INTERVIEW  Brigitte Bergholter über die Bedeutung des Weltkulturerbes

„Das ist eine Herkulesaufgabe“

Einzigartig: Der Bergpark Wilhelmshöhe mit Herkules und Wasserspielen wurde im Jahr 2013 zum Weltkulturerbe ernannt. Archivfoto: Dieter Schachtschneider
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Einzigartig: Der Bergpark Wilhelmshöhe mit Herkules und Wasserspielen wurde im Jahr 2013 zum Weltkulturerbe ernannt. Archivfoto: Dieter Schachtschneider

Nachdem der Bergpark Wilhelmshöhe im Jahr 2013 zum Weltkulturerbe ernannt worden ist, haben es sich die Mitglieder des Vereins Bürger für das Welterbe zur Aufgabe gemacht, den Menschen die Bedeutung des Welterbes zu vermitteln und sich tatkräftig für dieses kulturelle Erbe einzusetzen. Über die Arbeit des Vereins, der jetzt seit 20 Jahren besteht, sprachen wir mit Brigitte Bergholter, die seit 2016 Vorsitzende ist.

Was war in den vergangenen 20 Jahren der größte Erfolg für den Verein? Das war natürlich im Jahr 2013 die Ernennung des Bergparks Wilhelmshöhe zum Unesco-Weltkulturerbe. Der Verein unter Führung meines Vorgängers Hardy Fischer hat maßgeblich dazu beigetragen, dass wir den Titel erringen konnten. Im Vorfeld wurde ja als maßgebliches Kriterium für den Titel die Beteiligung der Zivilgesellschaft in der Stadt genannt. Neben dem Verein hat der „Runde Tisch der Kulturgesellschaften“, den 40 Vereine repräsentieren, mit großartigen Aktionen die Bewerbung in die Stadtgesellschaft hereingetragen.

Was waren das zum Beispiel für Aktionen? Im Jahr 2012 stellte der Runde Tisch im Rahmen des Projekts „Das Welterbe des Monats“ je ein Welterbe im Rathaus-Foyer vor. Die Deutsch-Italienische Gesellschaft hat damals zum Beispiel Kassels Partnerstadt Florenz vorgestellt und die Deutsch-Französische Gesellschaft die „La Cuisine Française“, also die französische Küche. Durch den Publikumsverkehr im Rathaus erreichte die Ausstellung eine große Öffentlichkeit und damit eine Grundlage für eine erfolgreiche Bewerbung.

Was hat noch zum Titel beigetragen? Ursprünglich lautete das Motto der Bewerbung ja „Drei Parks - Drei Schlösser“, dazu zählten neben dem Schloss Wilhelmshöhe auch noch die Orangerie in der Karlsaue und das Rokokoschloss in Wilhelmsthal. Die Icomos-Kommission, die uns während des Bewerbungsprozesses begleitete, riet uns allerdings, auf ein Alleinstellungsmerkmal zu setzen, weil es bereits viele Barockanlagen als Welterbestätten gibt. Ansonsten seien die Chancen eher gering, den Titel zu bekommen. Also konzentrierten wir uns ab dem Jahr 2010 auf den Herkules und die über 300 Jahre alten Wasserspiele, die einzigartig sind. Das hat schließlich zum Erfolg geführt. Wir fühlen uns dennoch für die zwei anderen Schlösser und Parks verantwortlich und machen dort zahlreiche Veranstaltungen.

Was passierte, nachdem der Bergpark zum Weltkulturerbe ernannt worden war? Anschließend traten viele Mitglieder aus dem Verein aus, weil sie glaubten, das Ziel ist nun erreicht. Allerdings hat sich der Verein dann ein neues Ziel gesetzt: Wir regen die Menschen in der Stadt an, über den Umgang mit ihrem kulturellen Erbe nachzudenken, es zu bewahren und neu zu definieren. Die Welterbevermittlung ist eine Herkulesaufgabe. Erfreulich ist, dass wir seit 2015 unsere Mitgliederzahl auf 240 verdoppelt haben.

Man kann den Titel aber auch wieder verlieren. Das Dresdner Elbtal wurde wegen der umstrittenen Waldschlösschenbrücke von der Liste der Weltkulturerbestätten gestrichen. Könnte dem Bergpark das gleiche Schicksal ereilen? Nein, so sorgsam wie die MHK und letztlich auch der größte Teil der Besucher mit dem Welterbe umgehen, besteht keine Gefahr, dass wir den Titel aberkannt bekommen.

