José Andujar Garcia veröffentlichte bei Jodel Kassel-Comics

Dieser Kasseler war der Satire-Autor Erwin Schlonz

José Andujar Garcia aus Kassel schrieb als Erwin Schlonz in der Wikipedia-Kopie Uncyclopedia Satiretexte und zeichnete im Jodel-Netzwerk Cartoons.
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Trieb seine Späße im Geheimen: José Andujar Garcia aus Kassel schrieb als Erwin Schlonz in der Wikipedia-Kopie Uncyclopedia Satiretexte und zeichnete im Jodel-Netzwerk Cartoons. Nun starb er mit 49 Jahren.

Wer ist eigentlich dieser Erwin Schlonz, der im Netz herrlichen Unsinn schreibt? Und wer steckt bei Jodel hinter den Kassel-Comics? Es war José Andujar Garcia aus Kassel. Nun ist er tot.

Kassel – Am Abend des 26. Mai 2007 erfand José Andujar Garcia aus Kassel einen Begriff, der Jahre später in fast jeder Zeitung stand. Auf der Satireseite Uncyclopedia, von der Humoristen behaupten, sie sei die wahre Wikipedia, schrieb er einen Lexikon-Artikel über Kevinismus. Damit ist jene „krankhafte Unfähigkeit“ gemeint, „menschlichem Nachwuchs menschliche Namen zu geben“ und die Kinder stattdessen Kevin oder Jacqueline zu nennen.

Heute gibt es wissenschaftliche Arbeiten zu dem Phänomen und natürlich einen Artikel im Wikipedia-Lexikon, in dem steht, dass der Begriff „aus dem Satire-Wiki Uncyclopedia“ stammt. Dort wird als Autor der ersten Version ein gewisser Erwin Schlonz aufgeführt – unter diesem Namen schrieb Garcia dutzende Texte. Doch keiner wusste, wer dahinter steckt. Das „PC-Magazin“ fragte gar: „Wer ist Erwin Schlonz?“

José Andujar Garcia wollte nicht, dass seine Identität öffentlich wird. Seine lustigen Späße trieb er lieber im Geheimen. Auch als Comic-Zeichner im vor allem bei Studenten beliebten Netzwerk Jodel machte er sich einen Namen. Seine minimalistischen Cartoons, die er dort mit dem Hashtag #kasselcomics postete, bekamen regelmäßig hunderte Likes. Sein Bruder Miguel Andujar Garcia sagt: „Ich musste ihm versprechen, dass ich ihn nicht verrate.“ Nun hat er es doch getan, damit die Fans wissen, warum es keine neuen Spaß-Artikel von Erwin Schlonz und keine Kassel-Comics mehr auf Jodel gibt. José Andujar Garcia, der als IT-Experte bei K+S arbeitete, starb am 23. Oktober mit nur 49 Jahren plötzlich an einem Herzinfarkt.

Damit endete ein ungewöhnliches Leben. Der Single war so etwas wie der Banksy von Kassel. Im Internet trieb er seine Späße wie der britische Streetart-Künstler im Geheimen, aber auch im echten Leben war er „unglaublich lustig“, wie sein Bruder sagt: „Er konnte die Menschen zum Lachen bringen.“

Aufgewachsen ist José Andujar Garcia mit vier Geschwistern in Helleböhn. Die Eltern waren aus Spanien erst nach Essen und dann nach Kassel gekommen. Der Vater arbeitete bei Henschel. Die Mutter malte gern und gab ihr Zeichentalent an die Kinder weiter. Nach dem Abitur am Wilhelmsgymnasium 1992 machte Andujar Garcia beim Rüstungskonzern Krauss-Maffei Wegmann eine Ausbildung zum EDV-Kaufmann, studierte Informatik und wurde beim Kalikonzern K + S zum SAP-Spezialisten.

Seine Zeichnungen fertigte er gern auf dem Handy an. Er liebte den flachen Witz. Einmal postete er einen Cartoon mit dem Titel: „Berufe, die die Welt nicht braucht: Gabelstapler.“ Dazu zeichnete er ein Männchen, das Gabeln stapelte. Und in der Uncyclopedia schrieb er herrlichen Blödsinn etwa über eine fiktive Göttinger Flohmarktstudie, die angeblich nachwies, dass jeder Flohmarktbesucher zum Jäger und Sammler wird.

Seitdem eine Mitschülerin am WG seinen Namen falsch ausgesprochen hatte, nannten ihn alle nur Crossie – so hatte José damals in der Oberstufenstunde geklungen. Bis zuletzt wartete er vergebens auf die Frau fürs Leben. Dafür war er immer für andere da – etwa für das befreundete Ehepaar Ingrid und Olli Heine sowie dessen Tochter. „Er gehörte zu unserer Familie und war der liebevollste Spaßonkel auf der Welt“, schrieben sie in einer Facebook-Gruppe, die Miguel Andujar Garcia nach dem Tod seines Bruders zum Gedenken gegründet hat.

Auch bei Jodel vermissen ihn seine Fans. Unzählige alte Cartoons sind in den Weiten des Netzwerks nicht mehr auffindbar. Darum haben die Anhänger von #kasselcomics an den Gründer geschrieben, die Bilder wiederherzustellen. Als Miguel Andujar Garcia dort ein gezeichnetes Porträt seines Bruders postete mit dem Satz „Ruhe in Frieden“, schrieb jemand: „Oh, das ist traurig. Ich werde ihn auch vermissen.“ So geht es nun vielen Menschen – im Netz und im echten Leben.

Von Matthias Lohr

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