Libyscher Student aus Kassel bangt um seine Familie

„Das ist Horror für mich – ich kann nicht mehr“

Krieg: Aus Angst vor dem Terrorregime des Machthabers Gaddafi will der Kasseler Student seinen Namen nicht nennen und auch nicht fotografiert werden. Deswegen können wir an dieser Stelle nur ein allgemeines Foto über die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Libyen zeigen. Foto: dpa

Kassel. Seit Beginn der Unruhen in Libyen kann Hassan (Name von der Redaktion geändert) schlecht schlafen. „Ich stehe voll unter Schock. Das ist Horror für mich. Ich kann nicht mehr“, sagt der 33-Jährige, der in Kassel studiert. Die Bilder von der grausamen Ermordung libyscher Bürger durch Machthaber Gaddafi, die ihn via Internet und Fernsehen erreichen, lassen ihn nicht mehr los. „Meine Landsleute werden von Gaddafis Miliz abgeschlachtet.“

Er bangt um seine Eltern und fünf Geschwister in dem nordafrikanischen Staat. „Ich lebe in der ständigen Unsicherheit, ob sie überhaupt noch am Leben sind“, sagt er leise. Auch in Zawia, das nur wenige Kilometer entfernt von seinem Heimatdorf liegt, sei die Lage dramatisch: Der Ort sei seit elf Tagen umzingelt. Es fehle nicht an Lebensmitteln, wohl aber an Medikamenten und Babynahrung.

Der Krieg hat auch Einfluss auf Hassans finanzielle Situation, denn er erhält kein Geld mehr von zu Hause. Die Banken hätten ihre Transaktionen eingestellt. Fast keiner würde in Libyen mehr einer geregelten Arbeit nachgehen.

Ein libyscher Student aus Kassel hätte bereits Verwandte verloren. Hassan stehen während des Erzählens Tränen in den Augen. „Gaddafi soll gehen. Er hat 42 Jahre lang alles heruntergewirtschaftet. Wir wollen ein Grundgesetz und eine richtige Demokratie“, sagt er und verzieht wütend das Gesicht.

„Gaddafi soll gehen. Er hat 42 Jahre lang alles heruntergewirtschaftet. Wir wollen ein Grundgesetz und eine richtige Demokratie.“

Hassan, Student AN DER UNI Kassel

Hassan schläft höchstens zwei, drei Stunden am Tag. Er sieht fern und informiert sich nach Stunden unruhigen Schlafs morgens im Internet. Eigentlich hätte der Student der Uni Kassel Hausarbeiten und Klausuren schreiben müssen. „Aber ich kann mich auf gar nichts konzentrieren“, sagt er. Seine Professoren hätten aber größtes Verständnis für ihn.

Wenn es zu telefonischem Kontakt kommt, spricht Hassan mit seinen Verwandten nicht über die Situation in dem Ölstaat. „Wir haben Angst, dass unsere Handys abgehört werden“, sagt er. Denn die Gaddafi’sche Geheimpolizei sei übermächtig.

Sogar bis Deutschland reiche der lange Arm des Diktators. So würden die 1500 hier lebenden Stipendiaten stark unter Druck gesetzt: Indem sie vom libyschen Botschafter in Deutschland mit dem Abbruch des Stipendiums bedroht würden, wenn sie an einer Demo gegen den ungeliebten Machthaber teilnähmen. Hassan und andere Studenten fordern, dass der Botschafter ausgewiesen wird.

Hassan lebt seit 2004 in Kassel, wo er eine zweite Heimat gefunden hat. Er stammt aus einer gebildeten Familie, alle seine Geschwister haben studiert. Er weiß, dass er Deutschland viel zu verdanken hat. Der 33-Jährige träumte einst davon, bei einer deutschen Firma anzuheuern, die in Libyen eine Vertretung hat.

Jetzt ist seine Zukunft unsicher. Falls der Diktator stürzt, werde der Aufbau eines demokratischen politischen Systems lange dauern, sagt er. „Aber das Wichtigste ist die Freiheit. Das ist ein ganz hohes Gut.“

Von Beate Eder

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