Glas der Vernunft

Debatte um Bürgerpreis: Biologen kritisieren Vergabe

Bekommt den Bürgerpreis: Prof. Vandana Shiva. Foto: privat / nh

Kassel. Die indische Physikerin und Umweltaktivistin Prof. Vandana Shiva soll mit dem Kasseler Bürgerpreis „Glas der Vernunft“ ausgezeichnet werden. Dagegen regt sich jetzt Widerstand.

Der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin (VBIO) in Hessen schreibt in einem offenen Brief, einige Aktivitäten Shivas widersprächen den Kriterien des Preises, nämlich „den Idealen der Aufklärung, der Überwindung ideologischer Schranken und der Vernunft und Toleranz gegenüber Andersdenkenden“. Vorsitzender des Verbandes ist Prof. Wolfgang Nellen. Der Biologe leitet das Fachgebiet Genetik an der Uni Kassel.

Nellen kritisiert, die Wissenschaftlerin setze sich seit Jahren gegen eine vitamin-A-reiche, gentechnisch veränderte Reis-Sorte ein. Ihre Ablehnung sei undifferenziert, spreche „gegen jede Vernunft“ und koste „möglicherweise mehrere Hunderttausend Menschen das Augenlicht oder gar das Leben“.

Prof. Wolfgang Nellen

Shiva mahne außerdem eine Rückkehr zur traditionellen Landwirtschaft an - aus Berechnungen leite er allerdings ab, „dass mindestens die dreifache Landfläche benötigt wird, um die heutigen Erträge zu erzielen, wenn man wieder die landwirtschaftlichen Methoden von vor 1960 einführen würde“, schreibt Nellen. Die Wissenschaftlerin habe außerdem behauptet, indische Bauern seien wegen genmanipulierter Baumwolle in den Selbstmord getrieben worden - diese Behauptung sei aber nachweislich falsch.

Prof. Hansjörg Melchior, Vorsitzender der Freunde des Kasseler Bürgerpreises, äußerte sich verwundert über die Vorwürfe. Man habe die Preisträgerin bereits im März benannt. Damals habe darauf niemand reagiert. Es sei merkwürdig, dass dieser offene Brief nun, eine Woche vor der Preisverleihung, lanciert wurde. Von den Vorwürfen sei ihm bisher nie etwas zu Ohren gekommen. Auch sei ihm der Verband VBIO unbekannt.

Prof. Hansjörg Melchior

Generell sei jedoch unstrittig, dass der industrialisierte Landbau Arbeitsplätze und Flächen koste. Es könne auch nicht sein, dass Patente auf Saatgut dazu führe, dass Bauern kein eigenes Saatgut mehr verwenden könnten.

Melchior sagte, an der Vergabe des Glases der Vernunft an Vandana Shiva werde nicht gerüttelt. Das Kuratorium habe sich einmütig für die Wissenschaftlerin und Menschenrechtlerin ausgesprochen. Zu den Mitgliedern des Kuratoriums zählt auch der Kasseler Uni-Präsident, Prof. Rolf-Dieter Postlep.

Vandana Shiva wird das Glas der Vernunft am Sonntag, 23. September, im Opernhaus entgegennehmen. Die Laudatio wird Prof. Klaus Töpfer, der ehemalige Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, halten. Bereits heute ab 15.15 Uhr wird Vandana Shiva zur documenta 13 im Ständehaus über das Thema „Samen Freiheit“ sprechen. (w.f./hai)

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