Kassel

Abschied über dem Meer: Kasseler Bestattungshaus Kracheletz bietet erstmals Flugbestattungen an

Dominik Kracheletz, Geschäftsführer des Bestattungshauses, mit Mariia Kolmakova, Mitarbeiterin der Unternehmensfiliale auf Sylt, bei einer der ersten Flugbestattungen.
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Mit der Urne eines Verstorbenen im Flieger: Dominik Kracheletz, Geschäftsführer des Bestattungshauses, mit Mariia Kolmakova, Mitarbeiterin der Unternehmensfiliale auf Sylt, bei einer der ersten Flugbestattungen.

Das Kasseler Bestattungshaus Kracheletz bietet jetzt Urnen-Flugbestattungen an der deutschen Nordsee an - als bundesweit erstes Bestattungsunternehmen.

Kassel - Urnen-Abwurf aus dem Flieger ins Meer: Das hört sich skurril an, ist aber nun auch in Deutschland erlaubt. Als bundesweit erstes Bestattungshaus bietet die Kasseler Firma Kracheletz diese Art der Flugbestattung auf deutschem Hoheitsgebiet an. Wasserlösliche Urnen mit der Asche von Verstorbenen werden dabei vom Flugzeug aus an zwei Orten nahe der Nordseeinsel Sylt über dem Gebiet eines Seefriedhofs abgeworfen, sagt Bestattermeister Dominik Kracheletz.

Nach der Friedhofspflicht sind Flugbestattungen in Deutschland eigentlich unzulässig. Anbieter fliegen deshalb Regionen im Ausland an, etwa Almwiesen in der Schweiz. Nach der kürzlich erteilten Genehmigung für die Flugbestattung über dem Seefriedhof, den man für Seebestattungen nutze, sei diese Bestattungsform erstmals auch in Deutschland möglich, betont Unternehmenschef Kracheletz, der auch dem Bestatterverband Hessen vorsitzt.

Nach seinen Angaben gingen der Genehmigung eineinhalb Jahre der Vorbereitung und der Absprache mit Behörden voraus. Vergangene Woche hätten die ersten zwei Flüge stattgefunden, unter den Verstorbenen sei ein Kasseler gewesen.

Hobbypilot Kracheletz hielt bei der Premiere das Steuer selbst in der Hand. Bestattungsflüge seien eine weitere Möglichkeit, die Asche von Hinterbliebenen den Weiten des Meeres zu übergeben, so der 51-Jährige. Das könne etwas für Verstorbene mit Verbindung zu Meer und Wasser sein. „Für Angehörige und Hinterbliebene ist diese Form der Bestattung eine besondere Form des Abschieds, die sie auch vom Strand aus begleiten können.“

Im Flugzeug haben bis zu vier Trauergäste Platz. Kracheletz bietet die Flüge von Sylt aus für 1320 Euro mit Angehörigen. Möglich sind andere Abflughäfen, auch Kassel Airport. Angehörige erhalten ein Zertifikat mit Koordinaten des Beisetzungsortes.

Gerold Eppler vom Sepulkralmuseum Kassel überrascht das neue Angebot nicht. Hinterbliebene sollten sich aber vorher gut überlegen, ob sie mit dieser Bestattungsart und diesem Trauerort auch umgehen könnten.

Hintergrund: In Deutschland gilt die Friedhofspflicht

In Deutschland schreiben die Bestattungsgesetze vor, dass die sterblichen Überreste (Sarg mit Leiche und Urne mit Asche) nur an einem gewidmeten Friedhof aufbewahrt werden dürfen. Ausnahmen vom Friedhofszwang bilden nur die See- und die Naturbestattung (im Wald). Die deutsche Gesetzgebung erlaube eine Flug- oder Luftbestattung nicht, betont der Bundesverband der Bestatter. Wenn dies Wunsch des Verstorbenen sei, müsse die Asche ins Ausland überführt werden. 

Hobbypilot Dominik Kracheletz hat vergangene Woche etwas getan, was nach deutschem Recht auf deutschem Hoheitsgebiet eigentlich verboten ist. Der Bestattermeister und Geschäftsführer des Kasseler Bestattungshauses Kracheletz GmbH flog über die Nordsee und warf aus rund 150 Metern Höhe eine Urne mit der Asche eines Verstorbenen ab.

Für diese besondere Variante der Bestattung hat der 51-Jährige kürzlich die Genehmigung erhalten. Danach ist die Flugbestattung an zwei Stellen der Nordsee nahe der Insel Sylt erlaubt. Nämlich genau über dem Gebiet des Seefriedhofs, den Kracheletz schon seit Jahren für Seebestattungen nutzt.

