Kundenfang beim Amtseid

Debeka-Versicherung macht auf offizieller Veranstaltung Verträge mit Lehrern

Kassel. Fragwürdige Praktiken der Debeka-Versicherung bei der Kundenwerbung gibt es offensichtlich auch in Kassel. Eine angehende Lehrerin erzählt, wie ein Debeka-Mitarbeiter im Rahmen einer offiziellen Veranstaltung für Referendare neue Kunden für eine private Krankenversicherung gewinnen konnte.

Nach Informationen der HNA ist das kein Einzelfall, sondern die Regel.

Hintergrund: Nach einem im Handelsblatt veröffentlichten Bericht pflegt die Debeka-Versicherung ein Netzwerk von über 10 000 Beamten, die für die Vermittlung von Versicherungen bezahlt wurden. Über Jahre hinweg sollen über 100 Millionen Euro geflossen sein. Das Handelsblatt schreibt von einem „geheimen System von Zuträgern“.

Auch die Kasselerin, die nicht genannt werden möchte, berichtete von zweifelhaften Vorgängen. Anstatt geheim waren diese jedoch nur allzu offensichtlich. Sie erzählt: „Es war ein Tag Anfang August in einem Saal im Kreishaus Kassel, Wilhelmshöher Allee, ein Pflichttermin für alle Referendare: Einführungsveranstaltung in den Schuldienst mit anschließender Vereidigung.“ Es folgt der Beamtenstatus auf Widerruf.

Eingeladen hatte das Studienseminar Kassel für Grund-, Haupt-, Real-

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und Förderschule. Das Personal vor Ort waren unter anderem der damalige stellvertretende Leiter des Studienseminars sowie eine Sekretärin. Außerdem trat ein Mitarbeiter der Debeka im Rahmen der Vereidigungsveranstaltung auf. „Er wurde wie ein alter Bekannter begrüßt und schien zum Programm zu gehören“, erinnert sich die damalige Referendarin. Der Versicherungsvertreter erläuterte die Beihilfe, die Vorteile für Beamte und empfahl „dringend“ eine private Krankenversicherung abzuschließen. Gerade die Debeka arbeite sehr gut mit der Beihilfeabteilung des Regierungspräsidiums zusammen. „Wir Referendare wurden einander vorgestellt, uns wurde mitgeteilt, in welcher Schule wir unser Referendariat absolvieren. Es wurden bürokratische Fragen geklärt, dann wurden wir vereidigt zu Beamten auf Widerruf.“

Die Masche des Debeka-Vertreters im Rahmen des Vereidigungsakts hatte Erfolg: Einige Referendare schlossen sofort eine private Krankenversicherung mit ihm ab, „vorsichtshalber, denn uns erschien die Sache mit den Anträgen auf Beihilfe für einen Krankheitsfall oder Arzttermin sehr kompliziert und der Debeka-Mann wirkte kompetent und erfahren“. Heute frage sie sich: Woher wusste er von unserem offiziellen Termin? Warum durfte er dort auftauchen und Berufseinsteiger abfischen? Die Duldung, gar Unterstützung durch die Vertreter des Studienseminars sei für sie eine ärgerliche Angelegenheit.

Der Leiter des betreffenden Studienseminars wollte dazu keine Stellung beziehen. Eine Sprecherin der Debeka sagte: „Das ist doch normales Geschäftsgebaren.“ Es werde schließlich keiner gezwungen zu unterschreiben und wer zur Veranstaltung eingeladen werde, liege im Ermessen des Veranstalters.

Hintergrund: Das Debeka-Versicherungsunternehmen

Das in Koblenz ansässige Versicherungsunternehmen Debeka wurde im Jahr 1905 als Krankenversicherer für Beamte gegründet. Heute bietet das Unternehmen unter anderem auch Lebensversicherungen und Bausparverträge an. Krankenversichert sind 4,7 Millionen Menschen, die damit zu Vereinsmitgliedern werden. Debeka beschäftigt über 16 000 Mitarbeiter und machte laut Wikipedia im Jahr 2012 einen Umsatz von 12,8 Milliarden Euro.

Von Christina Hein

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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