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Das Bohemia auf der Friedrich-Ebert-Straße wurde vor 40 Jahren eröffnet

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Von: Ulrike Pflüger-Scherb

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Typisches Bild: Einige Gäste parkten gerne ihre Ferraris vor dem Bohemia. Der silberne Ferrari ist auch in dem Youtube-Video zu sehen.
Typisches Bild: Einige Gäste parkten gerne ihre Ferraris vor dem Bohemia. Der silberne Ferrari ist auch in dem Youtube-Video zu sehen. © PRIVAT

Seit 40 Jahren gibt es das Bohemia auf der Friedrich-Ebert-Straße. Das soll gefeiert werden.

Kassel – „Ich bekomme immer Gänsehaut, wenn ich es sehe.“ Gunter Schmidt spricht über ein Video, das vor einigen Monaten bei Youtube aufgetaucht ist. Dort sind Szenen zu sehen, die 1982 oder 1983 in seinem frisch eröffneten Café Bohemia an der Friedrich-Ebert-Straße gedreht worden sind. Wer den Film hergestellt hat, konnte Schmidt bislang nicht herausfinden. Nur, dass er in den USA hochgeladen worden ist. (Das Video finden Sie weiter unten im Artikel)

Allerdings kennt Schmidt noch viele Menschen, die auf dem Video zu sehen sind. An diesem Samstag feiert er mit einigen von ihnen den 40. Geburtstag vom Bohemia. Am heutigen Freitag findet eine Party in der Bar statt, zu der jeder kommen kann. Die Feierlichkeiten finden mit einigen Monaten Verspätung statt – wegen Corona. Schmidt eröffnete das Bohemia nämlich bereits am 1. Februar 1982.

„Ich wollte in Kassel mal einen vernünftigen Kaffee trinken“, sagt Gastronom Schmidt (67) über einen seiner Gründe, das Bohemia vor 40 Jahren zu eröffnen. „Das hier war der erste deutsche Laden in Kassel, in der eine zweigruppige Siebträgermaschine zur Zubereitung für Kaffee stand. Ich wollte endlich mal etwas anderes machen“, fügt er hinzu. „Ein Vorbild für den Laden habe ich nicht gehabt.“

Sie feiern an diesem Wochenende den 40. Geburtstag vom Bohemia: Gunter Schmidt (links) eröffnete das Café 1982. Seit 2016 hat Nasrat Ansari die Bar an der Friedrich-Ebert-Straße gepachtet.
Sie feiern an diesem Wochenende den 40. Geburtstag vom Bohemia: Gunter Schmidt (links) eröffnete das Café 1982. Seit 2016 hat Nasrat Ansari die Bar an der Friedrich-Ebert-Straße gepachtet. © Andreas Fischer

Sicherlich hat er sich einige Anregungen in den USA geholt. Denn in Idaho hatte der gelernte Schreiner zuvor einige Zeit verbracht. Und das Bohemia sah dann auch so ganz anders aus wie die üblichen Kneipen in der Stadt. Nicht dunkel, sondern hell: Weiße Thonet-Stühle (bei Thonet hatte Schmidt kurzzeitig gearbeitet) mit pinken Polstern und viel Licht sorgten für eine einzigartige Atmosphäre im Bohemia. „Der Laden war vom allerersten Tag an erfolgreich“, erinnert sich Schmidt, der heute noch Inhaber des Restaurants Gutshof in Bad Wilhelmshöhe ist.

Nach der offiziellen Eröffnungsfeier mit 30 geladenen Gästen habe er am 2. Februar zu seinen „Jungs“ gesagt, dass sie alle ihre Freunde anrufen sollen, erzählt Schmidt. Die seien daraufhin zu den umliegenden Telefonzellen gelaufen. Ergebnis: Um 22 Uhr waren so viele Gäste im Bohemia, dass einige vor der Bar auf der Straße stehen mussten.

„Beschwerden von den Nachbarn habe ich nie bekommen. Mit denen habe ich mich immer gut verstanden. Aber ich habe auch immer versucht, die Musik flach zu halten“, sagt Schmidt. Zudem sei damals um 1 Uhr Sperrstunde gewesen. Dann habe man schon mal das Rollo runtergelassen und drinnen weitergemacht, so Schmidt. „Aber leise.“

Die erste Einrichtung: Die pink-weißen Thonet-Stühle sorgten 1982 für Furore. Die Einrichtung des Bohemia war einzigartig für Kassel.
Die erste Einrichtung: Die pink-weißen Thonet-Stühle sorgten 1982 für Furore. Die Einrichtung des Bohemia war einzigartig für Kassel. © privat

Das Bohemia war beliebt bei jungen Intellektuellen, Studenten, Poppern, Ärzten und Rechtsanwälten, zudem kamen die Fußballer des KSV und Kampfsportler.

„Mein erster Stammgast war Emin Boztepe. Der hat damals für unsere Mitarbeiterinnen schon mal die Kisten aus dem Keller geholt.“ Wenn der Wing-Tsun-Großmeister und die Hollywood-Größe Boztepe heute seine Heimat Kassel besucht, dann schaue er immer noch auf einen Kaffee im Bohemia vorbei, sagt Nasrat Ansari. Der 44-jährige Gastronom hat das Bohemia seit 2016 von Gunter Schmidt gepachtet.

