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„Es war immer lustig mit ihr“: Beliebte Bäckerin aus Kassel stirbt mit 47 Jahren

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Von: Katja Rudolph

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Susanne Becker mit Labrador Lady am Strand
Hundebegeistert: Susanne Becker mit Labrador Lady. © Privat

Viele kannten sie aus der Bäckerei Becker in Kassel: Nun ist Susanne Becker gestorben. Wir erinnern an die Frau, die eine besondere Lebensgeschichte hatte.

Kassel – Seit dem Tod ihrer Tochter Susanne hat Ingeborg Senf immer wieder dieses Bild vor Augen: Wie das kleine Mädchen nach einem unbeaufsichtigten Moment mit einem über und über verschmierten Gesicht zu ihr kam, über beide Ohren lachend. „Irgendwo muss sie eine Tafel Schokolade gefunden haben“, erinnert sich die Mutter.

Ein Erlebnis, das viele Eltern kennen dürften – und doch eins, das dafür steht, wie sehr Susanne den schönen Seiten des Lebens zugewandt war und wie entschlossen, das Beste aus jeder Situation zu machen – auch wenn ihr das Schicksal Saures gab.

Das galt für Susanne Becker – wie sie seit der Heirat ihres Mannes Andreas hieß – bis zuletzt: Als im August klar war, dass der Krebs sie nicht mehr lange leben lassen würde, war die 47-Jährige wild entschlossen, noch einmal in ihre geliebte Bretagne zu fahren. Obwohl schon sehr geschwächt, genoss sie von den Dünen den Anblick des Meeres und sie sog alle kulinarischen Gerüche Frankreichs nochmal in sich auf. Als sie in die heimische Wohnung im Vorderen Westen zurückkehrte, sagte sie: „Jetzt bin ich frei.“ Wenige Tage darauf ließ die zweifache Mutter im Kreis ihrer Familie das Leben los – ohne ein einziges Stöhnen im letzten Ringen darum.

Kassel: Viele haben süße Erinnerungen an Susanne Becker

Viele Menschen, die Susanne Becker kannten, verbinden süße Erinnerungen mit ihr: Nicht nur, weil sie in der Bäckerei ihres Mannes im Vorderen Westen neben Brot und Brötchen auch Kuchen und Torten verkaufte. Andreas Becker hatte seine spätere Frau 2001 als Verkäuferin eingestellt. Aus der anfänglichen Sympathie zu der alleinerziehenden Mutter einer Tochter wurde 2003 Liebe. Neben Tochter Vanessa bekam das Paar bald noch den gemeinsamen Sohn Jan, heute 17 Jahre alt. Ihre kollegiale Art behielt Susanne Becker auch als Chefin bei. Sie wusste jeden Geburtstag im Bäckerei-Team und hatte für jeden und jede dann eine kleine Aufmerksamkeit parat.


Susanne und Andreas Becker
Fast 20 Jahre lang ein Paar: Susanne und Andreas Becker teilten ihr Leben miteinander und kümmerten sich auch gemeinsam um die Bäckerei. © Privat

Spricht man mit Wegbegleitern, erinnern alle ihre bescheidene und eher zurückhaltende, aber lebensfrohe Art. „Sie wollte nie im Vordergrund stehen, aber sie war immer mittendrin und für alle da“, sagt Susanne Altena von der Mittwochsgruppe der Hundeschule in Fuldatal. Dort trainierte Susanne Becker mit Labrador Lady jede Woche. Ihre gespielte Verzweiflung vor schwierigen Aufgaben, die sie mit der Hündin dann doch mühelos meisterte, brachte oft alle zum Lachen.

„Tolle, starke Frau, die immer ein offenes Ohr hatte“

„Es war immer lustig mit ihr“, sagt auch Eva Coelho Goncalvez, eine ihrer drei Schwestern, und denkt an liebevolles Ickern unter Geschwistern. Als „tolle, starke Frau, die immer ein offenes Ohr hatte“, bleibt sie ihnen in Erinnerung. Gar nicht lustig fand es Sanne, wie sie in der Familie genannt wurde, wenn jemand von Halbgeschwistern sprach. „Das sind meine Schwestern“, insistierte sie dann.

Im Alter von fünf Monaten war Susanne, die gebürtig Zsoldos hieß, als Pflegekind aufgenommen worden. „Ich war sofort schockverliebt“, sagt Ingeborg Senf, die sich schon lange ein Kind gewünscht hatte. Erst nachdem ihre Pflegetochter da war, klappte es auch mit dem eigenen Nachwuchs.

Zu ihren leiblichen Geschwistern riss für Susanne Zsoldos der Kontakt damals ab. Die Eltern waren nicht in der Lage, sich zu kümmern, alle vier Kinder kamen in getrennten Pflegefamilien unter. Erst vor wenigen Jahren hatten ihre beiden älteren Brüder per Facebook wieder Kontakt aufgenommen.

Mehr als 100 Menschen nahmen Abschied

Zu einem Treffen kam es nicht mehr, vielleicht auch, weil der Mut dazu fehlte. Erst am Sarg bei der Trauerfeier konnten die Brüder ihrer Schwester wieder nah sein. „Sie war eigentlich ein fremder Mensch, aber tief im Herzen waren wir verbunden“, sagt Ferenc Zsoldos. Dass sie sich nicht mehr persönlich kennengelernt hätten, sei für ihn und seinen Bruder Deszö das Schmerzlichste gewesen, sagt der 52-Jährige, der in Vellmar lebt. Zu sehen, dass Susanne es gut hatte im Leben, sei aber tröstlich.

Mehr als 100 Menschen nahmen Anfang September Abschied von Susanne Becker, heute wird ihre Urne im engsten Familienkreis beigesetzt. Doch ihre Familiengeschichte geht weiter: Ferenc und Deszö Zsoldos wollen den Kontakt zu Familie Becker weiter pflegen und ihren Neffen Jan kennenlernen. (Katja Rudolph)

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