Informationen waren nicht ausreichend

Kassel: Nach Schnee-Chaos im Februar räumt KVG-Chef jetzt Fehler ein 

Eine Woche lang ging nichts mehr: Arbeiter am Bahnhof Wilhelmshöhe Mitte Februar, als keine Bahn und kein Bus fuhr.
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Eine Woche lang ging nichts mehr: Arbeiter am Bahnhof Wilhelmshöhe Mitte Februar, als keine Bahn und kein Bus fuhr.

Zwei Monate nach dem Schnee-Chaos räumt der Chef der Kasseler Verkehrsgesellschaft Fehler ein. Damals fuhr eine Woche lang kein Bus und keine Bahn.

Kassel - Der Wintereinbruch Anfang Februar hat für Stillstand im Öffentlichen Personennahverkehr in Kassel gesorgt. Eine Woche lang fuhr keine Tram und kein Bus der Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG). Die musste sich massive Kritik gefallen lassen. Die Politik forderte eine Aufarbeitung des Geschehens. Michael Maxelon, Vorstandsvorsitzender der Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-GmbH, sicherte sie zu.

Was ist schiefgelaufen? Was sind die Lehren? Im Gespräch mit der HNA beschreibt Maxelon die Ergebnisse der Aufarbeitung. Er sagt: „Zeiten der Krise sind Zeiten des Lernens.“

Schnee-Chaos in Kassel: Die Ausgangslage im Februar

Massiver Schneefall hatte schon am 7. Februar für verschneite Straßen in Kassel gesorgt. An dem Sonntag gab es die Ersten, die mit Langlaufskiern dort fuhren, wo normalerweise nur Autos unterwegs sind. Am Abend stellte die KVG den Betrieb der Straßenbahnlinien 1 bis 8 ein. Über Nacht spitzte sich die Lage mit anhaltendem Schneefall und zunehmender Kälte zu. Am nächsten Morgen ging nichts mehr. Maxelon spricht von einem außergewöhnlichen Winterereignis: „Wir sind auf vieles vorbereitet, aber nicht auf alles.“

Die Gleise sind mit Schneemassen überzogen, Trams und Busse stehen still. Auch der bereits eingesetzte Krisenstab der KVG kann dies nicht verhindern. In den folgenden Tagen melden sich immer wieder Kritiker, die nicht verstehen, warum die KVG die Trams nicht die ganze Nacht hat durchfahren lassen, um die Gleise vom Schnee freizuhalten.

Maxelon verteidigt auch heute noch das Vorgehen: „Wir haben den Verkehr eingestellt, weil Entgleisungen drohten. Und da sprechen wir von Fahrzeugen, die wie die Regiotrams 63 Tonnen wiegen. Das hätte verheerende Folgen gehabt.“ Trams, die mit dem Schneepflug voran die Bahn freimachen, hält er nach wie vor für ein „unrealistisches Zerrbild“. Ein Grund dafür: die Eispanzer, die sich um die Schienen gebildet haben.

Kassel: Die Überlegungen der KVG nach dem Schnee-Chaos im Februar

Als sich der Wintereinbruch bereits anbahnte, bildete die KVG einen Krisenstab, der die Situation bewertete und überlegte, was zu tun ist. Ein Plan für diesen konkreten Notfall lag nicht in der Schublade. Also hieß es, spontan auf die Lage zu reagieren. Das erste Leitmotiv laut Maxelon war dabei, die Sicherheit zu gewährleisten. Bei allem, was nicht gut gelaufen ist, hält er deshalb fest: „Hier haben wir unser Ziel erreicht: Es ist niemand zu Schaden gekommen: kein Personal, kein Kunde. Wir hatten auch keine Infrastrukturschäden.“

Das zweite Leitmotiv, an dem sich der Krisenstab orientierte: ob schnell mit einem vertretbaren Aufwand ein Ersatzverkehr mit Bussen eingerichtet werden kann, der den Kunden auch einen Nutzen bringt. Maxelon: „Wir waren der Überzeugung, dass es Aktionismus wäre, wenn wir Strecken anbieten, die der Kunde nicht kennt.“ Am Montag wurde die Frage nach einem Ersatzverkehr also mit „Nein“ beantwortet. Gleiches galt für die Neubewertungen in den Tagen darauf. Die Maxime lautete laut Maxelon: „Keine großen Experimente in der Krise.“

Schnee-Chaos im Februar in Kassel: KVG-Chef räumt Fehler ein

Heute räumt Maxelon ein: „Wir hätten früher ein entsprechendes Notnetz einrichten müssen.“ Trotz auch dann noch vorhandener Schwierigkeiten auf einem eingeschränkten Streckennetz. So hielt der Stillstand an – die Kritik der Kunden wuchs. Die standen teils an den Haltestellen und wussten nicht Bescheid, was eigentlich Sache ist.