Schmidt hat die Szenekneipe selbst nämlich nur bis 1986 betrieben. Dann suchte er wieder neue Herausforderungen in der Gastronomie, unter anderem betrieb er das italienische Restaurant Peppone und die Kutscherstuben bei Mercedes und organisierte die Eröffnungsfeier für die documenta 1992. Das Bohemia verpachtet Schmidt seitdem.

Das Team der ersten Stunde: (von links) Friedrich (Frieder) Wagner, Gunter Schmidt und Manfred Mattis im Jahr 1982.
Das Team der ersten Stunde: (von links) Friedrich (Frieder) Wagner, Gunter Schmidt und Manfred Mattis im Jahr 1982. © PRIVAT

Zudem habe der damalige Fußballspieler Uwe Pallaks unbedingt das Bohemia 1986 übernehmen wollen, so Schmidt. In den vergangenen 40 Jahren gab es einige Pächter, unter anderen Dieter Dams, Heike Landgrebe, Alf Ketzer, Markus Suarez, Dirk Görner, Oliver Bertram, Thomas Kosmalki und seit einigen Jahren Nasrat Ansari. „Einige haben es richtig gut gemacht, andere weniger. Da habe ich einiges erlebt“, sagt Schmidt. „Wer will, der kann. Er macht es gut“, sagt er über seinen aktuellen Pächter Ansari.

Schmidt und Ansari sind sich einig darin, dass das Erfolgsrezept für das Bohemia schon immer das Team gewesen ist. „Hier haben immer top Leute gearbeitet, die als Schüler und Studenten angefangen haben“, sagt Schmidt. Viele von den ehemaligen Service- und Thekenkräften hätten später große Karrieren gemacht, zum Teil international.

Allerdings sei es mittlerweile schwer, Personal zu finden, sagt Ansari. Momentan arbeiten zwölf Leute für ihn, vor Corona waren es 17. Zu ihm kommen aber immer noch Gäste, die das Bohemia vor 40 Jahren besucht haben. Die komme aber eher tagsüber auf einen Kaffee, die Jüngeren besuchen den Laden abends und am Wochenende.

Dass er den Laden vor 40 Jahren Bohemia getauft hat, habe übrigens nicht mit dem Begriff Bohème, der für Leichtigkeit und Lebenslust steht, zu tun, so Schmidt. Bohemia hieß ein mexikanischen Biers. Und dieser Name hat Schmidt gefallen.

Dass das Bohemia bundesweit einen Namen hat, konnte Ansari vor geraumer Zeit bei einem Aufenthalt in Wiesbaden erfahren. Dort hatte er sein Auto mit Bohemia-Logo geparkt. Als er wiederkam, klemmte ein Zettel hinter dem Scheibenwischer mit der Nachricht „Liebe Grüße an G. Schmidt, Clausi“. Gunter Schmidt kann sich noch gut an Clausi (übrigens eine Frau) erinnern. „Sie war Stammgast bei uns.“

Hängt heute noch im Bohemia: Der Künstler Jörg Götzfried zeichnete diese Szene 1982 für einen Kneipen-Kalender. Repro: Andreas Fischer
Hängt heute noch im Bohemia: Der Künstler Jörg Götzfried zeichnete diese Szene 1982 für einen Kneipen-Kalender. Repro: Andreas Fischer © Fischer, Andreas

Der Kalender

Wo lernt man am besten Menschen kennen? „In der Kneipe“ dachte sich der Künstler Jörg Götzfried, als er 1982 von Berlin nach Kassel zog. Also tingelte er durch die Kasseler Bars und zeichnete die Szenerie auf. Daraus entstand ein Kalender für das Jahr 1983. Götzfried zeichnete damals zum Beispiel im Ulenspiegel an der Goethestraße und auch im Bohemia, wo das Kalenderblatt bis heute hängt. Auf der Zeichnung hat Gunter Schmidt übrigens ein blaues Auge. Das habe er in einer Auseinandersetzung mit einem Polizisten verpasst bekommen. 

Das Video

Am 18. April dieses Jahres hat Rainer Anders (Gunter Schmidt kennt ihn nicht) ein Video mit dem Titel „Café/Bar Bohemia, Kassel (Germany) 1983“ bei Youtube hochgeladen. In 4 Minuten und 46 Sekunden wird gezeigt, was für Menschen in den Anfangsjahren das Bohemia besuchten. Eine bunte Mischung war das. Wer besuchte das Bohemia? Ein Gast mit pinker Jacke und üppigem Oberlippenbart beantwortete die Frage folgendermaßen: „Geschäftsleute, Freaks, Studenten, alles mögliche.“ Und was sei er? „Lebenskünstler.“ Eine Frau beschrieb das Café: „Es ist ja so ein bisschen Bohème-Stil. Es ist alles ziemlich oberflächlich, aber erholsam. Man kann ja nicht immer nur tiefschürfende Gespräche führen.“

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