Auch neuere Häuser können geschützt sein – Einige Eigentümer wissen nichts davon

Denkmal ohne Fachwerk

Unter Denkmalschutz: Das Haus von Anne Fenge ist ein moderner Putzbau von 1958. Doch auch solche Häuser können Denkmäler sein, wenn sie den typischen Stil ihrer Zeit widerspiegeln, sagen Denkmalschützer. Foto: Schachtschneider

Kassel. „Ihr Haus ist ein Kulturdenkmal.“ Diese Nachricht hat bei der Kasselerin Anne Fenge für einen Schock gesorgt: „Dabei haben wir gar kein Fachwerkhaus“, sagt sie. Das Haus in der Büchnerstraße stammt aus dem Jahr 1958.

Fenge ist kein Einzelfall: Seit Jahren bekommen Hausbesitzer in Stadt und Landkreis Post vom Landesamt für Denkmalpflege. Betroffen sind auch Bauten aus der Nachkriegszeit.

Die Häuser stehen oft seit 1986 unter Denkmalschutz. Ursache ist das Rechtsprinzip „Ipso iure“: Der Denkmalschutz gilt sofort, wenn das Gebäude die Bedingungen erfüllt – unabhängig davon, ob der Besitzer dies weiß. Sicherheit bietet nur eine vorläufige Liste der Kulturdenkmäler von 1986, auf der etwa 3000 Objekte aus Stadt und Landkreis stehen.

Langwieriger Prozess

Das Landesamt für Denkmalpflege aktualisiert die Liste und veröffentlicht sie in der Buchreihe „Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland“. Dabei werden dann die Besitzer der Denkmäler informiert. Doch weil das Geld fehlt, zieht sich dieser Vorgang über Jahre hin.

Der dritte von vier Kassel-Bänden war 2009 erschienen. Er behandelt Brasselsberg, Habichtswald, Kirchditmold, Nordshausen, Wahlershausen und Wilhelmshöhe – wo auch Fenge wohnt. Die Kasselerin und ihr Partner erwägen, sich gegen den Denkmalschutz zu wehren. Laut Oberkonservator Dr. Dieter Griesbach-Maisant gibt es zwei Möglichkeiten: „Die Betroffenen haben immer das Recht einer Feststellungsklage.“ Dafür brauche man einen Fachmann wie einen Kunsthistoriker, der dokumentiert, dass das Haus keinen Denkmalwert hat.

Die zweite Möglichkeit ist eine Klage, wenn die Denkmalschutzbehörde eine Veränderung am Haus ablehnt, weil sie den Denkmal-Charakter beeinträchtigt. Dies hält Wolfram Kieselbach, Vorstand bei Haus & Grund, für den sichereren Weg.

Der Eigentümer könne sich auf einen Nachteil berufen, den er durch den Denkmalschutz erleidet. Insgesamt seien die Erfolgsaussichten der Klage je nach Gebäude sehr unterschiedlich. Haus & Grund kritisiert schon lange das Ipso-iure-Prinzip. Ende Februar werde man mit Ministerin Eva Kühne-Hörmann und dem Präsidenten des Landesamts für Denkmalpflege über Alternativen sprechen, sagt Kieselbach.

Bis alle Hausbesitzer informiert sind, werden noch Jahre vergehen. „Für Band IV fehlen die finanziellen Mittel“, sagt Griesbach-Maisant. Das Buch behandelt Bettenhausen, Nieder- und Oberzwehren, Nordstadt und Waldau.

Laut Dietmar Taubert, Leiter der Kasseler Denkmalschutzbehörde, bleibt im Zweifel nur die Anfrage bei der Stadt. Das sei beim Hauskauf keine Pflicht. Wer es unterlässt, riskiert unbeabsichtigt, ein Denkmal zu kaufen. Archivfoto: Malmus

Kontakt zur Denkmalschutzbehörde: 05 61/7 87 60 95.

HINTERGRUND

Von Göran Gehlen

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