Lebensgeschichte über Trennung, Taxis und Tingeln

Straßenmusiker Walter F. Binder: Ein Cowboy aus Kassel

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Kassels einsamer Cowboy: Walter F. Binder spielt auf der Königsstraße

Kassel. Fast jeder von uns hat sie schon gehört, doch wer sind die Straßenmusiker, die in der Innenstadt singen und spielen? Einer steht auf der Königsstraße - am Fuß der Treppenstraße. Um die Liebe zum Rock ’n’ Roll und die Hoffnung, nur noch diese Musik machen zu können, geht es in seinem Lied.

Man nimmt es ihm ab, passt es doch zu der einsamen Gestalt in der Innenstadt. Der Musiker heißt Walter F. Binder, ist 57 Jahre alt und trägt eine Lederhose, ein Hemd und einen Cowboyhut. Er steht versunken in seine Musik und das Spiel auf seiner Gitarre zwischen vorbeilaufenden Passanten.

In aller Welt unterwegs

„Ich habe schon überall auf der Welt Straßenmusik gemacht, von Amerika bis nach Indien“, erzählt Binder mit leiser Stimme. Seinen zweiten Vornamen schreibt er nur noch als Initial. „Das habe ich mir aus den USA mitgebracht“, sagt er grinsend. Doch dabei ist trotz seiner positiven Einstellung in seinem Leben nicht alles so gut gelaufen, wie er sich das vorgestellt hat.

Aufgewachsen in der Schwalm, begann Binder ein Studium der Soziologie in Marburg, das er jedoch abbrach. Die nächsten Jahre hielt er sich mit verschiedenen Jobs, unter anderem als Taxifahrer oder als Betreuer in einer Psychiatrie, über Wasser. 1998 kam es dann zu einem entscheidenden Einschnitt in seinem Leben. Er verlor die beiden Jobs, die er zu diesem Zeitpunkt hatte, und seine Ehe ging in die Brüche. In diesem Jahr war er auch zum letzten Mal in den USA, erzählt er.

Seitdem gab es viele Rückschläge: Ein weiterer Versuch zu studieren, sei am Geld gescheitert; als Taxifahrer hatte er einen Unfall, der es ihm unmöglich gemacht habe, weiter zu fahren. Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen, sei Musik immer noch das, was ihm am wichtigsten ist. Als Ehrenamtlicher engagierte er sich viele Jahre in der Kulturfabrik Salzmann im Beton-Studio. „Ich wollte immer Musik machen, um die Freiheit zu haben, reisen zu können, wenn ich will. Das war mir immer sehr viel wert.“

Leider habe das in den letzten Jahren nicht mehr geklappt. Momentan lebt Walter F. Binder von Arbeitslosengeld II, möchte Kassel auch wegen seiner Freundin und der Kinder nicht verlassen. Das Spielen auf der Straße gibt ihm die Möglichkeit, ein paar Euro dazuzuverdienen. Je nach Wetter und Tag sind es etwa 20 Euro in der Stunde. „Doch irgendwann werde ich wieder losziehen“. Bis dahin spielt er weiter zwischen den Häuserzeilen an der Königsstraße.

Von Martin Graf

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