Interview: Krankenpflegedirektor Dieter Sommer hat seine Mutter zu Hause gepflegt

„Das A und O ist Beratung“

Pflege zu Hause: Die meisten alten Menschen werden von Angehörigen gepflegt – wie hier auf unserem Archivfoto eine demenzkranke Frau aus Brandenburg. Archivfoto: dpa

Kassel. Zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden in Deutschland von Familienangehörigen gepflegt. Allein in Kassel sind es mehr als 7300. Viele Pflegende sind aber nur wenig über die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf informiert. Mehrere Veranstaltungen in Kassel klären jetzt darüber auf.

Einen Angehörigen pflegen und gleichzeitig berufstätig sein – das ist für die meisten Menschen eine schwer zu lösende Aufgabe. Dieter Sommer, Krankenpflegedirektor im Vitos Klinikum Kurhessen Bad Emstal, hat sie gemeistert. Er hält am 8. Mai im Rahmen der Reihe „Vereinbarkeit von Beruf und Pflege“ als Mitreferent den Vortrag „Menschen mit Demenz verstehen“.

Sie haben Ihre Mutter gepflegt. Wie haben Sie es geschafft, Pflege und Beruf unter einen Hut zu bringen?

Dieter Sommer: Ich kann aus eigener Betroffenheit mitreden. Meine Frau und ich haben sechs Jahre lang meine demenzkranke Mutter begleitet. 2010 ist sie gestorben. Damals gab es die gesetzliche Pflegezeit noch nicht, das heißt, Pflege zu Hause war für Berufstätige mit großen Schwierigkeiten verbunden. Meine Frau, eine Krankenschwester, hat ihre Stelle reduziert, und ich konnte flexibel reagieren und die Zeiten zu Hause mit meinen Dienstzeiten vereinbaren.

Wie bewerten Sie heute Ihre damalige Situation?

Sommer: Für uns war das selbstverständlich. Meine Mutter hatte zuvor meinen Vater gepflegt. Wir wohnten in einem Haus. Für mich war klar, dass ich meine Mutter nicht in ein Heim gebe.

Angehörige zu pflegen, ist oft psychisch schwierig, weil man wenig Distanz hat. Vielleicht war es für uns leichter, weil wir vom Fach sind. Zurückblickend war es aber insgesamt eine schwere Zeit, weil man alles organisieren musste. Nichts ging mehr spontan. Das war eine große Einschränkung für meine Frau und mich. Wir würden es trotzdem wieder machen.

Worin bestehen die Hürden für Arbeitnehmer, Pflegezeit in Anspruch zu nehmen?

Sommer: Die Pflege eines alten Menschen bedeutet in der Regel Begleitung bis in den Tod. Das ist bei allen Bemühungen und gutem Willen eine Belastung. Ein weiteres Problem: Die Zeit des Pflegebedarfs ist nicht absehbar. Das ist schwierig für Arbeitnehmer und -geber. Bei allem was der Gesetzgeber inzwischen schon macht: Das A und O ist die Beratung. Die meisten wissen viel zu wenig, beispielsweise, dass man einen Gutachter anfordern kann. Es gibt zu wenig Information und Beratung.

Was muss verbessert werden?

Sommer: Der Gesetzgeber ist ja dabei nachzubessern. Die Politiker merken langsam, dass es immer mehr Demente und immer weniger Pflegende gibt. Ich denke, die ambulanten Angebote müssen gestärkt werden. Es ist ein Fehler zu denken, jeder könne pflegen. Richtig ist: Pflegende brauchen eine professionelle Anleitung und Betreuung. Man müsste in den Schulen mehr für Pflegeberufe werben, denn Pflege wird zunehmend schwierig, wenn die geburtenschwachen Jahrgänge kommen. Auch die Kommunen müssten mehr machen, um zu informieren, aber die haben ja kein Geld.

Von Christina Hein

Hier gibt es Beratung

Je nach Pflegestufe und -fall erhalten pflegende Angehörige zwischen 285 und 1918 Euro Pflegegeld/Monat. Die Pflegekassen (Krankenkassen) sind zur Beratung verpflichtet. Informationen erteilen auch der Pflegestützpunkt der Stadt Kassel, Tel. 787 56 30, sowie die Pflegeberatung der Awo, Tel. 08 00 / 607 01 10, oder online: www.awo-pflegeberatung-online.de

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