Störung des Dienstbetriebs ist gewollt

Debatten um Kunstprojekt im Regierungspräsidium gehen weiter

+
Nicht überall im RP willkommen: Die Künstlergruppe ist in der Behörde unterwegs, um den Beamtenapparat in satirischer Art herauszufordern. Links der Kopf der Gruppe, der sich Exekutor Amadeus Werner nennt. Er arbeitet auf Anweisung der Künstlerin Isabel Paehr.

Kassel. Zum 14. Mal findet derzeit das Kunstprojekt „Interventionen“ im Kasseler Regierungspräsidium (RP) statt. Es ist eine Mischung aus Ausstellung und Performance, die derzeit für mächtig Wirbel sorgt.  

Selten lösten die künstlerischen Aktivitäten derart heftige Debatten unter den Mitarbeitern der Behörde aus wie diesmal. Denn die Mitglieder der Kasseler Kunsthochschule, die auf Einladung des RP noch bis zum 28. Juni zu Gast sind, spielen mit Beamten-Klischees und provozieren: Sie fordern Haarproben, legen Mitarbeiterprofile an und erteilen unter Strafandrohung Aufgaben.

Herr Lübcke, mussten Sie auch eine Haarprobe abgeben?

Walter Lübcke: Nein, aber ich bin sehr wohl in die Kunstaktion eingebunden. Ich habe schon viele Gespräche mit den Künstlern und meinen Mitarbeitern geführt.

Was halten Sie von dem aktuellen Kunstprojekt?

Lübcke: Ich bin im Dorf aufgewachsen. Dort galt damals ein Ölgemälde von einem röhrenden Hirsch als Kunst. Auch ich sollte, nicht zuletzt in meiner Zeit als Pressereferent der documenta 7, dazulernen. Kunst sollte in den Menschen etwas bewegen und muss sich nicht immer sofort erklären. Die Interventionen finden im Regierungspräsidium zum 14. Mal in Zusammenarbeit mit der Kunsthochschule statt. Ich finde es eine gute Gelegenheit, uns als offene Behörde zu präsentieren.

Einige Mitarbeiter fühlen sich durch die Aktivitäten der Künstler belästigt.

Lübcke: Es gibt positive wie negative Rückmeldungen. Bei mir persönlich sind drei bis vier Beschwerden gelandet. Für eine Behörde ist eine solche Aktion sicher eine große Herausforderung - und das soll sie auch sein. Viele begrüßen diesen kreativ-störenden Prozess. Er trägt dazu bei, dass wir uns anders wahrnehmen.

Inwiefern?

Lübcke: Die Künstler sorgen dafür, dass wir die Behördearbeit reflektieren. Unsere Arbeit richtet sich zu oft streng nach Vorgaben. Neulich wollten die Künstler eine Fahne an einem unserer Fahnenmasten aufhängen. Da bekam ich aus unserer zuständigen Abteilung die Rückmeldung, dass dies nicht gehe, weil dies laut Vorgaben zur Beflaggung öffentlicher Gebäude nur an bestimmten Feiertagen möglich sei. Die Flagge wurde letztlich trotzdem aufgehängt. Die Kunst bringt eine willkommene Auffrischung. Wir wollen kreative Mitarbeiter, die sich nicht bloß hinter Vorschriften verschanzen.

Aber können Sie nicht verstehen, wenn sich manche Mitarbeiter belästigt fühlen?

Lübcke: Niemand wird in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt. Jeder Mitarbeiter hat immer die Gelegenheit, die Künstler abzuweisen. Die Ausstellung heißt Interventionen. Von Anfang an war klar, dass es bei dem Konzept nicht darum geht, nur das Regierungspräsidium aufzuhübschen. Es geht um die Auseinandersetzung zwischen Künstlern und Mitarbeitern. Selten waren die Reaktionen so emotional wie diesmal - für mich ein Zeichen, dass das Projekt sein Ziel erreicht.

Das steckt hinter dem Kunstprojekt

Jährlich besuchen Mitarbeiter des Regierungspräsidiums den Rundgang an der Kasseler Kunsthochschule. Im Anschluss fragen sie Künstler an, ob sie an der Ausstellungsserie „Interventionen“ teilnehmen wollen. Idee der Ausstellung ist es, Kunst ins Haus zu holen, die in den Behördenalltag eingreift. Dabei werden nicht nur provozierende Bilder - aktuell ist etwa das Foto eines nackten Pos einer jungen Frau im Treppenhaus zu sehen - gezeigt. Es gibt auch Performances. So werden diesmal den Mitarbeitern wöchentlich spielerische Aufgaben erteilt (etwa einen bestimmten Bildschirmhintergrund am PC einzurichten). Wer diese nicht erfüllt, bekommt ein rotes Kreuz als mahnende Markierung an die Bürotür.

Eine Dokumentation im Netz: http://bürokratrie.de

Zur Person

 WALTER LÜBCKE (61) ist seit 2009 Regierungspräsident in Kassel. Der Wirtschaftswissenschaftler war zuvor hessischer Abgeordneter. Der CDU-Mann lebt in Wolfhagen, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.