Einbrecher hatten Tresor der Kirchengemeinde Wolfsanger

Sie waren den Dieben auf der Spur: Kinder fanden geklaute Kirchenbücher

Sie sorgten für ein Happy End einer Räubergeschichte: Die Geschwister Matilda und Konrad sowie ihre Mutter Verena Schäfer fanden historische Kirchenbücher der Kirchengemeinde Wolfsanger, die Einbrecher gestohlen hatten. Das freut auch Pfarrer Hartmut Feußner (links) und Kirchenvorstand Rainer Konrath.
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Sie sorgten für ein Happy End: Die Geschwister Matilda und Konrad sowie ihre Mutter Verena Schäfer fanden historische Kirchenbücher der Kirchengemeinde Wolfsanger, die Einbrecher gestohlen hatten. Das freut auch Pfarrer Hartmut Feußner (links) und Kirchenvorstand Rainer Konrath.

Im November stahlen Einbrecher in Kassel-Wolfsanger einen Tresor mit bis zu 70 Jahre alten Kirchenbüchern. Nur durch einen Zufall wurden sie von einer Familie beim Waldspaziergang wiederentdeckt.

Kassel – Während des Spaziergangs ahnte Verena Schäfer noch nicht, dass ihr zehnjähriger Sohn einem Verbrechen auf der Spur war. Anfang Januar entdeckte Konrad hinter einer Leitplanke in der Nähe des Waldrastplatzes Adlerhorst bei Baunatal-Guntershausen zwei Müllsäcke. „Schon wieder jemand, der seinen Müll in der Natur entsorgt hat, so eine Schweinerei“, dachte Schäfer.

Doch dann holte ihr Sohn mehrere Kirchenbücher aus den Säcken. Zuhause in Edermünde-Haldorf recherchierte die Mutter mit Konrad und dessen drei Jahre jüngerer Schwester Matilda im Internet. Auf der Seite der evangelischen Kirchengemeinde Wolfsanger lasen sie, dass Diebe zwei Monate zuvor bei einem Einbruch Bücher und andere Dokumente hatten mitgehen lassen. Sofort riefen sie bei Pfarrerin Marion Vöhringer an und sorgten so für ein Happy End, mit dem im Kasseler Nordosten niemand mehr gerechnet hatte.

Für Vöhriger und ihren Kollegen Hartmut Feußner sind die Kirchenbücher nicht nur irgendwelche Dokumente, sondern so etwas wie das Gedächtnis der Gemeinde. In ihnen sind sämtliche Trauungen, Konfirmationen und Bestattungen seit Ende der 1940er-Jahre dokumentiert. Digital werden die Amtshandlungen erst seit wenigen Jahren erfasst. Die noch älteren Kirchenbücher waren im Zweiten Weltkrieg zerstört worden.

„Die Kirchenbücher sind ein großer Schatz für uns“, sagt Vöhringer, die seit 30 Jahren in Wolfsanger Pfarrerin ist: „Dass wir sie wiederbekommen haben, war wie ein nachträgliches Weihnachtsgeschenk.“

Bis zur Bescherung war es allerdings ein langer Weg. Bereits im Sommer vorigen Jahres hatte es zwei Einbrüche im Gemeindehaus gegeben. Damals war der Tresor nur beschädigt worden. Beim dritten Mal im November nahmen die Täter ihn mit.

Laut einem Polizeisprecher fand ein Taxifahrer den Stahlschrank wenige Wochen später, als er in der Dennhäuser Straße zwischen Niederzwehren und Fuldabrück kurz an der Fulda haltmachte. Kirchenvorsteher Rainer Konrath fuhr zur zuständigen Polizeidienststelle nach Baunatal, bekam den Tresor aber mit dem Schlüssel nicht auf. Die Diebe hatten ihn zu sehr beschädigt. Erst mit schwerem Werkzeug ließ sich die Tür öffnen. Doch der Tresor war leer.

Von da an war Konrath überzeugt, dass die Kirchenbücher für immer verschwunden sind. Wieso sollten sich Täter, die in einem Kirchentresor viel Geld oder einen Schatz vermuten, auch die Mühe machen, für sie wertloses Papier zurückzugeben?

Doch dank des kleinen Konrads kam es anders. Kirchenvorstandsmitglied Konrath weiß, dass „einige glückliche Fügungen zusammengekommen sind“. Wie viele Eltern sagte auch die Mutter von Konrad, dass er nicht in irgendwelchen Müllsäcken herumwühlen soll. Doch die Neugier ihres Sohnes war größer.

Seine Entdeckung sorgte in Wolfsanger für viele Emotionen. Ortsvorsteher Helmuth Brehm soll Tränen in den Augen gehabt haben, als er erfuhr, dass die verschwundenen Kirchenbücher wieder da und auch noch gut erhalten sind, wie Konrath erzählt.

Bei Konrad und seiner Schwester Matilda hat sich die Kirchengemeinde mit einem Strategiespiel bedankt. Die Polizei hat ihre Ermittlungsergebnisse mittlerweile an die Staatsanwaltschaft übergeben. Tatverdächtige gibt es laut einem Polizeisprecher nicht. Vielleicht wird der Fall irgendwann einmal von Konrad Schäfer gelöst. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er einmal Polizist wird. „Die kleine Kriminalgeschichte war der Höhepunkt der Weihnachtsferien“, sagt seine Mutter. (Matthias Lohr)

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