Stefan Bößert arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Radkurier

Unterwegs mit einem Radkurier: „Für Radfahrer ist Kassel gar nicht so schlecht“

Ist bis zu 70 Kilometer pro Tag als Radkurier unterwegs: Stefan Bößert von der Firma Velokurier auf der Frankfurter Straße.
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Ist bis zu 70 Kilometer pro Tag als Radkurier unterwegs: Stefan Bößert von der Firma Velokurier auf der Frankfurter Straße.

Kassel will Fahrradstadt werden, noch aber fehlen viele Radwege, auf den Straßen gibt es Konflikte. Kaum einer kennt sich hier besser aus als Radkurier Stefan Bößert. Wie findet er es?

Kassel – Stefan Bößert weiß schon 20 Meter vor der Kreuzung, dass ihm gleich ein Autofahrer die Vorfahrt nehmen wird. Der Radkurier will in Wehlheiden von der Paul-Nagel- in die Hellmut-von-Gerlach-Straße abbiegen, als ein silberner Pick-up von links an ihm vorbeibrettert. „Das war klar“, sagt Bößert, nachdem er abgebremst hat, um nicht im Krankenhaus zu landen.

Der 45-Jährige ist seit mehr als zwei Jahrzehnten Radkurier. Bis zu 70 Kilometer ist er jeden Tag mit seinem Rennrad in Kassel unterwegs. In all den Jahren ist der Inhaber der Firma Velokurier zu einem Autofahrerversteher geworden. Er weiß, wann er besonders vorsichtig fahren muss – etwa bei SUV-Fahrern, die Radfahrern besonders gern die Vorfahrt nähmen, wie Bößert sagt. Es klingt wie ein Klischee, aber manchmal sind Klischees die Realität.

Die Wirklichkeit in Kassel ist für viele Radfahrer ernüchternd. Nach Jahrzehnten, in denen laut Kritikern vor allem an Autofahrer gedacht wurde, plant die Stadt nun die Verkehrswende. Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) will Kassel zu einer Art Kopenhagen machen. Vielen geht das nicht schnell genug. Manche reden angesichts von bundesweit jährlich mehr als 400 getöteten Radfahrern gar vom Krieg auf der Straße. Ist es in Kassel wirklich so schlimm?

Bößert sagt: „Für Radfahrer ist die Stadt gar nicht so schlecht.“ Eine Zeit lang hat er in Wiesbaden gearbeitet. Bei Radkurier-Wettbewerben hat er Köln kennengelernt. In beiden Städten, stellte er fest, gab es noch weniger Radwege und noch mehr Verkehr.

Wer ihn auf seinen Touren von Waldau bis nach Wilhelmshöhe begleitet, merkt schnell: Bößert kennt jedes Schlagloch. Er umfährt alle Hindernisse im Schlaf. Und er kennt die Missstände der Kasseler Radinfrastruktur. Nicht nur auf der Kohlenstraße müssen Radfahrer sich den Platz mit Fußgängern teilen. Die umgebaute Friedrich-Ebert-Straße, auf der Radler in wartende Straßenbahn-Passagiere geleitet werden, meidet Bößert in Stoßzeiten.

Er und seine zehn Kollegen haben es oft eilig. Manche Expresssendungen müssen in 30 Minuten durch die ganze Stadt gebracht werden. Selbst trainierte Sportler kommen ins Schwitzen, wenn sie Bößert morgens um acht auf seinem Singlespeed-Rennrad folgen, das nur einen Gang hat. Es ist verschleißärmer, ohne Schaltung zu fahren, kostet aber Kraft. An Anstiegen fährt Bößert im Wiegetritt.

Auch im übertragenen Sinn ist Radfahren ein Hin und Her. Bößert versucht immer, Augenkontakt mit anderen Verkehrsteilnehmern aufzunehmen, damit er weiß, ob sie ihn sehen. Er schimpft auch nicht auf Autofahrer wie manche Hardcore-Radfahrer, sondern appelliert, gegenseitig Rücksicht zu nehmen: „Idioten gibt es überall.“ Man würde gern auch so gelassen sein.

Als er im Jahr 2000 anfing, war die Arbeit als Radkurier nur ein Nebenjob. Der gelernte Raumausstatter wollte Produktdesign studieren. Wegen der Abendschule, an der er sein Abi nachholte, konnte er abends nicht mehr zum Fußball. Also machte er das Radtraining zum Beruf.

Es gab auch Momente, da hatte der Vater von drei Söhnen keine Lust mehr. Trotzdem klingt es nach Traumjob, wenn er sagt: „Man kann sich sportlich betätigen, ist viel unter Leuten und hat Abwechslung.“ Reich werden kann man als Radkurier nicht. Seine Mitarbeiter, die alle im Nebenjob radeln, bekommen 9,50 Euro pro Stunde.

Die Pandemie hat auch die Auftragslage seiner Firma Velokurier verändert. Mit dem Lastenrad transportieren Bößerts Mitarbeiter sonst auch Catering in Schulen und Kitas. Das ist weggefallen. Dafür bringen sie im Auftrag der Stadt nun Personalausweise nach Hause, die im Rathaus verlängert wurden.

Wer Bößert begleitet, entdeckt neue Wege. Er kennt jede Abkürzung. In seinem Kopf hat er kürzere und vor allem schnellere Routen als Google Maps.

Per Funkgerät, das an seinem Oberarm befestigt ist, bekommt er ständig neue Ziele aus der Zentrale in der Friedrich-Ebert-Straße mitgeteilt. Manche Kunden schimpfen, wenn eine Expresszustellung fünf Minuten zu spät ankommt. Trotzdem hält Bößert an jeder roten Ampel. An Fußgängern fährt er mit ausreichend Abstand vorbei.

Schon um halb elf hat er fast 40 Kilometer abgespult. Er schwitzt in seinem grünen Radtrikot nicht und hatte seit sechs Jahren keine Erkältung mehr. Wenn es regnet, regnet es halt. Selbst bei Schnee und Eiseskälte setzt er sich aufs Rad. Früher war er dann auf den Straßen allein unterwegs. Heute fahren immer mehr das ganze Jahr hindurch. Von 2013 bis 2018 hat sich der Anteil der Radfahrer am Kasseler Gesamtverkehr auf elf Prozent verdoppelt. Bößert freut das.

Einmal hat er sich bei einem Sturz böse an der Schulter verletzt. Da war er aber privat unterwegs. Daheim stehen acht Räder – vom Mountainbike bis zum Lastenrad. Bößert hat weder Auto noch Führerschein. Um Freunde zu besuchen, radelt er schon mal bis nach Hildesheim.

Aber kann man als Radkurier alt werden? Er kennt Kollegen, die auch mit über 60 unterwegs sind. Auch Bößert will noch lange weitermachen. Als er von Kirchditmold an der Prinzenquelle vorbeifährt und auf den Bergpark schaut, fragt er: „In welchem Job hat man so einen Arbeitsplatz?“ Kurz zuvor ließ ihm ein Autofahrer, der von rechts kam, freundlich grüßend die Vorfahrt. (Matthias Lohr)

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