Horst Zehm, Pförtner im Polizeipräsidium Nordhessen, geht in den Ruhestand

Danke, Herr Wachtmeister

+
Das erste Gesicht im Polizeipräsidium Nordhessen: Polizeioberkommissar Horst Zehm sitzt seit 1999 an der Pforte. Heute hat er seinen letzten Arbeitstag.

Kassel. Am Tag sind es etwa 100, im Monat 2500 und in einem Jahr 30 000 Menschen, die das Polizeipräsidium Nordhessen besuchen. Und alle müssen an Horst Zehm vorbei. Der Polizeioberkommissar ist seit der Eröffnung im Jahr 1999 Pförtner des Präsidiums am Hauptbahnhof.

Rund 420 000 Menschen zeigte er seitdem den Weg: Bestohlenen, Opfern von Gewalttaten, Zeugen und Tatverdächtigen. Vielen Menschen hat er durch aufmunternde beziehungsweise beruhigende Worte die erste Angst vor dem Besuch bei der Polizei genommen. Heute hat der Mann mit dem freundlichen Lächeln seinen letzten Arbeitstag. Morgen wird er 60.

1970, vor fast 43 Jahren, bewarb sich Zehm, der in Immenhausen geboren wurde und dort bis heute mit seiner Frau lebt, bei der Polizei. Nach der Ausbildung in Kassel musste er zunächst in Südhessen auf Streife gehen. Nach fünf Jahren in Kelkheim (Taunus) ging es zurück in die Heimat: Zehm kam zur Einsatzbereitschaft im Präsidium am Altmarkt. Es folgten über 20 Jahre Streifendienst.

Als für das neue Präsidium zwei Polizeipförtner gesucht wurden, bewarb sich Zehm. Nach all den Jahren auf der Straße und des Schichtdiensts konnte er sich 1999 gut eine Aufgabe im Innendienst vorstellen. „Man wird ja auch nicht jünger.“ Von der jahrelangen Erfahrung als Schutzpolizist habe er an der Pforte stets profitiert. In vielen Fällen reichte es aus, dass er die Gesichter der Leute sah, um zu wissen, was diese auf dem Herzen haben. „Manchmal haben wir gewettet und lagen oft richtig.“

Geschulter Blick

Manchen Damen sehe man an, dass sie eine Anzeige wegen sexueller Belästigung erstatten wollten. Anderen, dass sie etwas auf dem Kerbholz haben. Mitunter nahm er seinen Kollegen von der Schutz- und Kriminalpolizei auch Arbeit ab. Wenn zum Beispiel Senioren mit einem Gewinnversprechen an der Pforte standen und wissen wollten, ob sie wirklich eine Schiffsreise gewonnen haben, bei der ihnen auch noch 100 000 Euro überreicht werden sollen. Zehm holte diese Senioren auf den Boden der Tatsachen zurück und sagte: „Ab in die Mülltonne mit der Benachrichtigung.“

Als Pförtner bekomme man alles mit, sagt Zehm. Im Laufe der Jahre stumpfe man natürlich auch etwas ab. „Aber man kann nicht alles ablegen. Manches nimmt man mit nach Hause.“ Sehr nahe sei es ihm immer gegangen, wenn Angehörige nach einem Unfall die Sachen der Opfer bei der Polizei abgeholt hätten. Der Respekt vor der Polizei sei im Laufe der Jahre ein bisschen verloren gegangen, sagt Zehm. Vor allen Dingen Jugendliche würden immer aggressiver. „Aber in 90 Prozent der Fälle, bei denen Leute hier aggressiv reingekommen sind, habe ich es geschafft, sie wieder auf einen normalen Level zu bringen.“ Und in vielen Fällen hätten sich die Besucher sogar mit einem Winken verabschiedet: „Es ist doch schön, wenn die Leute sagen: Danke, Herr Wachtmeister.“

Von Ulrike Pflüger-Scherb

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.