CDU: Nach der Wahl tauchte Daniel B. ab

Kassel. Als Daniel B. sich bei Stefan Weidelich für einen Posten im CDU-Vorstand bewarb, war der Stadtbezirksverbands-Vorsitzende froh: „Wir kannten uns vom Politikstudium an der Uni. Es ist schwer, junge Leute für die Partei zu finden“, sagte der 24-Jährige.

Stefan Weidelich

Weder bei der CDU noch in den Uni-Seminaren habe sich B. ausländerfeindlich geäußert. „Er hat konservativ argumentiert, aber nicht extremistisch.“ Seit einem Jahr sei Daniel B. regelrecht abgetaucht, berichtet Weidelich. Erst am vergangenen Mittwoch habe er sich wieder gemeldet, um mitzuteilen, dass es Neonazi-Vorwürfe gegen ihn gebe. Journalisten des Hessischen Rundfunks hätten ihn damit konfrontiert.

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Nach seiner Wahl zum Schriftführer war B. zu keiner weiteren Veranstaltung der CDU mehr erschienen. An ihn adressierte Briefe der Partei seien seit einigen Monaten als nicht zustellbar zurückgekommen, sagt Weidelich. Auch an der Universität habe er seinen Kommilitonen seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Soweit er wisse, sei Daniel B. für seinen Master-Abschluss an die Uni Kassel gekommen und mit einer Russlanddeutschen verheiratet. Auf einer Nachhilfe-Plattform im Internet bietet sich Daniel B. als Nachhilfelehrer an. Zwei Jahre Erfahrung sind dort angegeben.

Weil er sich im Stadtbezirksverband nicht engagiert hatte, sollte B. in der am 12. Dezember stattfindenden Mitgliederversammlung nicht wiedergewählt werden. Nach den jetzt laut gewordenen Vorwürfen sei sofort klar gewesen, dass er sein Amt ruhen lassen oder abgeben müsse. Dazu habe er ihn bei dem Telefonat aufgefordert, sagt Weidelich.

Als Daniel B. sich rechtfertigen wollte, habe er ihn an die Parteispitze verwiesen. „In der Nordstadt, wo viele Menschen mit ausländischer Herkunft leben, ist so ein Fall besonders heikel“, sagt der Stadtbezirksverbands-Vorsitzende. „Die Sache ärgert mich auch persönlich.“

Eva Kühne-Hörmann

Mit Erschrecken habe sie die Nachricht aufgenommen, dass ein offenbar Rechtsradikaler aus dem „Freien Widerstand Kassel“ Parteimitglied sei, sagte gestern auch CDU-Chefin Eva Kühne-Hörmann. Es werde umgehend ein Parteiausschlussverfahren angestrengt. Darauf verständigten sich gestern Abend noch 13 Mitglieder des Kreisvorstandes, die kurzfristig zusammenkamen. „Wir dulden kein rassistisches und kein nationalsozialistisches Gedankengut in unseren Reihen.“ Daniel B. habe sie nicht persönlich gekannt, der Stadtbezirksverband Nord sei ein kleiner, nicht sehr aktiver Verband.

Auf die HNA-Nachfrage, seit wann sie von dem Vorfall wisse, sagte Kühne-Hörmann zunächst, dass sie erst nach dem Parteitag am Samstag davon erfahren habe. Auf den Widerspruch zu Weidelich hingewiesen, der angab, die CDU-Chefin bereits am Donnerstag unterrichtet zu haben, sagte sie: „Er konnte mir zu diesem Zeitpunkt nichts Konkretes sagen.“ Er habe lediglich mitgeteilt, dass es Vorwürfe des Rechtsextremismus gegen den Schriftführer gebe. „Ich kann nicht ohne konkreten Sachverhalt agieren.“ Außerdem sei sie unterwegs gewesen. Erst am Samstag habe sie über den Hessischen Rundfunk die „schockierenden Details“ erfahren.

Von Bastian Ludwig und Katja Rudolph

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