Nach spektakulärem Coup

„Orte der Kasseler Schande“: Aktivisten kämpfen gegen Kolonialverbrechen - steht nächstes Ziel fest?

Pagode im chinesischen Dorf Mulang in Wilhelmshöhe in Kassel.
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Auch das chinesische Dorf Mulang (hier die Pagode) ist für sie ein Ort des Rassismus.

Nach ihrer spektakulären Aktion im Kasseler Stadtteil Forstfeld planen Aktivisten weitere Aktionen, um auf Kolonialverbrechen hinzuweisen. Ihr nächstes Ziel könnte der Mulang am Bergpark werden.

Kassel - Fast zwei Wochen nach ihrem bislang größten Coup bekommen die Aktivisten, die in Kassel auf koloniale Verbrechen aufmerksam machen wollen, immer noch viel Lob. So sagt es jedenfalls ein Mitglied der anonymen Gruppe, die sich auf der Seite Indymedia unter dem Namen „GelebterWiderstandNordhessen“ dazu bekannt hatte, Straßennamen im Stadtteil Forstfeld überklebt zu haben.

Im Afrikaviertel hatten die Aktivisten die Schilder der Wissmann- und Lüderitzstraße durch Namen von afrikanischen Widerstandskämpfern ersetzt. Auch Historiker kritisieren die Ehre für die Kolonialherren. Hermann von Wissmann wird für schwere Kolonialverbrechen in Ostafrika verantwortlich gemacht. Adolf Lüderitz habe als Großgrundbesitzer die Menschen als billige Arbeitskräfte ausgebeutet, um Profit zu machen. „Das ist nicht weniger schlimm als eine physische Auseinandersetzung“, kritisiert ein Mitglied der Gruppe.

Wollen auf andere „Orte der Kasseler Schande“ aufmerksam machen

Mittlerweile planen die Aktivisten weitere Aktionen, um auf andere „Orte der Kasseler Schande“ aufmerksam zu machen, wie sie es sagen. Ein Ziel könnte der Mulang in Wilhelmshöhe sein. In dem von Landgraf Friedrich II. ab 1781 eingerichteten chinesischen Dorf unweit des Bergparks sollte idyllisches Landleben gezeigt werden. Weil man kein chinesisches Personal fand, mussten 50 schwarze Menschen dort arbeiten. Einige von ihnen sollen von nordhessischen Offizieren aus Amerika verschleppt worden sein, wie es die Gruppe „kassel postkolonial“ unter Verweis auf die Historikerin Petra Werner schreibt.

Die Mitglieder dieser Initiative veranstalten seit Jahren Stadtrundgänge, die etwa auf problematische Straßennamen hinweisen. Auf ihrer Seite kassel-postkolonial.de machen sie darauf aufmerksam, dass die Körper der schwarzen Menschen vom Mulang nach deren Tod für Anatomiestudien genutzt wurden. Heute gelten die Arbeiten des Frankfurter Anatomen Samuel Thomas von Soemmerring als Grundlage des wissenschaftlichen Rassismus.

„GelebterWiderstandNordhessen“ will offen über Rassismus diskutieren

Für die Mitglieder der Gruppe „GelebterWiderstandNordhessen“ sind all das Belege dafür, dass es Zeit ist, „offen über Rassismus zu diskutieren“. Die Argumentation der Stadt, dass eine Umbenennung der Straßen viel Geld kosten würde, weshalb erst einmal Erklärtafen angebracht werden, verstehen sie nicht. „Das könnte man auch mit einem Solikonto finanzieren“, schlagen sie vor.

Einer der Aktivisten sagt: „Ich weiß nicht, ob es so positiv ist, in einer Straße zu wohnen, die nach einem Kolonialherren benannt wurde.“

Von Matthias Lohr

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