Interview mit Sebastian Kupski vom INKEK Lohfelden

Städtebau-Experte aus der Region: Klimawandel muss Chefsache sein

Neubaugebiet „Zum Feldlager“ in Harleshausen: Auch hier sollten die klimatischen Vorgaben konsequent umgesetzt werden, fordert der Experte.
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Neubaugebiet „Zum Feldlager“ in Harleshausen: Auch hier sollten die klimatischen Vorgaben konsequent umgesetzt werden, fordert der Experte.

Die erste Hitzewelle des Jahres mit tropischen Nächten haben wir bereits hinter uns. Was wird der Klimawandel für Städte wie Kassel bedeuten? Wir sprachen darüber mit dem Stadtplaner Sebastian Kupski vom Institut für Klima- und Energiekonzepte (INKEK) in Lohfelden.

Das Büro erstellt unter anderem Klimagutachten für Städte und Regionen und berät zum Thema klimabewusste Planung.

Der Klimawandel wird vor allem als globales Phänomen diskutiert. Die Folgen der Erwärmung abfedern kann man aber nur mit Maßnahmen vor Ort. Warum fällt es so schwer, den Klimawandel auch als lokales Problem zu begreifen?
Wir sind in Deutschland ja in der bevorzugten Lage, dass wir den Klimawandel noch nicht so stark spüren. Dennoch wird das Thema auch durch die heißen Sommer der vergangenen Jahre präsenter. Ich merke das immer bei meinen Vorträgen: Im November bei Nieselregen reagieren die Menschen viel verhaltener darauf als im Sommer bei 30 Grad im Schatten. Die Wahrnehmung ist aber auch regional sehr unterschiedlich: In Stuttgart, Frankfurt und Freiburg etwa gibt es bereits starke Klimabelastungen. Da weiß jeder in der Stadt Bescheid.
Wieviel hängt am Umgang der Kommunen mit dem Thema?
Sehr viel. In den genannten Städten haben Klimafragen einen hohen Stellenwert. In Frankfurt etwa muss inzwischen jedes Bauvorhaben vorab klimatisch geprüft werden. So weit ist Kassel leider noch nicht. Wir haben zwar schon Klimafunktionskarten für die Stadt erstellt, zuletzt im Jahr 2017. Da ist aber beispielsweise das Gewerbegebiet Langes Feld noch gar nicht berücksichtigt. Solche Analysen müssen regelmäßig aktualisiert werden. Vor allem aber müssen bei Bauvorhaben wie etwa am Feldlager in Harleshausen oder am Park Schönfeld die klimatischen Vorgaben auch konsequent umgesetzt werden.
Wie steht Kassel mit seiner Beckenlage da, wenn es um die Klimaerwärmung geht?
Städte sind grundsätzlich Wärmeinseln und stehen insofern schlechter da als der ländliche Raum. Das liegt daran, dass die Stadt sich durch die vielen versiegelten Flächen und Gebäude tagsüber stark aufwärmt und nachts diese Wärme abgibt. In Kassel kommt die Besonderheit der Tal-Becken-Lage hinzu. Weil die Stadt in einer Mulde liegt, kann der Wind nicht bodentief durchgreifen. Die Hitze, die sich an warmen Tagen in den Straßenschluchten bildet, wird also schlechter abtransportiert und verdünnt. Der Luftaustausch ist reduziert. Im Winter macht sich das gleiche Problem bei den Luftschadstoffen von Verkehr und Heizung bemerkbar.
Welche Rolle spielen dabei Schneisen, die kühlere oder frische Luft in die Stadt hineinführen?
Bei Wetterlagen wie zuletzt mit Hitze und ohne Wind: eine sehr große. Aus den Wäldern und Freiflächen um und in Kassel kann über solche Schneisen nachts kühlere Luft in die Stadt einströmen. Beispielsweise von der Dönche nach Niederzwehren oder vom Habichtswald über Wilhelmshöher Allee und Goetheanlage in den Vorderen Westen oder im Kasseler Osten von Kaufungen die Losse entlang nach Bettenhausen. Über solche Kaltluftschneisen fließt die kühlere Luft in die aufgeheizte Talmitte – wenn sie nicht durch Bebauung aufgehalten oder verzögert wird.
Zuletzt gab es Diskussionen um Neubauvorhaben im Umfeld solcher Kaltluftschneisen. Ist die viel beschworene Nachverdichtung der Stadt ein Problem?