Das führt zum zweiten Fehler, den Maxelon nach der Aufarbeitung benennt: die Mängel in der Kommunikation. „Da müssen wir nachlegen.“ Zwar informierte die KVG in den sozialen Netzwerken, aber: „Das reicht am Ende des Tages nicht“, sagt Maxelon. Die Informationen an den Haltestellen waren nicht ausreichend, die App war nicht aktuell. Das gelte es nachzubessern. Einen ersten Erfolg sieht Maxelon bereits: Bei der Demonstration der „Querdenker“ am 20. März lief es in der Hinsicht wesentlich besser.

Kassel: Die KVG zieht Lehren aus dem Schnee-Chaos im Februar

Zentrale Lehre aus den Ereignissen im Februar ist, Notfallpläne und insgesamt ein Krisenhandbuch zu erstellen – für einen solchen Fall, aber auch für andere unwahrscheinliche, aber doch denkbare Szenarien. Dazu gehört zum Beispiel ein Brand des Bus-Depots, wie zuletzt bei der Rheinbahn in Düsseldorf geschehen. Dafür hat die KVG laut Maxelon nun eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die aus Mitarbeitern der Technik, des Betriebs, des Personalwesens und der Kommunikationsabteilung besteht. Ziel ist es, bei solchen Ereignissen flexibler und schneller zu reagieren.

Was die Situation eines solch heftigen Wintereinbruchs angeht, bei dem sogar Meteorologen von einer Ausnahmesituation sprachen, gilt es mehrere Fragen zu beantworten: Muss bei der technischen Ausrüstung nachgebessert werden, um so etwas bewältigen zu können? Maxelon betont dabei: „Die KVG ist so gut ausgestattet wie nie zuvor.“ Aber die Frage muss gestellt werden: „Gibt es noch etwas, was uns geholfen hätte?“ Bei Bedarf sollen auch Verträge mit Fremdfirmen geschlossen werden, die im Notfall dieses Gerät zur Verfügung stellen.

Kassel: Abläufe der KVG bei Notfällen sollen optimiert werden

Der Notfallplan soll auch die Abläufe optimieren. Das betrifft etwa den Abtransport der Schneemassen. Insgesamt musste die KVG im Februar 4000 Lkw-Ladungen Schnee wegschaffen. Zu Beginn wurden sie außerhalb der Stadt gebracht, was enorm Zeit kostete. Erst im Verlauf wurde die Schwanenwiese genutzt. Die Überlegung ist nun, in einen Notfallplan Ablageorte festzulegen, um die Strecke und die Haltestellen schneller vom Schnee befreien zu können.

Letztlich soll ein solcher Notplan auch Notfahrpläne enthalten, die den entsprechenden Ereignissen schnell angepasst werden können. Maxelon: „Wir müssen uns rechtzeitig überlegen, wie wir den Busverkehr dann sinnvoll anbieten.“ Dabei muss etwa auch berücksichtigt werden, dass Busse nicht automatisch das Schienennetz nutzen können, weil sie breiter sind als Trams. Auch mit solchen Fragen muss sich also die Arbeitsgruppe beschäftigen, die nun regelmäßig zusammenkommt. Maxelons Fazit lautet: „Wir müssen alles tun, damit sich das nicht wiederholt.“

Schnee-Chaos im Februar in Kassel: Es gab auch Lob für die KVG

Eins ist Maxelon nach der Aufarbeitung aber auch wichtig: „An einem hat es uns nicht gemangelt: An der Einsatzbereitschaft und an dem Willen der Kollegen, diese Krisensituation zu bewältigen – bei Temperaturen weit unter 10 Grad.“ 210 Mitarbeiter waren im Einsatz. Dazu kommen noch einmal die Kräfte der Fremdfirmen, die vornehmlich damit beschäftigt waren, Schienen vom Schnee zu befreien. An der Zusammenarbeit mit ihnen gibt es laut Maxelon nichts auszusetzen. Das habe alles gut funktioniert. (Florian Hagemann)

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