Aber es gibt auch immer wieder Probleme. Seitdem der Bergpark zum Weltkulturerbe erklärt wurde, haben wir ein unglaubliches Verkehrsaufkommen. Das ist ein immerwährendes Problem. Zudem ist der Bergpark nicht behindertenfreundlich. Dennoch gibt es Bemühungen, Menschen mit Behinderung den Zugang zu gewähren. Ich denke, ein regelmäßiger Shuttle von der Endhaltestelle der Linie 1 bis zum Schlossplateau ist unerlässlich. Auch eine direkte Straßenbahnverbindung zum Schlossplateau sollte weiter diskutiert werden.

Es gibt immer wieder Ärger, weil Leute gegen die Parkordnung verstoßen. Ich laufe jeden Morgen durch den Park und sehe, wie Leute mit ihren Rädern rücksichtlos über die Wege brettern. Das ist für mich Freizeitegoismus. Zudem gibt es immer wieder Probleme mit frei laufenden Hunden. Unser Verein hat einiges Geld für eine zusätzliche Parkaufsicht gesponsert. Wir würden auch neue Schilder mit der Parkordnung finanzieren. Die Schilder, die es bislang gibt, fallen nicht so ins Auge.

Solche Probleme gibt es in anderen Weltkulturerbestätten aber auch. Natürlich. Die gibt es in allen Parks, aber in Potsdam gibt es zum Beispiel ein eindeutigeres Regelwerk. Zudem arbeiten die dort bei der Parkaufsicht mit der Stadt zusammen.

Und in Kassel geht das nicht? Wir haben das angeregt, städtische Ordnungskräfte in den Park zu schicken, aber es hat bislang aufgrund der unterschiedlichen Zuständigkeiten nicht geklappt. Der Bergpark ist ja eine Liegenschaft des Landes Hessen.

Wie will der Verein erreichen, dass die Menschen sorgsam mit ihrem Welterbe umgehen? Die Jugendarbeit ist ein zentrales Element. Wir arbeiten eng mit Schulen zusammen, schreiben Wettbewerbe aus und suchen immer das Kulturtalent des Jahres. Je früher Kinder für das Welterbe sensibilisiert werden, desto besser.

Wie sind die Erfahrungen, die Sie mit den Jugendlichen gemacht haben? Eine Erfahrung hat mich sehr nachdenklich gemacht. Wir hatten ein Kooperationsprojekt mit er Arnold-Bode-Schule, das ein ganzes Jahr gedauert hat. Die Schüler sind in de Bergpark gegangen, um dort ihre Lieblingsorte zu finden. Die haben sie anschließend zum Beispiel musikalisch oder fotografisch interpretiert. Das war ein sehr schönes und grandioses Projekt. Mich hat allerdings erschüttert, dass von den 80 Berufsschülern, die fast alle aus Kassel kamen, nur 25 Prozent zuvor überhaupt im Bergpark gewesen sind. Das hat mir gezeigt, dass wir die Jugendlichen ganz stark einbinden müssen, um über sie auch an ihre Eltern zu kommen.

Wie erreicht der Verein die Menschen noch? Lesungen und Vorträge stellen den größten Teil des Jahresprogramms dar. Wir arbeiten natürlich immer ganz eng mit der MHK, den verschiedenen Vereinen und dem Ortsbeirat zusammen, um ein noch größeres Publikum bei der Vermittlungsarbeit zu erreichen.

Hat der Verein noch weitere Aufgaben? Der Verein fördert die Restaurierung von Kulturschätzen im Park, das sind zum Beispiel der Buddha in der Pagode, die Steingloben vor dem Schloss und die Turmuhr am Marstall. Wir bemühen uns darüber hinaus um eine Vernetzung der regionalen Welterbestätten.

Zur Person: Brigitte Bergholter (75) ist seit 2016 Vorsitzende des Vereins „Bürger für das Welterbe“. Bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2006 war sie viele Jahre Leiterin der Gesamtschule in Fuldatal. Von 2006 bis 2016 war die Sozialdemokratin im ehrenamtlichen Magistrat der Stadt Kassel. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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