Studie der CVJM in Kassel

"Wie ein Alien in der Gemeinde": Kirche denkt nicht genug an Singles

Für viele Singles ist Glaube wichtig. Doch die Kirche tut nicht genug für diese Gruppe, so die Ergebnisse einer Studie der CVJM-Hochschule Kassel.

  • Forscher der CVJM-Hochschule in Kassel untersuchen das Leben von christlichen Singles.
  • Diese werden laut ihnen nicht genügend in der Kirche beachtet.
  • Wir sprachen mit einem der Forscher.

Kassel – Rund 17 Millionen Singles und Alleinstehende leben in Deutschland – eine riesige Gruppe, die in den Kirchen jedoch wenig Beachtung findet.

Wie leben, glauben und lieben christliche Singles? Das wollten die Professoren Dr. Tobias Faix und Dr. Tobias Künkler und Dozentin Johanna Weddigen von der CVJM-Hochschule in Kassel herausfinden. Sie haben mehr als 3200 überzeugte Christen befragt, die keinen Partner haben. Wir sprachen mit Tobias Faix über die Ergebnisse der Studie.

Wie geht es Singles in christlichen Gemeinden?

Für viele christliche Singles spielt der Glaube eine große Rolle. Die Gemeinde ist ein ganz wichtiger Ort für sie. Sie finden dort Gemeinschaft, viele engagieren sich. Andererseits fühlen sie sich nicht ausreichend wahrgenommen und ein Stück weit stigmatisiert als Singles. Einer der Befragten sagte zu uns: Wenn Du mit 35 noch keinen Partner hast, kommst Du Dir vor wie ein Alien in der Gemeinde.

Woran liegt das?

Es gibt im kirchlichen Bereich eine unausgesprochene Normativität von Familie – je frommer und freikirchlicher, desto stärker. Das zeigt sich auch an den Angeboten der Gemeinden und an den Predigten: An Kinder, Jugendliche, Familien und Senioren wird gedacht. Aber Singles kommen fast gar nicht vor.

Hat Sie das überrascht?

Wir haben uns das Thema ja vorgenommen, weil wir vermutet haben, dass hier eine Gruppe zu kurz kommt. Wie stark viele Singles das empfinden und Wertschätzung vermissen, hat mich aber überrascht. Viele unserer Gesprächspartner haben sich ausdrücklich bedankt, dass wir sie befragt haben – weil sie das Gefühl hatten, endlich eine Stimme zu bekommen und gesehen zu werden. 

Das zeigt, dass schon eine gewisse Not da ist. Zugleich habe ich mich auch selbst ertappt gefühlt: Als Vater von zwei Kindern habe ich bei Gemeinden bisher auch als Erstes auf die Kinder- und Familienarbeit geguckt. Ich habe durch die Studie viel dazugelernt und meine eigene Perspektive geweitet.

Kirche ist ja eigentlich Expertin beim Thema Singles: Jesus lebte schließlich allein.

... und auch der Apostel Paulus als wichtiger Religionsstifter war unverheiratet. Aber Single sein hat in der Geschichte der Kirche immer mit Berufung zu tun. Die heutigen Singles, die wir befragt haben, fühlen sich aber nicht berufen. 81 Prozent wünschen sich eine Beziehung. Gerade im Alter zwischen 25 und 45 ist der eigene Druck der Partnersuche enorm.

Was wünschen sich Singles von Kirche?

Viele wünschen sich Extra-Veranstaltungen und Freizeitangebote für Singles. Wochenenden und Feiertage sind für sie die schwierigsten Tage, weil das traditionell Familienzeiten sind. Noch ausgeprägter war aber der Wunsch nach gemeinsamen Veranstaltungen, bei denen Singles und Verheiratete gemeinsam etwas machen. Was viele Singles ärgert, ist auch, dass sie gern an Feiertagen für Ehrenamts-Dienste eingeplant werden – weil die Familien ja nicht können. Es ist die Selbstverständlichkeit, die sie dabei stört.

Und wie sieht es mit dem Wunsch nach Unterstützung bei der Partnersuche aus?

Nein, das wird eher nicht von Kirche erwartet. Wobei Single-Treffs in der Gemeinde natürlich auch Gelegenheiten bieten, andere kennenzulernen. Im Internet gibt es aber explizit christliche Singlebörsen, die zum Teil mehrere Zehntausend Mitglieder haben. Es gibt sogar Speeddatings speziell für Christen. Was ich dabei wichtig finde, ist, dass Kirche bei ihren Angeboten für Singles eben nicht vermittelt, dass alle unter die Haube kommen und heiraten sollen. Es geht darum, das Single-Sein in seinem ganz eigenen Wert zu schätzen.

Welche Rolle spielt Sex für christliche Singles?

Wir haben ja im eher christlich-konservativen Milieu geforscht, in dem Sexualität vor allem in der Ehe verortet wird. Fast die Hälfte der von uns befragten Singles halten es grundsätzlich für richtig, mit Geschlechtsverkehr bis zur Ehe zu warten. 

Jeder Zweite hatte auch noch keinen Sex. Gleichzeitig bringt das viele in ein Dilemma, weil sie natürlich sexuelle Bedürfnisse haben. Jeder zehnte Befragte – in diesem Fall ausschließlich Männer – denkt darüber nach, Prostituierte aufzusuchen. Generell haben wir eine große Scham beim Thema Sex vorgefunden. Einige Teilnehmer wollten die Fragen zur Sexualität grundsätzlich nicht beantworten.

Was bedeutet das für Kirche?

Für die Gemeinden lautet die Hausaufgabe: Wir müssen mehr über Sexualität sprechen. Und zwar über beide Seiten: dass Sexualität Freude machen kann, aber auch belastend und zerstörend wirken kann. Das würde den Singles helfen, ihre eigene Sexualität zu leben und auszudrücken. Wichtig ist dabei, dass Kirche zum Thema Sexualität sprachfähig wird, ohne moralisierend zu werden.

Was sollten Gemeinden noch konkret lernen aus der Studie?

Es geht nicht um Aktionismus nach dem Motto: Jede Gemeinde muss für Singles dies oder jenes anbieten. Es geht eher um eine Haltung, um ein Bewusstsein für das Thema. Wir brauchen eine single-freundliche Kirche, weil Singles einen großen Teil der Kirche ausmachen. Singles wollen keine Sonderrolle, aber sie wollen Teil des Ganzen sein.

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