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Verteidiger kritisiert Justiz: Bei Gewalt gibt es zu lasche Strafen

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Von: Ulrike Pflüger-Scherb

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Nach der Urteilsverkündung (1998) im Mordfall Heinzerling: Die Verteidiger der Adoptivtochter Julia, Hans-Wolfgang Euler (links) und Knuth Pfeiffer, waren begehrte Gesprächspartner für die Medien. ARCHI
Nach der Urteilsverkündung (1998) im Mordfall Heinzerling: Die Verteidiger der Adoptivtochter Julia, Hans-Wolfgang Euler (links) und Knuth Pfeiffer, waren begehrte Gesprächspartner für die Medien. ARCHI © Jochen Herzog

Strafverteidiger Knuth Pfeiffer vertrat einen Bauern, der seinen toten Knecht an die Schweine verfütterte, und Mandanten in vielen anderen spektakulären Fällen. Nun hört er auf und übt Kritik.

Kassel/Vellmar – Er hat Mörder, Terroristen und Steuerhinterzieher verteidigt. Aber auch Politiker und die Ärztinnen Nora Szász und Natascha Nicklaus, die sich wegen unerlaubter Werbung für Schwangerschaftsabbrüche auf der Anklagebank verantworten mussten. Knuth Pfeiffers Stellenwert in Kassel ist wohl vergleichbar mit dem des Strafverteidigers Rolf Bossi auf Bundesebene gewesen. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Herr Pfeiffer, Sie haben 45 Jahre lang als Strafverteidiger gearbeitet. Was waren Ihre spektakulärsten Fälle?

Ich hatte Mord und Totschlag, die Vergiftung der Partnerin oder die Meuterei in der Elwe. Da habe ich einen Angeklagten vertreten, der wegen Geiselnahme und Meuterei angeklagt war. Neben den Schwurgerichtsverfahren waren sicher die politischen Strafverfahren von besonderer Bedeutung.

Was meinen Sie mit politischen Verfahren?

In den 70er-Jahren war die NPD in Kassel aktiv. Auf der anderen Seite gab es von linken Demonstranten Widerstand gegen Polizeibeamte. Diese gewalttätigen Demonstranten habe ich zum Beispiel verteidigt. Oder später den Asta wegen Hausfriedensbruchs. Von der politischen Seite die spektakulärste Verhandlung fand 1990 vor dem OLG Frankfurt im Zusammenhang mit dem Anschlag auf die Frankfurter Börse statt. Da habe ich einen der vier Angeklagten verteidigt.

Wie sind die politischen Verfahren ausgegangen?

Das Asta-Verfahren wurde eingestellt, die in Frankfurt bekamen sieben Jahre Haft wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Das war eine happige Strafe, weil der Schaden in der Frankfurter Börse relativ gering war.

Weil Sie auch Linksradikale verteidigt haben, wurden Sie in den 70er-Jahren als Terroristenanwalt bezeichnet. Hätten Sie sich auch vorstellen können, Rechtsextreme, wie zum Beispiel Stephan Ernst, den Mörder von Walter Lübcke, zu verteidigen?

Ich glaube nicht, dass ich es gemacht hätte. Wobei ich es als selbstverständlich ansehe, dass auch ein Mensch wie Stephan Ernst eine vernünftige Verteidigung verdient hat, so wie jeder Angeklagte. Aber man muss auch in sich reinhorchen und schauen, was man sich auf der emotionalen Schiene zumutet. Es geht bei Strafverteidigung nicht nur um die technische Strafverteidigung, sondern es geht auch ein stückweit um die emotionale Seite der Verteidigung. Das hätte ich mir nicht zugemutet.

Haben Sie aus diesem Grund auch Mandanten abgelehnt?

Ich war als Pflichtverteidiger in dem ersten Alkaida-Prozess vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt in Betracht gekommen. Da ging es um die Bildung einer terroristischen Vereinigung. Ich bin von einem Araber in die Haftanstalt gerufen worden und habe ein Gespräch mit ihm geführt. Da habe ich sofort gemerkt, dass es da keine Verbindung zwischen uns gibt. Ich wäre als potenzieller Pflichtverteidiger für diesen Angeklagten das Sinnbild des repressiven deutschen Staats gewesen. Und dieses Etikett wollte ich mir nicht anheften lassen. Tatsächlich ist sein späterer Pflichtverteidiger vor dem Oberlandesgericht Frankfurt während des gesamten Prozesses von diesem Angeklagten übelst beleidigt worden.

