Deportation der Kasseler Juden vor 75 Jahren: Auch der letzte Zug rollte ins KZ

+
Der Weg zur Deportation: Das Luftbild zeigt Kassel im Jahr 1941. Von den Turnhallen an der Schillerstraße gingen vor genau 75 Jahren jüdische Menschen aus Kassel und Umgebung zum Hauptbahnhof. 

Kassel. Vor 75 Jahren startete der letzte von drei Sonderzügen in Richtung Konzentrationslager. Nahezu alle Kasseler Juden wurden deportiert. 

Am 7. September 1942 fuhr der letzte Zug mit Kasseler Juden vom Hauptbahnhof ab. Zuvor hatte es bereits zwei große Deportationswellen gegeben. Insgesamt wurden 2500 Juden aus ganz Nordhessen nach Riga sowie in die Konzentrationslager Majdanek und Theresienstadt transportiert. Der letzte Zug rollte von Gleis 13 nach Theresienstadt. Daran erinnert die Arnold-Bode-Schule am Donnerstag mit einer Gedenkveranstaltung ab 11.15 Uhr.

Die Schule hat eine besondere Beziehung zu diesem Teil der Kasseler Geschichte. Auf dem Gelände der damaligen Bürgerschule an der Schillerstraße – hier befindet sich heute die Arnold-Bode-Schule – war die Sammelstelle für die Deportation. Hier trafen unter Bewachung Männer, Frauen und Kinder aus der ganzen Region ein. 

Aus den Unterlagen geht hervor, dass sie neben Kassel unter anderem aus Melsungen, Guxhagen, Felsberg, Rotenburg, Borken und Wabern kamen. Angeblich sollten sie im Osten angesiedelt werden und dort Pionierarbeit leisten. Diese Lüge wurde den Juden von ihren Bewachern erzählt. Die Nacht vor dem Abtransport verbrachten sie in zwei Turnhallen auf dem Schulgelände. Von dort aus ging der Marsch zum Kasseler Hauptbahnhof. Dieser Weg ist gut dokumentiert, Fotos von der Deportation der Kasseler Juden sind nicht bekannt.

Kehrte nach Kassel zurück: Sara Nußbaum, die Ehrenbürgerin wurde.  

Ihnen wurde am Bahnhof das Gepäck abgenommen und in einem seperaten Waggon untergebracht. Bis zu diesem Zeitpunkt haben viele der Deportierten wahrscheinlich noch geglaubt, es am Ende der Reise zurückzubekommen. In Wirklichkeit wurde der Waggon mit den Gepäckstücken vor der Abfahrt des Zuges abgehängt. Den zuvor schon enteigneten Juden wurde auch noch das letzte Hab und Gut abgenommen. Das galt auch für den Hausrat in den geräumten Wohnungen.

Direkt vor dem Abmarsch zum Bahnhof nahm die Gestapo den Opfern Schmuck, Geld und Papiere ab. Von der Schule ging es über die Orleansstraße (heute Erzberger Straße) und die Bahnhofsstraße (heute Werner-Hilpert-Straße) zum Hauptbahnhof.

Eine der wenigen Überlebenden dieser Deportation war die spätere Kasseler Ehrenbürgerin Sara Nussbaum. Auch sie brachten die Nazis in das Konzentrationslager Theresienstadt in Tschechien. Hier pflegte die ausgebildete Rot-Kreuz-Schwester Typhuskranke. Damals war sie bereits 74 Jahre alt und musste Schwerstarbeit verrichten. 

Trotz all der Schrecken im Konzentrationslager, das sie nur knapp überlebte, kehrte Sara Nussbaum nach Kassel zurück. Nach ihr ist eine Kindertagesstätte an der Bremer Straße und ein Platz in Kirchditmold. Zudem gibt es das Sara-Nussbaum-Zentrum für jüdisches Leben in Wehlheiden.

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.