Die abgeworfene Urne war eine besondere. Biologisch abbaubar, aus einer Art Pappmaschee. Das Behältnis fiel erst ins Meer, sank dann bis auf den Grund und löste sich dort schließlich rasch auf. „Innerhalb von 24 Stunden muss sich die Urne aufgelöst haben, so schreibt es das Gesetz vor“, sagt Kracheletz.

Das Gesetz ist übrigens auch der Grund dafür, warum Flugbestattungen, wie sie Kracheletz nun nahe Sylt anbietet, in Deutschland eine absolute Ausnahme sind. Da in der Bundesrepublik grundsätzlich eine Friedhofspflicht herrscht, ist eine Flugbestattung eigentlich nicht erlaubt. Luftbestattungen, bei denen die Asche des Verstorbenen verstreut wird, sind in Deutschland nur über Nord- und Ostsee möglich. Und eine Genehmigung gibt es in der Regel nur, wenn der Verstorbene seine Bindung zur See nachweisen kann.

„Da unsere Flugbestattung jedoch über einem Seefriedhof stattfindet und wir die behördliche Genehmigung besitzen, dürfen wir diese Bestattungsform durchführen“, betont Kracheletz. Entsprechend dürfe die Urne auch nicht an einem beliebigen Ort über dem Meer beigesetzt werden, sondern man sei bei der Bestattung an das Areal des Seefriedhofs gebunden.

Mit der Genehmigung sei diese Bestattungsform erstmals auch in Deutschland über das Bestattungshaus Kracheletz möglich, erklärt der 51-Jährige. Bei einer ziemlich lange dauernden Seebestattung mit dem Schiff sei er auf die Idee dazu gekommen. Das müsse doch auch per Flugzeug und damit viel schneller möglich sein, habe er gedacht. „Das Meer wird zum Gedenkort, anders als bei der klassischen Beisetzung auf einem Friedhof“, sagt Kracheletz heute.

Der Bestatter rechnet mit 80 bis 120 Kunden, die pro Jahr eine Flugbestattung wünschen werden. Das neue Angebot müsse ja erst einmal bekannt werden. Benötigt werde dazu nur das Einverständnis der Angehörigen. Bei Alleinlebenden wäre es gut, wenn eine zu Lebzeiten unterzeichnete Einverständniserklärung vorliege. „Viele Kasseler machen regelmäßig Urlaub auf Sylt“, sagt Kracheletz. Zuvor könnten Angehörige in Kassel zu einer Trauerfeier einladen. Nach der Einäscherung im Krematorium könne die Urne mit der Asche des Verstorbenen dann im engeren Familienkreis auf Sylt beigesetzt werden – „vielleicht bei einem Urlaubswochenende auf der Insel“.

Die Flugbestattung sei eine alternative Bestattungsform. Nicht zuletzt könne dabei auch der finanzielle Aspekt eine Rolle spielen, so Kracheletz. Wer die Flugbestattung wähle, spare sich unter anderem die Kosten für die jahrelangen Grabstättengebühren und die Grabpflege.

Das Bestattungshaus Kracheletz wurde 1954 von Tischlermeister Josef Kracheletz in Kassel gegründet. Heute beschäftigt das unter Leitung von Urenkel Dominik Kracheletz stehende Unternehmen mit Sitz am Kasseler Karlsplatz mehr als 45 Mitarbeiter in bundesweit zwölf Standorten, darunter auch eine Filiale auf der Nordseeinsel Sylt. Über die Firmentochter TOHR weltweit werden Überführungen von Verstorbenen aus dem Ausland organisiert. Weitere Infos auf kracheletz.de.

Das sagt Gerold Eppler, stellvertretender Leiter des Sepulkralmuseums Kassel:

„Flugbestattungen haben sich im europäischen Ausland etabliert, das weckt auch bei uns den Bedarf. So überrascht es nicht, dass solche Angebote bei uns auf den Markt kommen. Die Flugbestattung ist im Grunde eine Form der Seebestattung, nur dass ein anderes Fahrzeug, ein Flugzeug, eingesetzt wird.

In unserer pluralistischen Gesellschaft können sich viele Menschen mit der traditionellen Beerdigung nicht mehr anfreunden. Ein Friedhof kann aber für den Trauerprozess sehr hilfreich sein. Angehörige sollten sich daher im Vorfeld gut überlegen, ob sie mit dieser neuen Bestattungsart umgehen können.“

(Andreas Hermann)

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