Interview über „Meine Tochter Anne Frank“ - ARD, 20.15 Uhr

Kasseler Regisseur Raymond Ley: „Das Mädchen jenseits der Ikone“

Acht Menschen versteckten sich zwei Jahre in einem Hinterhaus (von links): Hermann van Pels (André Hennicke), Margot Frank (Rosalie Ernst), Peter van Pels (Lion Wascyzk), Anne Frank (Mala Emde), Fritz Pfeffer (Harald Schrott), Otto Frank (Götz Schubert), Auguste van Pels (Hannah Schröder) und Edith Frank (Bettina Scheuritzel). Foto:  hr

Das jüdische Mädchen aus dem Amsterdamer Hinterhaus: Anne Franks Schicksal gehört zu den bekanntesten aus dem Zweiten Weltkrieg.

Ihr Tagebuch ist das meistverbreitete Zeugnis eines Lebens im Versteck. Der aus Kassel stammende Regisseur Raymond Ley hat ihre Geschichte in einem Dokudrama verfilmt: „Meine Tochter Anne Frank“. Es ist nach Angaben des Senders der erste deutsche Film über Anne Frank.

Was macht Anne Franks Tagebuch zu Weltliteratur? 

Raymond Ley: Annes Ansichten erlangen Allgemeingültigkeit. Ohne, dass sie trivial wären. Man spürt in fast jeder Zeile ihre Begabung. Sie ist eine begeisterte Ich-Erzählerin. Das fesselt den Leser noch heute.

Schon in der ersten Szene Ihres Films geht es um Annes Liebe zu Hinterhaus-Freund Peter. Wie kam es zu dem Schwerpunkt?

Raymond Ley: Wir wollen zu Anfang die Erwartung „Anne gleich Opfer“ sprengen und wir wollten keine weitere angestaubte Anne-Frank-Ikone drehen. Anne beschreibt in ihrem Buch viele Intimitäten. Wenn man 14 ist, ist das ein großes Thema.

Als der Vater ihr Tagebuch veröffentlichte, hat er vermeintlich Anstößiges gestrichen. 

Ley: Allerdings liegen die Texte nun schon seit 1986 komplett vor. Viele Rezipienten klammern Annes Sehnsüchte dabei komplett aus. Durch dieses Zweifeln, Ahnen, Sehnen rückt uns das Mädchen aber näher. Anne wollte sich von den Erwachsenen abgrenzen, wollte alles anders machen als ihre Eltern, deren Liebe sie kritisch sah.

Man muss sich als Regisseur also frei machen von vorherrschenden Anne-Bildern. Wie? 

Ley: Viele haben sich mit Anne Frank beschäftigt, aber wenige mit dem eigentlichen Text. Schließlich haben meine Frau Hannah und ich – wir haben das Drehbuch geschrieben – Annes Tagebuch nochmals gelesen und waren überwältigt. Und dann konnten wir „unsere Anne“ mit Mala Emde besetzen. Ein Glücksfall.

Wie war Vater Otto Frank? 

Ley: Duldsam. Verzeihend. Aber es gab viele Holocaust-Überlebende, die nicht auf Rache aus waren. Annes Vater Otto hat mit seinem Erpresser nach dem Krieg noch gesprochen, bis er gemerkt hat, dass dieser viele Menschen verraten hatte.

Wollten Sie das im Film andeuten, wenn der Erpresser während der Verhaftung der Franks auf der Straße zusieht? 

Ley: Andeuten ist richtig. In einem US-Film war die Putzfrau die Verräterin. Im Dokudrama allerdings muss man prüfen, was beweisbar ist. Nichts, weder die Theorie mit dem Lagerarbeiter noch mit der Putzfrau, ist sicher. An der Geschichte mit dem Erpresser war wichtig, zu erzählen, wer Anne und ihre Familie verraten haben könnte und wie viele Leute Menschen „verkauft“ haben.

Zu Ihren Erzählebenen gehört auch der SS-Einsatzleiter Karl Silberbauer, den Sie in einer Spielszene bei einem Journalisteninterview in den 60ern zeigen. Er hat die Familie Frank verhaftet. 

Ley: Wir sind zufällig auf ein Interview mit Silberbauer gestoßen. Ein Volltreffer: Die Täter-Figur Silberbauer hilft, den Geist in der frühen Bundesrepublik zu zeigen, wo die Naziideologie noch deutlich vernehmbar war.

Wie haben Sie die betagten Zeitzeugen erlebt?

Ley: Ich bin zu ihnen nach New York und São Paulo gereist und fand den Lebenswillen, der aus ihren Erzählungen spürbar wird, beeindruckend.

Ihr Film besteht aus Spielszenen und Interviews. Dazu kommen fast abstrakte Bilder, wenn Anne sich in die Natur träumt, oder wenn sie am Tisch sitzt und ringsum historische Kriegsszenen projiziert werden. Ist das nicht für die Sendezeit 20.15 Uhr ungewöhnlich?

Ley: Der Zuschauer ist gemeinhin schlauer, als die Fernsehleute denken: Wir wollten mit unseren Bildern in „Annes Kopf“ blicken – mit ihr träumen, uns fürchten.

Ins Exemplarische gehen Sie am Ende, wenn Anne am Zaun eines KZ steht. 

Ley: Anne hatte einen Traum: einen heftigen Wunsch, zu leben und dass etwas von ihr Bestand hat. Wir wollten zeigen, dass dieser Traum sich für sie wie für Millionen andere nicht erfüllt hat. In unserem Film steht im Grunde die Schauspielerin Mala Emde, am Schluss in Auschwitz, nicht die historische Anne Frank. Wir überhöhen dabei, gehen fast ins Surreale, träumen mit Anne von Unsterblichkeit. Am Ende wird klar, dass die Nazis alles getan haben, damit die Träume von Millionen Menschen nicht Wirklichkeit werden.

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