Dechant Harald Fischer im Interview über Austritte, Reformstau und Erwartungen an den Papst

Dechant: „Kirche in tief greifender Krise“

Kassel. Der katholischen Kirche laufen die Gläubigen weg. Nach der Diskussion um Missbrauchsfälle erreicht die Austrittswelle nun offensichtlich auch die Region Kassel. Wir sprachen mit dem Kasseler Dechanten Harald Fischer über das Thema.

Herr Fischer, wie reagieren die Katholiken in Stadt und Landkreis Kassel auf die jüngsten Schlagzeilen?

Harald Fischer: Im März sind 78 Personen ausgetreten, das ist das Dreifache der Zahl vom Februar. Wir sind in der katholischen Kirche in einer tief greifenden Krise mit weit reichenden Folgen.

Welche Ursachen sehen Sie für die Kirchenaustritte?

Zur Person

HARALD FISCHER (55) ist seit 2002 Dechant der katholischen Kirche in Kassel, seit 1997 Pfarrer an St. Familia. Zudem ist er seit 1995 Exerzitienseelsorger für die Diözese Fulda. Fischer ist in Kassel geboren, hat Industriekaufmann gelernt und auf dem zweiten Bildungsweg Abitur an der Goetheschule gemacht. Theologie hat er an der philosophisch-theologische Hochschule St. Georgen studiert.

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Fischer: Wir haben einen Reformstau, der angefangen durch die Auseinandersetzung um die konservative Piusbruderschaft bis hin zur aktuellen Diskussion über sexuellen Missbrauch in der Kirche an die Oberfläche getreten ist. Es reicht nicht zu sagen: „Wir haben ein paar schwarze Schafe, die gestoppt werden müssen.“ Unsere Kirche hat eine große Glaubwürdigkeitslücke, die sich auf viele Bereiche erstreckt.

Was muss sich ändern?

Fischer: Ich kann hier nur einige Schlagwörter nennen. Zum Beispiel gehört meiner Meinung nach der Pflichtzölibat abgeschafft. Er ist unbiblisch. Petrus, der erste Papst, war verheiratet. Beziehung und Sexualität gehören zum Menschsein wesentlich dazu. Die Verpflichtung des Priesters zur sexuellen Enthaltsamkeit macht ihn zwar nicht automatisch zum Pädophilen. Sie verhindert aber, dass das Thema Sexualität offen angegangen wird und schafft eine Moral des Verschweigens.

Was muss sich außerdem noch ändern?

Fischer: Wir dürfen uns nicht an den Stillstand in der Ökumene gewöhnen. Die gegenseitige Einladung zum Abendmahl mit der evangelischen Kirche ist längst überfällig. Wir brauchen außerdem Frauen im Priesteramt, auch verheiratete. Das Argument, dass Jesus nur Männer zu Aposteln berufen hat, ist zu kurz gegriffen: Schließlich hat er auch nur einfache Arbeiter aus dem Volk der Galiläer ausgewählt und keine Amtsträger oder Professoren. Ich glaube, dass sich die Kirche mit der Ausgrenzung der Frau gegen den Willen Jesu stellt. Es geht um Nachfolge, nicht um Nachahmung.

Ausgegrenzt werden ja auch Geschiedene bei der Kommunion und Homosexuelle bei der Ehe. Was ist mit denen?

Fischer: Auch wenn Menschen an der Ehe scheitern, müssen sie einen Platz in der katholischen Kirche finden. Das Gleiche gilt für Gläubige in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. Dies muss auch ohne das Sakrament der Ehe möglich sein, das Mann und Frau vorbehalten ist.

Ist die Sexualmoral der Kirche reformbedürftig?

Fischer: Die starke Fixierung auf die Sexualmoral findet keine Entsprechung in der Verkündigung Jesu. Für ihn standen andere Themen im Vordergrund wie zum Beispiel die Überwindung von Angst und Abhängigkeiten, das Vertrauen auf Gott, Gerechtigkeit, die Würde der Benachteiligten, der Einsatz für Arme. Wir müssen uns von diesen Themen prägen lassen, dann gewinnen wir heute wieder Glaubwürdigkeit und Ausstrahlung.

Warum äußern Sie diese Forderungen öffentlich und nicht innerhalb der Kirche?

Fischer: Selbstverständlich habe ich – ebenso wie auch viele andere – diese Themen intern geäußert. Sie werden nun natürlich auch dort diskutiert.

Was für Reformen erwarten Sie noch von diesem Papst?

Fischer: Reformen sind nicht sein Thema. Allerdings: Der Papst ist für eine Weltkirche verantwortlich. Von daher muss er auch andere Länder im Blick haben. Frauen im Priesteramt beispielsweise sind zurzeit in vielen Ländern noch schwer vorstellbar. Aber das darf uns nicht abhalten, diesen Weg zu begehen.

Von Göran Gehlen

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