„Das ist unverhältnismäßig“

Kasseler Bundestagsabgeordneter Timon Gremmels (SPD) kritisiert Beherbergungsverbot

Risikogebiet Berlin-Mitte: Menschen von dort sind vom Beherbergungsverbot betroffen, das in vielen Bundesländern gilt.
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Risikogebiet Berlin-Mitte: Menschen von dort sind vom Beherbergungsverbot betroffen, das in vielen Bundesländern gilt.

Derzeit ist Kassel kein Corona-Risikogebiet. Aber die dafür maßgebliche Zahl der Sieben-Tage-Inzidenz steigt. Läge sie über 50, wären auch Kasseler vom Beherbergungsverbot betroffen, das in einigen Bundesländern gilt. Der Kasseler SPD-Bundestagsabgeordnete Timon Gremmels hält das aber für nicht nachvollziehbar.

Herr Gremmels, ich erreiche Sie an der Nordsee, folglich war Ihr Corona-Test negativ.
Genauso ist es. Das war ja überhaupt die Voraussetzung, um in meinen Urlaub nach Sylt fahren zu dürfen, weil ich zuletzt mandatsbedingt in Berlin und damit im Risikogebiet gearbeitet habe. Die Verordnung des Landes Schleswig-Holstein sieht für einen solchen Fall vor, dass man nur dann in Hotels übernachten darf, wenn man einen negativen Coronatest vorlegen kann, der nicht älter als 48 Stunden ist. Meine Herausforderung bestand nun darin, an einem Samstag einen Coronatest zu machen.
Ganz so einfach scheint das nicht gewesen zu sein. Sie sind von Kassel über Frankfurt nach Schleswig-Holstein gefahren. Zeigt das die ganze Skurrilität in diesen Zeiten auf?
Absolut. Für mich war es jetzt kein größeres Problem, an einem Samstag im ICE nach Frankfurt zum Flughafen zu fahren, um dort bei einer privaten Firma einen Coronatest machen zu lassen. Das war in 15 Minuten erledigt und hat 59 Euro gekostet. Einen Tag später hatte ich mein Ergebnis. Das ist für mich allein nicht das Problem. Aber ich stelle mir eine vierköpfige Familie vor, die auf den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gehört hat und in diesem Herbst nicht ins Ausland, sondern innerhalb Deutschlands verreist. Wenn die mal eben kurz vor dem Urlaub noch nach Frankfurt zum Test soll und knapp 240 Euro berappen muss, ist das schlicht unverhältnismäßig. Wir gefährden damit die Akzeptanz der sinnvollen Coronamaßnahmen. Das ärgert mich.
Das heißt: Sie sprechen sich für die Aufhebung des Beherbergungsverbots aus?
Ich bin kein Corona-Skeptiker. Ich bin nur für sinnvolle Maßnahmen, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Das Beherbergungsverbot zählt aber nicht dazu. Das sieht mit meinem Bundestagskollegen und Mediziner Karl Lauterbach sogar jemand so, der oft der schärfste Kritiker ist, wenn es darum geht, Corona-Beschränkungen zu lockern. Also: Man sollte sich in der Tat überlegen, das Beherbergungsverbot aufzuheben.
Trotzdem ist die Entwicklung gerade gegenläufig. Erst jetzt kam die Meldung, dass auch Niedersachsen ein Beherbergungsverbot erlässt.
Na ja, es gibt ja diese Woche noch ein Gespräch der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin. Da muss das noch einmal überprüft werden, denn die Postleitzahl sagt nichts über das tatsächliche Infektionsrisiko aus. Letztlich muss man es auch so sehen: Es ist sinnvoller, die Tests etwa in Altenheimen einzusetzen als für jene, die zwar aus einem Risikogebiet kommen, aber sich an alle Regeln halten, die Corona-Warn-App nutzen, die fleißig lüften, aber anderswo Urlaub machen wollen. Das Verbot verkennt auch, dass die Hotspots vor allem da sind, wo größere Feiern stattfinden. Dort muss stärker kontrolliert werden, darauf müssen wir unsere Kraft verwenden. Da müssen wir die schwarzen Schafe ausfindig machen – wie jetzt in Lohfelden, wo bei einer Hochzeit die Regeln nicht eingehalten worden sind.
Entspricht Ihre Haltung auch der vorherrschenden Meinung, die Sie von den Menschen gespiegelt bekommen?
Keine Frage. Die Menschen haben großes Verständnis für Maßnahmen, die sie nachvollziehen können. Aber das Beherbergungsverbot ist eben nicht nachvollziehbar. Zumal wir schauen müssen, dass die Veranstaltungswirtschaft, die Hotellerie und die Gastronomie nicht völlig am Boden liegen, wenn die Krise vorbei ist. (Von Florian Hagemann)
SPD-Bundestagsabgeordneter Timon Gremmels

Zur Person: Timon Gremmels

Timon Gremmels (44) studierte nach dem Abitur an der Herderschule Politik- und Rechtswissenschaften sowie Friedens- und Konfliktforschung in Marburg und trat mit 16 in die SPD ein. Von 2009 bis 2017 war er Landtagsabgeordneter. Seit 2017 sitzt Gremmels für die Sozialdemokraten im Bundestag. Er lebt in Niestetal.

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