Aber Sie hatten keine Berührungsängste, Mörder zu verteidigen, wie zum Beispiel den Bauern aus Fritzlar-Haddamar, der seine Eltern getötet und seinen toten Knecht an die Schweine verfüttert hat?

Nein. Das war ja eine unglaubliche Geschichte, das war ja ein gebildeter Bauer. Er war auch Mitglied des Friedhofsausschusses. Und in dieser Eigenschaft hat er selbstständig eine Beerdigungsfeier in Haddamar durchgeführt, mit allem drum und dran. Und davon hatte der Pfarrer Wind bekommen, der irgendwo an der Nordsee weilte. Er schaltete die Polizei ein, weil ihm das alles komisch vorkam, zumal der Knecht des Bauern seit einem Jahr vermisst wurde. Der Knecht ist, soweit man weiß, eines natürlichen Todes gestorben. Der Bauer hat allerdings diesen Tod zum Anlass genommen, ihn erst mal in eine Gefriertruhe zu stecken, um weiterhin seine Rente zu kassieren. Dann kamen im Dorf aber verstärkt Fragen nach dem Knecht auf. Und dann fing der Bauer an, die Leiche aus der Truhe zu holen, zu zerkleinern und an die Schweine zu verfüttern. Das war der Ursprung des Verfahrens.

Wie ging es weiter?

Es ist dem kriminalistischen Instinkt der Polizei in Homberg zu verdanken, dass der Mord an den Eltern auch noch entdeckt worden ist. Bei den Exhumierungen der Eltern wurde festgestellt, dass der Bauer seinen Vater mit einem Hammer von hinten beim Melken ermordet und seine Mutter im Schlaf erstickt hat.

War der Bauer in Ihren Augen nur ein kaltblütiger Mörder?

Nein. Er war auch ein überaus freundlicher und sympathischer Mensch, der nicht nur schlichter Landwirt war, sondern ein betriebswirtschaftlicher Landwirt. Er war ein besonders qualifizierter Bauer, der im Zwiespalt stand zwischen den Bedürfnissen des Hofes mit viel Arbeit und seinen eigenen Bedürfnissen nach Freiheit und ungebundenem Leben. Während seine Klassenkameraden von früher viel Freizeit hatten, musste er den ganzen Tag hart arbeiten. Er konnte sich von seinen Eltern allerdings nicht normal abnabeln.

Haben Sie manchmal Mitleid mit den Angeklagten gehabt?

Ja, in einem Fall ganz besonders. Da habe ich einen Bauernsohn aus dem Raum Gießen verteidigt, der mit seiner Mutter und Großmutter auf einem Hof gelebt hat. Beide Frauen haben ihn massiv drangsaliert. Das hat auch das Gericht so gesehen. Eines Tages hat der Mann seine Oma mit einem Bolzenschussgerät getötet. Er hat nur eine relativ geringfügige Strafe wegen Mordes im minder schweren Fall von dreieinhalb Jahren bekommen. Als ich ihn später in der JVA in Kassel aufsuchte, war er glücklich. Er sagte: Hier bin ich unter Männern. Er ist aber kurze Zeit später gestorben. Das ist so ein Typus Mensch gewesen, wo man landläufig sagt: Das war eine arme Kreatur, die in seinem Leben keine Unterstützung und kein Korrektiv gefunden hat.

Gab es auch Mandanten, die Ihnen Angst gemacht haben?

Da gab es 1988 einen Mord in der Hansastraße in Kassel. Mein Mandant war Mitglied einer Drückerkolonne. Er hat eine 73-jährige Frau, die ihn beim Werben für Zeitschriften in ihre Wohnung gelassen hatte, erwürgt, erdrosselt und 30 Messerstiche in die Brust zugefügt. Da hat es mich immer wieder bei unseren Begegnungen gegruselt, wie die Brüder Grimm sagen würden. Da habe ich, das ist mir ganz selten passiert, so eine innere Kälte meines Gegenübers gespürt.

Ist jeder Mensch dazu in der Lage, einen anderen Menschen zu töten?

