Russischer Zwangsarbeiter über seine Zeit in Kassel – Freunde sind bereits gestorben

Dank an die Lebensretter

Das Versteck: Im Keller der ehemals an der Holländischen Straße gelegenen Restauration Josua Reich versteckten Karl Zundel und seine Frau den flüchtigen Zwangsarbeiter. Repro: Fischer

Kassel. Gern hätte Olexij Fedorowitsch Maximenko aus Tschernihiw in der Ukraine noch einmal die „Kasseler Freunde“, wie er sie nennt, gesehen und besucht, die ihm 1945 das Leben retteten. Doch zu diesem Besuch nach 65 Jahren ist es nicht mehr gekommen. Die Freunde sind bereits gestorben, wie Nachforschungen jetzt ergaben.

1942 wurde Maximenko, gerade 16 Jahre alt, aus seinem Heimatort Kulikow / Ukraine zusammen mit 20 anderen Dorfbewohnern nach Deutschland zur Zwangsarbeit geschafft. Eingesetzt wurde er als Hilfsarbeiter in der Panzerfabrik an der Holländischen Straße. Maximenko erinnert sich gut: „Wir wurden hinter Stacheldraht in zweietagigen Reihenhäusern einer unweit entfernt gelegenen Ziegelei untergebracht. Drei Jahre lang wurden wir von dort täglich zur Arbeit in Marschkolonnen getrieben, die von strengen Aufsehern mit Schäferhunden bewacht wurden.“ Die Bekleidung der Zwangsarbeiter war nicht wärmender als ein Schlafanzug. Auf dem Weg zur Panzerfabrik hüllten sie sich in die Decken ein, die ihnen nachts als Bettdecken dienten.

Es war an einem eiskalten Januarmorgen 1945, als Maximenko auf dem Weg zur Arbeit die Besinnung verlor und unbemerkt am Straßenrand der Holländischen Straße liegenblieb. Eine Deutsche fand ihn und nahm ihn mit zu einer Wirtschaft, die anderthalb Kilometer von der Panzerfabrik entfernt auf der anderen Seite der Holländischen Straße lag. Der Mann dieser Frau betrieb die Wirtschaft und züchtete Rosen im Garten, die er verkaufte.

Im Keller versteckt

Maximenko wurde zunächst im Keller der Gastwirtschaft versteckt. Gesucht wurde er nicht lange, da Kassel und die Panzerfabrik in den folgenden Tagen mehrmals bombardiert wurden. „Offensichtlich nahm man an, dass ich einem Angriff zum Opfer gefallen bin“ sagt er heute. „Das couragierte Verhalten der Eheleute aber hat mir das Leben gerettet.“

Drei Monate noch half er sowohl im Garten wie auch in der Wirtschaft aus, bis er Ende April von amerikanischen Soldaten befreit wurde. Briefe, mit denen er später versuchte, Kontakt mit seinen Rettern aufzunehmen, blieben unbeantwortet. Auf Grund einer ziemlich exakten Skizze, die Maximenko zeichnete, ist es uns gelungen, zumindest die Nachfahren seiner Lebensretter und auch den Standort der ehemaligen Wirtschaft ausfindig zu machen. Es handelte sich um die Restauration Josua Reich an der Stadtgrenze zwischen Kassel und Vellmar.

Das Haus fiel der Verbreiterung der Holländischen Straße zum Opfer. Heute befindet sich nahe dieser Stelle die Baumschule Zundel und damit ist auch die Frage des Wirtes und Rosenzüchters geklärt: Firmengründer Karl Zundel veredelte früher Freiland-Schnitt-rosen, die im Sommer täglich frisch in die Kasseler Blumengeschäfte geliefert wurden. Seine Enkelin, Margrit Körtge, die heute die Baumschule führt, ist sich sicher, dass der Opa ihr nie etwas von seiner mutigen Tat erzählt hat.

Von Wilhelm Ditzel

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