Interview: Prof. Wolfgang Schulze über Kassel als Universitäts-Stadt – Internationale Tagung zum Thema

Interview mit Prof. Wolfgang Schulze: „Der Campus ist noch isoliert“

Campus am Rande der Innenstadt: Trotz der zentralen Lage ist der Uni-Standort am Holländischen Platz durch die Hauptverkehrsstraßen vom Stadtkern gewissermaßen abgeschnitten, sagt Prof. Schulze. Archivfoto:  Herzog/Charterflug Kassel

Kassel. Eine Stadt mit einer Hochschule ist nicht gleichbedeutend mit einer UniversitätsStadt. Mit dem Thema Wissenslandschaften am Beispiel Kassel beschäftigt sich die internationale Tagung „experimenta urbana“ Ende Juni.

Wir sprachen darüber mit Prof. Wolfgang Schulze vom Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung.

Kassel ist keine typische Uni-Stadt. Woran liegt das?

Prof. Wolfgang Schulze: Am Alter. Die Uni Kassel ist mit 40 Jahren noch sehr jung. Aber es hat auch etwas mit der Lage in der Innenstadt zu tun. Zunächst denkt man, der zentrale Standort wäre vorteilhafter für die Ausstrahlung in die Stadt. Aber der Campus ist noch relativ isoliert. Es gibt zwar eine Vernetzung in die Nordstadt, aber durch die großen Schneisen Kurt-Wolters-Straße und Kurt-Schumacher-Straße gibt es eine rein physische Unterbrechung zur Innenstadt. Diese Stadtautobahnen sind wie Schranken.

Es sind also städtebauliche Gründe?

Schulze: Das ist nur eine Dimension. Es hat auch mit der Akzeptanz in den Köpfen zu tun und mit dem Ruf der Universität, die noch nicht so etabliert ist wie bei Traditions-Unis wie Tübingen. Man kann sagen: Es gibt Unis mit Städten, beispielsweise Göttingen oder Marburg. Und es gibt Städte mit Unis – da sind wir eher noch angesiedelt. In Metropolen wie Hamburg oder München hingegen geht die Uni im städtischen Kontext unter.

Hat das fehlende Uni-Flair auch damit zu tun, dass viele Studenten aus der Region kommen?

Schulze: Der regionale Faktor ist in Kassel entscheidend. Viele Studenten bleiben zu Hause wohnen und pendeln ein. Aber es liegt auch an der Struktur der Innenstadt. Schauen Sie sich die Quartiere um den Entenanger und den Pferdemarkt an: Da wohnt eine ganze Reihe Studenten, aber die Quartiere verharren in einer Art urbaner Starre. Seit den 50er-Jahren gibt es dort Kleinstwohnungen. Und solange diese voll vermietet sind, sehen sich die Vermieter offenbar nicht veranlasst, größere Veränderungen vorzunehmen. Man könnte zum Beispiel größere WG-taugliche Wohneinheiten bilden und den Freiraum - derzeit vorwiegend Parkplätze - umgestalten.

Wieso hängt das Thema Wissenslandschaft überhaupt so eng mit Städtebau zusammen?

Schulze: Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen der städtebaulichen Umgebung und der ihr innewohnenden gesellschaftlichen Organisation. Wenn zum Beispiel keine Räume für das studentische Gemeinschaftsleben vorhanden sind, ist das eher ein Hemmnis für eine positive Entwicklung. Ein weiteres Beispiel ist der mangelnde Kontakt der Uni zur Fulda. Neben einer Kneipenszene, einem Wohnumfeld und der Innenstadt zum Einkaufen sind auch Freizeit- und Erholungsgebiete für eine Uni-Stadt wichtig. Am Beispiel des Fulda-Dampfers, in dem derzeit Seminare stattfinden, sieht man, wie das Ufer belebt wird. Wenn entsprechende Räume angeboten werden, verlagert sich studentisches Leben auch in diese Bereiche hinein.

Was bedeutet der Ausbau des Campus Nord in diesem Zusammenhang?

Schulze: Gerade diese Erweiterung, die mit dem Wachstum der Uni zusammenhängt, ist Auslöser für die Frage nach Kassel als Wissenslandschaft. Dabei geht es nicht um den Campus selbst, sondern um die Frage, wie die vergrößerte Uni in die Stadt hineinstrahlt.

Sind dezentrale Standorte wie das AVZ da eher hinderlich?

Schulze: Für die innerbetrieblichen Abläufe vielleicht. Aber nicht für die Frage nach der Wissenslandschaft. Mit einer Vielzahl der Standorte - es gibt ja noch die Kunsthochschule an der Menzelstraße und die Ingenieurschule an der Wilhelmshöher Allee - kann es sogar eine bessere Verzahnung mit der Stadt geben. Mit dem zentralen Campus einen Schwerpunkt zu haben, ist für die Wahrnehmung der Uni aber natürlich schon wichtig.

Wie beurteilen Sie die Zukunft der Uni-Stadt Kassel?

Schulze: Wir sind auf einem guten Weg zu einer Wissenslandschaft. Die Arbeitsmarkt-Entwicklung und die wirtschaftliche Dynamik sind wichtige Voraussetzungen. Betrachten Sie die Ausgründungen, die eng mit der Uni verzahnt sind: Daran zeigt sich, wie eine Uni, die längere Zeit in der Stadt existiert, positiv in sie hineinwirkt. Weitere Voraussetzung für eine Wissenslandschaft ist die Vernetzung aller Bildungseinrichtungen von der Kita bis zur Uni. Und unter dem Stichwort „lebenslanges Lernen“ eine größere Durchlässigkeit bei der Teilhabe an Wissen.

Von Katja Rudolph

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