Wir reden ja nicht nur über Klimaanpassung, sondern auch über Klimaschutz. Da macht es schon Sinn, nicht auf der grünen Wiese zu bauen, sondern Innenentwicklung zu betreiben. Dabei spielt auch eine Rolle, dass es in der Stadt beispielsweise ein gutes ÖPNV- und ein Fernwärmenetz gibt. Man muss aber wissen, wo man weiter verdichten kann und wo man besser die Finger davon lassen sollte. Da geht es dann wieder um die Kaltluftbahnen. Hier muss man genau schauen, welche Auswirkungen Bauvorhaben auch für benachbarte Stadtteile haben. Wichtig ist, dass die Kaltluft dort ankommt, wo Menschen wohnen oder wo sich Krankenhäuser, Schulen und Kitas befinden.
Werden Bauvorhaben in dieser Hinsicht zu lasch geprüft?
Häufig wird nur auf die sogenannte Klimaanalysekarte geschaut. Das ist aber nur eine grobe Analyse. Es ist an der Zeit, bei solchen Fragestellungen, wo es um konkrete Areale geht, mit der Lupe draufzuschauen. Da geht es um ein Mikroklima und die Frage, wie man ein Bauvorhaben möglichst verträglich umsetzen kann. Das wird meines Wissens selten oder zu oberflächig gemacht. Klimabelange werden häufig nicht ausreichend berücksichtigt.
Worauf muss man achten?
Wichtig ist vor allem, dass man frühzeitig an das Klima denkt und nicht erst, wenn der Bebauungsplan schon beschlossen und der Architekt fertig ist. Der denkt nämlich oft vor allem an den schönen Westbalkon. Gebäude haben die größte Auswirkung auf das Stadtklima sowohl was die Aufheizung als auch Luftzufuhr betrifft. Es macht eben einen großen Unterschied, ob ein Gebäude längs oder quer zu einer Luftleitbahn steht. Entweder blockiert es die einströmende Luft oder es lässt sie wenigstens teilweise vorbeiströmen. Wenn ich vor dem leeren Blatt sitze, kann ich so etwas noch steuern. Wenn ich die fertigen Pläne bekomme, habe ich meist keine Chance mehr mit meinem Klimagutachten. Dann kann ich nur noch Make-up betreiben.
Schon jetzt stöhnen wir im Sommer über Hitzewellen. Wie wird das Leben in 10 bis 20 Jahren aussehen? Kann man es in der Stadt noch aushalten?
Es gibt natürlich technische Möglichkeiten, sich anzupassen. Der schlimmste Fall wäre aber, dass alle sich Klimaanlagen einbauen. Das sind irre Produzenten von CO2. Das würde zu einer weiteren Aufheizung führen. Auch der Pool im Garten hat keine gute Klimabilanz. Es kann nicht sein, dass nur die sich an das Klima anpassen, die das Geld dafür haben. Was ist dann mit dem Bewohner im Dachgeschoss eines Mehrfamilienhauses im Wesertor?
Was müsste sich stadtplanerisch ändern?
Wir müssen viel mehr Bäume pflanzen und dürfen keine Flächen mehr versiegeln, bei denen das nicht unbedingt nötig ist. Es ist ja schön, dass auf dem Friedrichsplatz neue, ans Klima angepasste Bäume gepflanzt wurden. Aber es bräuchte drumherum viel mehr Grün. Ebenso am Marställer Platz, der vor einiger Zeit neu gestaltet wurde: Da ist alles versiegelt. Innenhöfe und Vorgärten im Vorderen Westen, die als Parkplatz genutzt werden? Geht gar nicht. Wir brauchen viel mehr Grün in der Stadt. Dafür müssen auch mal Parkplätze weichen. Und bei jeder Sitzbank und jedem Spielplatz, der geplant wird, gehören die Bäume oder Sonnensegel dazu, die Schatten spenden. Wenn wir lebenswerte Stadtquartiere erhalten wollen, müssen wir jetzt umdenken.
Welche Rolle spielt dabei die Politik?
Es gibt sicher Dinge, die der einzelne Hausbesitzer machen kann. Aber die Impulse müssen von der Politik kommen – und zwar auf allen Ebenen: vom Bund bis zur Kommune. In einer Stadt wie Kassel reicht es nicht, wenn nur ein Umwelt- und Gartenamt an solche Dinge denkt. Das muss ganz oben angesiedelt sein. Wichtig ist dabei, Klimaschutz und Klimaanpassung im Zusammenhang zu betrachten. Eine Chance bietet hier der Klimaschutzrat der Stadt Kassel.

Zur Person

Sebastian Kupski (41) ist Stadtplaner. Aufgewachsen in Kaufungen, hat er an der Universität Kassel studiert, unter anderem bei dem Umweltmeteorologen Prof. Dr. Lutz Katzschner. Mit diesem und zwei weiteren Partnern gründete Kupski 2013 das Institut für Klima- und Energiekonzepte (INKEK). Seit 2017 ist er Geschäftsführender Gesellschafter. Sebastian Kupski ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die Familie lebt in Lohfelden-Vollmarshausen. Dort hat auch das INKEK seinen Sitz. 

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