INTERVIEW Kasseler Verkehrsplaner sieht Probleme durch Elektroroller

„Das sind Spaßmobile“

Zwei Jugendliche nutzen einen E-Scooter von „Skooty“ zu zweit auf dem Gehweg am Friedrichsplatz.
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Nicht erlaubt: E-Scooter dürfen nur von einer Person und auf der Straße und dem Radweg genutzt werden.

Seit dem Wochenende kann man sich in Kassel E-Scooter ausleihen. Das Verleihsystem, für das sich bereits mehr als 20 000 Nutzer registriert haben, wird von dem Kasseler Unternehmen „Skooty“ betrieben.

Wir sprachen mit dem Kasseler Verkehrsplaner Andreas Schmitz über die Elektro-Tretroller.

Das Interesse an Skooty ist groß. Sind Sie schon mit den E-Scootern gefahren?
Noch nicht, ich kenne von früher die klassischen Tretroller. Aber ich finde E-Scooter schon spannend, sie sprechen eine eher junge Zielgruppe an. Die Frage ist, ob sie wirklich eine sinnvolle Ergänzung im Zusammenspiel der Verkehrsmittel sind. Die bisherige Erfahrung mit E-Scootern zeigt, dass sie eher Spaßmobile sind. Sie werden vor allem im Freizeitverkehr genutzt.
Das Interesse an Skooty ist groß. Sind Sie schon mit den E-Scootern gefahren?
Noch nicht, ich kenne von früher die klassischen Tretroller. Aber ich finde E-Scooter schon spannend, sie sprechen eine eher junge Zielgruppe an. Die Frage ist, ob sie wirklich eine sinnvolle Ergänzung im Zusammenspiel der Verkehrsmittel sind. Die bisherige Erfahrung mit E-Scootern zeigt, dass sie eher Spaßmobile sind. Sie werden vor allem im Freizeitverkehr genutzt.
Was bedeutet das für die Ökobilanz der E-Tretroller?
Wenn man damit Autofahrten ersetzt, fällt sie gut aus. Wenn man allerdings statt zu Fuß zu gehen oder mit dem Rad zu fahren einen E-Scooter benutzt, wird die Bilanz eher negativ sein. Wie es die Erfahrungen aus anderen Städten zeigen, geht auch mein Eindruck von den ersten Tagen in Kassel dahin, dass E-Scooter eher für zusätzliche Wege und zum Spaß genutzt werden. Das ist durchaus in Ordnung, es ist aber fraglich, ob sie ein sinnvoller Baustein zur Verkehrswende sein können.
Sie sehen weitere Probleme bei der Nutzung der E-Tretroller. Welche?
Vor allem die geringe Regelkonformität der Nutzer. So wird etwa häufig auf Gehwegen gefahren. Das war auch am Wochenende in Kassel schon zu beobachten. E-Scooter dürfen aber – es sei denn es ist anders ausgeschildert – nur auf der Straße und auf ausgewiesenen Radwegen fahren. Gehwege oder Fußgängerzonen, die für Fahrradfahrer freigegeben sind, sind dabei keine Radwege. Für E-Scooter gibt es ein separates Verkehrszeichen zur Freigabe. Ich fände es aber problematisch, wenn Gehwege auf diese Weise für die E-Scooter zugänglich gemacht würden.
Warum?
Es gibt schon genug Probleme für Fußgänger auf Gehwegen, die auch von Radfahrern genutzt werden. Wenn jetzt noch eine neue Gruppe auf den Gehweg kommt, geht das auf Kosten der Fußgänger. Es darf nicht zu einer Kannibalisierung des öffentlichen Raums kommen, bei der diejenigen verdrängt werden, die sich am wenigsten wehren können. Fußgänger sind die schwächsten Verkehrsteilnehmer. Oder denken wir an Kinder, die auf Gehwegen spielen oder an ältere Menschen, die die von hinten kommenden Fahrzeuge nicht hören. Wollen wir wirklich, dass sie mit vorbei-sausenden E-Scootern rechnen müssen?
Warum sollte man E-Scootern nicht die gleichen Möglichkeiten geben wie Fahrrädern? Viele Radfahrer haben inzwischen doch auch einen Elektro-Antrieb.
E-Scooter sind Kraftfahrzeuge, deshalb haben Sie auch ein Versicherungskennzeichen. Während E-Tretroller sich selbstständig bewegen, funktioniert beim E-Bike der Antrieb ja nur, wenn man selbst tritt. E-Scooter haben auch ein ganz anderes Bremsverhalten als Fahrräder. Der Bremsweg ist deutlich länger. Und das Unfallrisiko ist bei den Scootern deutlich höher. Dabei gibt es neben Unfällen mit anderen Verkehrsteilnehmern auch viele Eigenunfälle, also Stürze.
Sie haben auch Bedenken, was Abstellen der E-Scooter betrifft. Eigentlich sind die Nutzer aufgefordert, die Leihroller an Fahrradständern oder am Rand des Gehwegs zu parken.
In der Realität werden die E-Scooter aber oftmals wild auf den Gehwegen abgestellt. Ein Foto, das die Nutzer nach dem Abstellen an den Betreiber von „Skooty“ schicken sollen, hilft da nicht unbedingt. Denn häufig werden die Roller später umgestoßen und können insbesondere im Dunkeln zu gefährlichen Stolperfallen werden. Auch die Barrierefreiheit kann durch das wilde Abstellen beeinträchtigt werden. Das zeigen die Erfahrungen aus anderen Städten, wo kommerzielle Anbieter schon seit Längerem auf dem Markt sind.
Müsste die Stadt aus Ihrer Sicht regulierend eingreifen?
Zumindest muss darauf geachtet werden, dass die geltenden Regeln eingehalten werden. Das wäre Aufgabe von Ordnungsamt und Polizei, auch in Absprache mit dem Kasseler Anbieter. Vor allem geht es darum, die Abstellproblematik und das illegale Befahren von Gehwegen und Fußgängerbereichen zu reduzieren.

Zur Person

Andreas Schmitz (63) ist Verkehrsplaner und Teil der Geschäftsführung des Kasseler Ingenieurbüros „IKS Mobilitätsplanung“. Zudem leitet er den Arbeitsausschuss Fußverkehr in der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV). Im September war er zu einem Expertenworkshop des Forschungsprojekts „Wissenschaftliche Begleitung der Teilnahme von Elektrokleinstfahrzeugen am Straßenverkehr“ eingeladen, das vom Bundesverkehrsministerium beauftragt wurde. Schmitz ist verheiratet und lebt im Vorderen Westen.

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