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Mordfall Lübcke: Ex-Verfassungsschützer Temme sagt über Stephan Ernst aus

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Von: Matthias Lohr

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Sagte schon oft aus: Ex-Verfassungsschützer Andreas Temme. Unser Bild zeigt ihn 2015 im NSU-Ausschuss des hessischen Landtags. Gestern wurde er im Lübcke-Ausschuss befragt. Bilder durften nicht gemacht werden. Archi
Sagte schon oft aus: Ex-Verfassungsschützer Andreas Temme. Unser Bild zeigt ihn 2015 im NSU-Ausschuss des hessischen Landtags. Gestern wurde er im Lübcke-Ausschuss befragt. Bilder durften nicht gemacht werden. Archi © Fredrik von Erichsen/dpa

Für viele ist die Rolle des Ex-Verfassungsschützers Temme beim NSU-Mord an Halit Yozgat unklar. Nun sagte der Mann im Lübcke-Ausschuss aus. Wer viel erwartet hatte, wurde enttäuscht.

Wiesbaden – Als Andreas Temme am Mittwochnachmittag den Sitzungssaal des hessischen Landtags betritt, wirkt er ganz gelassen. Der ehemalige Verfassungsschützer soll als Zeuge im Wiesbadener Untersuchungsausschuss zum Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke aussagen. Es ist nicht das erste Mal, dass er Rede und Antwort stehen muss.

Der Mitarbeiter des Kasseler Regierungspräsidiums sagte nicht nur oft bei der Polizei aus, sondern auch im Münchner NSU-Prozess und auch im NSU-Ausschuss des hessischen Landtags. Für viele ist seine Rolle beim NSU-Mord an Halit Yozgat immer noch unklar. Er soll während, zumindest aber kurz vor der Tat am 6. April 2006 in dem Internet-Café in der Holländischen Straße gewesen sein, wo der Deutschtürke erschossen wurde.

Nun sitzt der 55-Jährige aus Hofgeismar im Landtag und soll etwas zu möglichen Verbindungen zum Lübcke-Mörder Stephan Ernst und dessen einstigem Kumpel Markus H. sagen. Temme ist deutlich schlanker als auf den Bildern von früher. Er trägt ein weißes Hemd und plaudert auf dem Flur freundlich mit Mitarbeitern des Hauses.

Seine Aussage war mit Spannung erwartet worden. Medienvertreter, die zuletzt fehlten, waren gestern wieder anwesend. Doch neue Erkenntnisse lieferte der Zeuge in der knapp einstündigen Befragung nicht. Er könne sich nicht erinnern, Stephan Ernst oder Markus H. begegnet zu sein. Auch die Geschichte von Mike S. stimme nicht. Der Rechtsextremist hatte im Dezember im Ausschuss ausgesagt, Temme habe 2011 ein Landser-Bild von ihm kaufen wollen. Temme sagt dazu: „Das habe ich mit großer Verwunderung gelesen.“ Er hätte auch gar keine Verwendung für so ein Bild gehabt. Man muss dazu wissen, dass Temme in seinem Heimatdorf als Jugendlicher „Klein Adolf“ genannt worden sein soll.

Wenn ihm eines der Ausschussmitglieder einen Sachverhalt vorhält, sagt er immer wieder, das kenne er nur aus den Medien. Temme ist längst ein Aussage-Profi. Er gibt bereitwillig Auskunft, dass er im Schützenverein Hegelsberg-Vellmar aktiv war und nicht in Niestetal-Sandershausen, wo Stephan Ernst und Markus H. gemeinsam trainierten.

Nicht einmal das gemeinsame Hobby Motorradfahren taugt dazu, Verbindungen zwischen den Protagonisten herzustellen: Markus H. fuhr nach Temmes Aussage bei den Bandidos, er selbst bei den Hell’s Angels. Die beiden Gruppen mögen sich ungefähr so sehr wie Dortmund- und Schalke-Fans.

Temmes Auftritt beweist erneut, dass die Arbeit im Ausschuss selbst dann ernüchternd sein kann, wenn es spannend zu werden verspricht. Für manchen Beobachter der rechten Szene ist Temme immer noch eine dubiose Figur. Sie verweisen auf die Künstlergruppe „Forensic Architecture“. Die stellte den Tathergang im Internet-Café nach und kam zu dem Schluss, dass Temme etwas mitbekommen haben muss. Ein ähnliches Bild erhielten vor drei Jahren Besucher des Kasseler Staatstheaters im Stück „Der NSU-Prozess“.

Das kann gut sein. Ermittler von einst glauben dennoch nicht, dass Temme etwas mit dem Yozgat-Mord zu tun hat. Öffentlich und mit Namen sagt niemand etwas. Aber es heißt, Temme sei „keine große Leuchte“ gewesen. Es würden zu viele Dinge dafür sprechen, dass es Zufall war, dass er am Tatort war. Zu oft habe Temme schon ausgesagt – immer ohne Anwalt. Wer würde das machen, wenn er Dreck am Stecken hätte? Es ist jedoch gut möglich, dass Temme gestern nicht zum letzten Mal Fragen beantworten musste.

Unklarheiten über Akte von Ernst

Die Personenakte des späteren Mörders des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke beim Landesamt für Verfassungsschutz hätte laut einer ehemaligen Mitarbeiterin nicht gesperrt werden dürfen. Im Untersuchungsausschuss des Landtags sagte sie am Mittwoch erneut aus, dass sie einen entsprechenden Vermerk an die Akte von Stephan Ernst angebracht habe.

Der Rechtsextremist war als „abgekühlt“ eingestuft worden, ehe er 2019 den CDU-Politiker erschoss. Trotz des Hinweises der Zeugin sei nichts passiert, sagte sie gestern: „Ich hätte da dranbleiben müssen und habe es nicht getan.“ Die damalige Dezernatsleiterin erklärte dagegen, von so einem Vermerk nichts zu wissen. „Der hätte auch den Regelungen widersprochen – vielleicht hat sie Personen verwechselt.

Bis Ende 2014 soll sich im Amt ein Überhang von 1345 Akten angesammelt haben. Sie sollten vor einer Software-Umstellung gesperrt werden, um den Übertrag zu vereinfachen.

SPD-Fraktionschef Günter Rudolph (Edermünde) erklärte, dass „entscheidende Akteure“ der Verfassungsschutzbehörde „gleich an mehreren Stellen in einer nicht zu entschuldigenden Art und Weise versagt haben“. (Matthias Lohr)

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