Heute arbeitet er als Computer-Musikproduzent in den USA

„Der C64 war mein Mädchen“: Heimcomputer machte Kasseler erfolgreich 

Inzwischen bei San Francisco zu Hause: Der gebürtige Kasseler Chris Hülsbeck in seiner neuen Heimat. Foto: privat

Kassel. Er sorgte in deutschen Kinderzimmern für einen Quantensprung: Als der Heimcomputer C64 vor 30 Jahren auf den Markt kam, wurde er für Generationen von Heranwachsenden zur digitalen Einstiegsdroge.

Für den gebürtigen Kasseler Chris Hülsbeck wurde der C64 darüber hinaus zum Karrieresprungbrett. Mithilfe der 8-Bit-Technologie feierte er seine ersten Erfolge als Produzent von Computerspielmusik. Heute hat der 43-Jährige bei San Francisco seine eigene Produktionsfirma.

Wie haben Sie den C64 für sich entdeckt?

Chris Hülsbeck: Die Geschichte fing damit an, dass ich als Jugendlicher begann, mich für elektronische Musik zu interessieren. Schließlich wollte ich selbst einen Synthesizer haben – aber der war viel zu teuer. Als ich in einer Anzeige las, dass der C64 einen Synthesizer-Soundchip hat, war ich Feuer und Flamme. Nach einem halben Jahr Zeitungsaustragen und 100 DM Zuschuss von meiner Oma konnte ich mir dann 1984 für 600 DM (310 Euro) einen C64 kaufen.

Und wie hat Ihnen dieser zum Erfolg verholfen?

Erstes eigenes C64-Spiel: „To Be On Top“ entwickelte Hülsbeck im Jahr 1987.

Hülsbeck: Das erste Jahr habe ich nur Spiele gezockt und wenig programmiert. Zu meinen Lieblingsspielen zählten „Blue Max“, „Pooyan“ und „Impossible Mission“. Eigentlich war es meine Idee gewesen, selbst Spiele zu programmieren. Aber weil ich dabei nicht gut genug war, spezialisierte ich mich auf die Spielemusik. Dann hörte ich von einem Wettbewerb für Computer-Musik, den die Computerzeitschrift „64’er-Magazin“ ausgeschrieben hatte. Ich erfuhr aber erst einen Tag vor Einsendeschluss davon.

Und Sie haben dennoch gewonnen?

Hülsbeck: Ja, ganz überraschend mit meinem Lied „Shades“. Es ist in einer Nacht entstanden – um vier Uhr morgens bin ich ins Bett. Am nächsten Morgen habe ich meiner Tante, bei der ich aufgewachsen bin, eine Diskette in die Hand gedrückt. Sie sollte sie zur Post bringen, weil ich zur Schule musste. Zum Glück hatte sie das auch getan und so habe ich den ersten Platz belegt und 1500 DM (770 Euro) gewonnen.

Wie ging es weiter?

Hülsbeck: Ich entwickelte das Musikprogramm „Soundmonitor“, mit dem jeder C64-Nutzer relativ einfach selbst Musik machen konnte. Als 18-jähriger Schüler habe ich mich dann ganz frech bei Rainbow Arts, einer Entwicklerfirma für Computerspiele, beworben. Kurz darauf wurde ich eingestellt, worauf ich die Schule hinschmiss. Bei Rainbow Arts schrieb ich nicht nur die Musik für Spiele wie „The Great Giana Sisters“, sondern entwickelte auch mein erstes eigenes Spiel „To Be On Top“. Dabei war es Aufgabe des Spielers, die Charts zu erstürmen.

Ein autobiografisches Spiel?

Hülsbeck: Das war ziemlich autobiografisch, der Protagonist sah mir auch ähnlich.

Heute gelten Sie als Pionier der Computerspiel-Musik.

Hülsbeck: Ich versuchte, die Grenzen des C64-Soundchips zu sprengen. Eigentlich hatte der Chip nur drei Kanäle, aber ich programmierte einen vierten, der digitale Samples wie Bass- und Drumsounds abspielen konnte.

Blieb in Ihrer Jugend neben der Technik Platz für Frauen?

Hülsbeck: Frauen hatten mich schon interessiert. Die erste richtige Freundin ließ aber auf sich warten. Mit 13 war ich mit einem Mädchen zusammen, aber dann kam der C64 und der war mein neues Mädchen. Erst mit Mitte 20 lernte ich wieder Frauen kennen. Insofern war ich ein echter Geek (Anm. der Red.: Computerfreak mit wenig Sozialkontakten).

Was machen Sie heute?

Hülsbeck: 1998 wanderte ich in die USA aus, wo ich bei der Softwarefirma Factor 5 unter anderem den Soundtrack für ein „Star Wars“-PC-Spiel kreierte. Auch arbeitete ich für Lucas Arts und Nintendo. Inzwischen bin ich mit meiner Produktionsfirma selbstständig. Letztes Jahr wurde mir der Preis für das Lebenswerk von der „Game Audio Network Guild“ verliehen. Ich hoffe natürlich, dass meine Karriere noch eine ganze Weile weitergeht.

Von Bastian Ludwig

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