Er kennt Demonstrierende als Hilfsbedürftige

Dechant Fischer über Kagida: "Erschrecke über pauschale Parolen"

Der Demonstrationszug am vergangenen Montag: 80 Anhänger der Kagida („Kassel gegen die Islamisierung des Abendlandes“) zogen vom Scheidemannplatz in Richtung Ständeplatz. Einige Anhänger kennt Dechant Harald Fischer als Hilfsbedürftige. Foto: Schachtschneider

Kassel. Er ist ein leiser und manchmal auch lauter Beobachter der Demonstrationen der Kagida-Bewegung: Der Dechant der katholischen Kirche in Kassel, Harald Fischer.

Der 59-Jährige begleitete an den vergangenen drei Montagen alle Demonstrationszüge des islamkritischen Kagida („Kassel gegen die Islamisierung des Abendlandes“)-Bündnisses. Wir sprachen mit Fischer über die Menschen, die er in deren Reihen demonstrieren sieht und oft auch wiedererkennt.

Herr Fischer, warum begleiten Sie die Demonstrationen als Beobachter?

Harald Fischer: Ich versuche wahrzunehmen, was das für Leute sind, die bei Kagida mitmachen. Beim ersten Mal war ich auch Teilnehmer der Gegendemonstration.

Was geht Ihnen beim Anblick der Kagida-Demonstrationen durch den Kopf? 

Dechant Harald Fischer

Fischer: Es ist eine Mischung aus Verwunderung und Erschrecken. Verwunderung über die Menschen, die ich dort sehe und zum Teil aus meiner sozialen Arbeit als Hilfsbedürftige kenne. Sie kommen zu Wohltätigkeitsveranstaltungen, die zum Teil von Menschen mit ausländischen Wurzeln mitorganisiert werden. Ich erschrecke über die pauschalen Parolen der Demonstranten. Von einer Islamisierung des Abendlandes, wie sie die Kagida propagiert, kann nicht die Rede sein. Die Menschen, die aus dem Ausland zu uns kommen, integrieren sich zum allergrößten Teil gut. Nur wenige zeigen islamistische Tendenzen.

Was sagen Sie den Hilfsbedürftigen, wenn Sie diese bei Kagida mitmarschieren sehen? 

Fischer: Ich spreche sie an. Auf Nachfrage habe ich zum Beispiel von einem Mann zu hören bekommen, dass er das ja alles nicht so ernst meine. Ein anderer sagte, das mit den Ausländern werde ihm zu viel. Eine ganze Reihe von den Mitmarschierern sind aber ideologisch nicht festgelegt, sondern bringen mit der Demonstration das Scheitern ihres persönlichen Lebens zum Ausdruck. Sie haben Angst, dass ihnen Menschen ausländischer Herkunft etwas wegnehmen könnten. Deshalb ist aus meiner Sicht die Kagida vor allem ein Sammelbecken der Unzufriedenen. Das wissen die Rädelsführer auszunutzen.

Warum zieht die Kagida die Unzufriedenen an?

Fischer: Weil Kagida Sündenböcke bietet. Die gab es schon immer: In den 60er-Jahren waren es die italienischen „Spaghettifresser“, in den 70ern die „Kümmeltürken“, in den 80er- und 90er-Jahren die Asylanten und jetzt sind es die Islamisten. Die Kagida bedient einfachste Stereotypen.

Was können wir tun, um der Kagida entgegenzutreten? 

Fischer: Wir müssen zeigen, dass es nur eine kleine Gruppe ist, die in Kassel keine Resonanz findet. Deshalb finde ich es gut, dass für nächsten Montag eine große Gegendemonstration von einem breiten Bündnis gegen rechts vorbereitet wird. Zudem ist es wichtig, weiter das Gespräch mit Kagida-Anhängern zu suchen. Aufklärung hilft. Das habe ich selbst erlebt. Neulich schrieb mir ein politisch engagierter Kasseler, der aus dem bürgerlichen Lager kommt, dass er die Anliegen der Kagida für gar nicht so verkehrt halte. Als ich ihm die Parolen der Kagida auflistete, räumte er seine Fehleinschätzung ein.

Wie bewerten Sie das Verhalten der Polizei bei den Demonstrationen? 

Fischer: Die Beamten haben bisher sehr besonnen gehandelt und deeskalierend gewirkt.

Von Bastian Ludwig

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