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Eine der ersten Schutzfrauen Hessens wird in Kassel in den Ruhestand verabschiedet

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Von: Ulrike Pflüger-Scherb

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Sie war eine der ersten Schutzpolizistinnen in Hessen: Polizeihauptkommissarin Iris Icke (59) wird in den Ruhestand verabschiedet. Seit 2012 ist sie für den Personalrat im Polizeipräsidium Nordhessen freigestellt gewesen.
Sie war eine der ersten Schutzpolizistinnen in Hessen: Polizeihauptkommissarin Iris Icke (59) wird in den Ruhestand verabschiedet. Seit 2012 ist sie für den Personalrat im Polizeipräsidium Nordhessen freigestellt gewesen. © Pia Malmus

Die 59-jährige Iris Icke war eine der ersten Schutzpolizistinnen, die in Hessen auf Streife gegangen sind. Nach 40 Jahren Dienst wird die Polizeihauptkommissarin heute in Kassel in den Ruhestand verabschiedet. Im Polizeipräsidium Nordhessen liegt der Anteil der Schutzfrauen aktuell bei 21 Prozent.

Kassel – Als Iris Icke ihre erste Ausstattung an Uniformen bekam, da gehörte dazu auch noch ein grüner Rock. Ein Rock mit Innentasche, an der sie zumindest theoretisch einen Schlagstock hätte befestigen können. Zu diesem Outfit gehörten auch noch schwarze Schuhe mit Absätzen und eine Handtasche. Hat sie diesen Rock jemals im Dienst getragen? „Ach Quatsch.

Das wäre viel zu unbequem gewesen“, sagt die 59-jährige Polizeihauptkommissarin.

Iris Icke war eine der ersten Schutzfrauen bei der Polizei in Hessen. Heute wird sie nach 40 Jahren Dienst im Polizeipräsidium Nordhessen in Kassel in den Ruhestand verabschiedet.

„Mein Vater ist Polizist gewesen. Das wollte ich auch machen. Mein Vater wollte das aber nicht“, erzählt Icke, die aus Felsberg stammt und heute immer noch im Stadtteil Melgershausen auf einem Hof lebt. Sie setzte sich allerdings durch. Nach dem Abitur in Melsungen wollte sie als 19-Jährige eigentlich zur Kriminalpolizei gehen. Ab 1981 habe man das aber nicht mehr direkt machen können. Stattdessen durften ab diesem Zeitpunkt auch Frauen eine Ausbildung zur Schutzpolizistin absolvieren. Iris Icke gehörte zur zweiten Klasse, die überhaupt in Wiesbaden an der Polizeischule diese Ausbildung begann. Damals waren das noch reine Frauenklassen.

Dass sie bei der Schutzpolizei bleiben will, sei ihr schnell klar gewesen. Praktika auf dem Stadtrevier in Frankfurt und in Kelkheim hätten ihr große Freude bereitet. „Mein Motto ist immer gewesen: die Polizei, dein Freund und Helfer.“ Einmal durfte sie kurz bei der Kripo reinschnuppern und sich um Fahrraddiebstähle kümmern. Das sei nichts für sie gewesen. Zu trocken.

Nach der Ausbildung war sie ein Jahr im Schichtdienst in Bad Homburg. Dann bekam sie das Angebot, nach Kassel zur Bereitschaftspolizei zu gehen, um dort in den mittlerweile gemischten Klassen den Polizeinachwuchs in Waffenkunde und Einsatzkunde zu unterrichten. Die Vorgesetzten hätten unbedingt auch eine Polizistin als Lehrkraft haben wollen, damit die Polizeischülerinnen eine Ansprechpartnerin gehabt hätten, wenn sie ihre Periode bekommen. „Das war verrückt, lieber Himmel“, sagt Iris Icke rückblickend.

Damals war sie die einzige Gruppenführerin neben 20 Männern bei der Bereitschaftspolizei. Die Männer hätten am Anfang dumme Witze gemacht. „Da habe ich dann einfach gekontert.“ Ihr Vorgesetzter sei deshalb enttäuscht gewesen, erinnert sich Icke. „Er hat zu mir gesagt: Ich dachte, der Ton würde sich ändern, wenn Frauen zu uns kommen. Du bist ja genauso wie die Männer. Wenn ich damals nur rot geworden wäre, wäre ich von den Kollegen nicht akzeptiert worden. Man muss auch seine Frau stehen.“

Frauen in der Schutzpolizei hätten vor 40 Jahren nicht nur für Zweifel bei einigen männlichen Kollgen gesorgt, sondern auch Ängste bei deren Ehefrauen ausgelöst. Was passiert, wenn die zusammen Streife fahren? Die Furcht vor Affären im Dienst sei groß gewesen.

Am Anfang ihrer Laufbahn hat Iris Icke, die 1987 geheiratet hat, 1988 einen Sohn und 1993 eine Tochter bekam, wiederholt feststellen können, dass Schutzpolizistinnen auch für einen Überraschungseffekt sorgen konnten. Schläger seien plötzlich lammfromm gewesen, wenn sie einer Frau in Uniform gegenübergestanden hätten.

Das habe sich leider geändert. Heutzutage würden Polizistinnen nicht selten im Dienst vulgär beschimpft. Diese Erfahrung hat Icke, die von 1996 bis 2012 bei der Polizeistation Melsungen als Schutzfrau war, auch dort machen müssen. Der Respekt gegenüber den Kollegen, ob Frau oder Mann, nehme immer weiter ab, sagt die 1,78 Meter große Frau.

Nichtsdestotrotz habe ihr die Arbeit immer große Freude bereitet, sagt die 59-Jährige. Der Dienst habe sie in gewisser Weise aber auch abgehärtet. Durch das Leid, das sie mitunter erlebt hat, habe sie ihr eigenes Schicksal wahrscheinlich auch besser meistern können. 1998 starb der Mann von Iris Icke. 2015 verlor sie ihren damaligen Lebensgefährten.

Iris Icke hat sich auch immer in der Gewerkschaft der Polizei (GdP) engagiert, sie war Vorsitzende der Kreisgruppe Melsungen. 2012 wurde sie für den Personalrat freigestellt und hat seitdem ihren Arbeitsplatz im Polizeipräsidium Nordhessen gehabt. „Ich bin jemand, der sich immer gern für die Belange der Kollegen eingesetzt hat“, sagt Icke.

Es sei jetzt schon ein komisches Gefühl, nach 40 Jahren die Dienstwaffe abzugeben, sagt Icke. Künftig wird ihr aber auch nicht langweilig werden. Sie verkauft jetzt „Ahle Wurscht“ im Hofladen der Familie. (Ulrike Pflüger-Scherb)

Einsatz in Frankfurt: Iris Icke vor rund 40 Jahren mit einem Kollegen.
Einsatz in Frankfurt: Iris Icke vor rund 40 Jahren mit einem Kollegen. © Privat/nh
Polizeihauptkommissarin Iris Icke mit Dienstrock.
Nur fürs Foto: Den Rock hat Iris Icke im Dienst nie getragen. © Privat/nh

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