Ja, eindeutig ja. Insbesondere dann, wenn so eine schreckliche Tat eine Vorgeschichte hat. Ich denke dabei natürlich an einen Affekt. Ein Affekt ist in der Wissenschaft nicht nur eine momentane Reaktion, sondern ein Affekt kann sich über Jahre aufgebaut haben und kommt dann zum Ausbruch. Gerade im familiären Bereich, bei Reizungen, bei Beleidigungen, bei üblen Erniedrigungen ist eine Tötung als Gegenreaktion vorstellbar. Solche Fälle habe ich auch erlebt.

In ihrem letzten Fall vor dem Kasseler Amtsgericht haben Sie kürzlich das Opfer einer gefährlichen Körperverletzung in der Nebenklage vertreten. Nachdem der Angeklagte mit einer Bewährungsstrafe davon gekommen ist, haben Sie kritisiert, dass Gewaltstraftaten oft zu lasch sanktioniert werden.

Das ist in der Tat eine Reaktionsweise beim Amtsgericht, die mir seit über 20 Jahre aufgestoßen ist. Ich erinnere daran: Dem Gesetzgeber hat es nicht gefallen, dass die Strafen in diesem Bereich oft so mild ausgefallen sind. Deshalb wurde 1998 der Strafrahmen für die Körperverletzungsdelikte spürbar erhöht. Im Prinzip hat sich aber in der Sanktionspraxis der unteren Gerichte nichts geändert. Im Regelfall erreichen die Strafen bei Körperverletzung und gefährlicher Körperverletzung nicht mal das untere Drittel des Strafrahmens.

Woran liegt das?

Schwierige Frage. Es ist irgendwie eine Beißhemmung bei der Justiz, anders kann ich das nicht sagen. Und ich finde auch, dass das Recht auf körperliche Unversehrtheit aus unserem Grundgesetz nicht ausreichend wertgeschätzt wird durch unsere Instanzgerichte.

Haben Sie ein weiteres Beispiel dafür?

Ja. Der Verkehrsunfall bei Ehlen mit einem Sportwagen, bei dem der Beifahrer gestorben ist. Der Angeklagte ist kürzlich im Berufungsverfahren vor dem Kasseler Landgericht wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Das sind die Fälle, wo ich der Auffassung bin, dass unser Täterstrafrecht zu sehr über die eigentliche Sanktionierung der Tat gestellt wird. Also man berücksichtigt zu sehr die Belange des Täters und würdigt zu wenig die eigentliche Straftat. Und hier war es in meinen Augen eine ganz grobe Fahrlässigkeit, die für mich eigentlich am Rande des „Dolus eventualis“ war, des Eventualvorsatzes. Sie kennen die Rennurteile, da hat der Bundesgerichtshof jetzt gesagt: Leute, das kann Richtung Mord gehen, wegen des Eventualvorsatzes zur Tötung. Wer mit 200 durch die Innenstadt schießt, der muss sich vergegenwärtigen, dass er einen Passanten totfährt. Und dann ist es Mord. Und in diesem Fall auf so eine Bewährungsstrafe zu gehen, das stößt mir, auch als Verteidiger, übel auf, weil das im Verhältnis zu Sanktionen in anderen Bereichen nicht mehr verhältnismäßig ist.

Nennen Sie in Beispiel.

Wenn jemand nachts irgendwo einsteigt und das Opfer mit einem Messer bedroht und ausraubt, dann wird er wegen schwerer räuberischer Erpressung für fünf bis acht Jahre verurteilt. Das Opfer hat natürlich Angst verspürt, wurde aber nicht verletzt. Ich finde, dass die Verurteilungen wegen Körperverletzung dagegen einfach zu niedrig ausfallen. Wahrscheinlich werde ich jetzt von meinen Kollegen mit Steinen beworfen.

Welchen Stellenwert hat der Strafverteidiger in der Öffentlichkeit?

Nach wie vor wird Strafverteidigung von vielen Bürgern nicht akzeptiert oder nur mit Nasenrümpfen. Es gibt nicht die gleiche Akzeptanz in der Gesellschaft wie für einen Staatsanwalt oder Richter. Obwohl Richterschaft, Staatsanwaltschaft und Rechtsanwälte nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts gleichberechtigte Organe der Rechtspflege sind.

Damit unterstreichen Sie, dass jeder Angeklagte eine gute Verteidigung verdient.

Bei jedem Mandanten war mir eine gute qualifizierte Strafverteidigung ganz wichtig, vollkommen unabhängig vom Delikt. An dieser inneren Haltung ist zu arbeiten. Dies verlangt der demokratisch verfasste Rechtsstaat des Grundgesetzes. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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