"Es braucht auf jeden Fall noch einen CSD"

Darum ist der Christoper Street Day in Kassel doch nicht tot

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Organisieren den Kasseler Christopher Street Day am Samstag: Andreas Wolf (von links), Ira Belzer und Frank Engelhardt mit der Regenbogenfahne, die am Freitag am Rathaus gehisst wird.

Der Christopher Street Day in Kassel stand vor dem Aus. Nun findet er am Samstag doch statt. Die neuen Organisatoren wollen die Schwulen-Parade wieder politischer machen.

Am 4. Juli 1992 zog sich Frank Engelhardt ein blaues Kleid sowie High Heels an und marschierte neben einem nackten Mann, der nur eine Herkules-Keule trug und sonst nichts, durch die Kasseler Innenstadt. Es war der erste Christopher Street Day (CSD) in Nordhessen. Passanten beschimpften die 400 Teilnehmer.

Trotzdem war es für den homosexuellen Engelhardt eine Party, die er nicht vergisst. Seit der Premiere war er fast immer dabei. „Für mich ist es wie ein Klassentreffen“, sagt der 47-Jährige vor der 19. Auflage des Kasseler CSD, die es beinahe nicht gegeben hätte.

Vor einem Jahr stand die Parade, die sich für die Rechte von Homo- und Bisexuellen und Transgendern einsetzt, vor dem Aus. Zwar verzeichneten die Veranstalter mit 800 Teilnehmern einen Rekord, aber es fand sich niemand, der das alles organisieren wollte. Nachdem sich der Vorstand des 70-köpfigen CSD-Vereins aus privaten Gründen zurückgezogen hatte, folgte die Auflösung. Kassel wäre wohl die einzige deutsche Großstadt mit mehr als 200 000 Einwohnern, aber ohne CSD gewesen.

Nun aber gibt es eine neue Gruppe, die das Erbe fortführt. Getroffen hat sie sich regelmäßig in der „Netzwerkstelle für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*-, inter- und queere Personen“, die seit November in der Aidshilfe in der Motzstraße residiert.

„Der CSD ist komplett aus der Community gestaltet“, sagt Ira Belzer von der Netzwerkstelle. Die queere Gemeinschaft wollte „einen politischen und nichtkommerziellen CSD“, wie Engelhardt sagt.

Das ist eine ungewöhnliche Entwicklung. Die alten Organisatoren hatten geklagt, dass die Jüngeren den CSD „eher als Partymeile“ sehen. Und die Berliner Parade, die laut Mitorganisator Andreas Wolf zu einer Art Loveparade geworden ist, hat mit einer Million Besuchern gerade einen Teilnehmerrekord aufgestellt. In Kassel heißt es dagegen: weniger Party und mehr Demo.

Das offizielle Motto dazu lautet: „50 Jahre Stonewall – Wir wollen keine Grenzen.“ Ein halbes Jahrhundert nach der Anti-Schwulen-Razzia in der gleichnamigen New Yorker Bar und dem Aufstand der Szene ist zweifellos viel erreicht. Engelhardt etwa muss keine Angst mehr haben, wenn in der Zeitung steht, dass er als Therapeut an der Alexander-Schmorell-Schule arbeitet und schwul ist.

Hat sich der CSD durch die Erfolge der Schwulenbewegung selbst überflüssig gemacht? Nein, findet Holger Alexis Ewen, der die Parade seit 2012 organisiert hatte: „Es braucht auf jeden Fall noch einen CSD.“ Das zeigten etwa die homophoben Übergriffe nach der queeren Demo zuletzt in Stuttgart. Hierzulande „ist die Gleichberechtigung bei Trans-Personen noch lange nicht abgeschlossen“, findet Belzer. Und im Nachbarland Polen geraten Homosexuelle durch das Erstarken der Rechten immer mehr unter Druck.

Auch deshalb will der Kasseler CSD auf die Menschenrechte weltweit aufmerksam machen. Das schließt natürlich nicht aus, dass trotzdem Party gemacht – etwa mit bunt gekleideten Drag-Queens. Das macht auch bei Passanten Eindruck, wie Engelhardt festgestellt hat: „In einigen Augen sehe ich den Satz: ,Manchmal wäre ich auch gern wie ihr.’“

CSD in Kassel: Das Programm

  • Samstag, 17. August, 13 Uhr: Demo-Start am Hauptbahnhof. Die Route führt über Werner-Hilpert-, Rudolf-Schwander-Straße, Ständeplatz, Fünffenster- und Frankfurter Straße bis zum Königsplatz, wo um 14 Uhr eine Kundgebung stattfindet. Außerdem gibt es dort mehrere Infostände. 
  • 16 Uhr: Tanz-Workshop im Malala-Mädchenzentrum 
  • 19.30 Uhr: Open-Stage-Lesen für Queer in der Caricatura-Bar 
  • 21 Uhr: Sinnlust-Party im Gleis 1

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