesen sind. Sie brachten den Schiffbrüchigen Decken und warme Sachen. „Die haben sogar noch nachts Pizzabrot für uns gebacken.“

Das Foto auf der „Costa Concordia“ mit Ingrid Schäfer aus Kassel (von links), zwei Kellnern, Kornelia und Achim Herwig sowie Uwe Schäfer entstand vor dem 13. Januar 2012.

Da sein Handy fast leer war, habe er von der Insel nur ganz kurz seinen Schwiegersohn in Deutschland angerufen und gesagt, dass alles in Ordnung sei. Wie er später erfahren habe, dachte sein Schwiegersohn zunächst, dass er bei dem Anruf betrunken gewesen wäre. Von dem Schiffsunglück erfuhren die Angehörigen in Deutschland nämlich erst am nächsten Morgen.

Die Herwigs sahen auch, wie Kapitän Francesco Schettino auf die Insel kam, obwohl noch zahlreiche Passagiere auf dem Kreuzfahrtschiff waren. Der Küstenkommandant habe den Kapitän per Lautsprecherdurchsage aufgefordert, zurück zum Schiff zu kehren. Nachdem Schettino dem nicht nachgekommen sei, sei er festgenommen worden. Dass der Kapitän später zu 16 Jahren Haft verurteilt worden ist, sei eine angemessene Strafe. Er hätte das Schiff nicht verlassen dürfen, sagt Herwig, der sich als Löwenbotschafter um die VIP-Gäste beim KSV Hessen Kassel und um die Organisation der Spiele der U19-Mannschaft kümmert.

Nach dem Unglück haben die Herwigs noch drei weitere Kreuzfahrten gemacht. In diesem Jahr planen sie eine Flusskreuzfahrt auf der Donau. „Es ist schöner, wenn man rechts und links noch Land sehen kann.“ (Ulrike Pflüger-Scherb)

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