1. Startseite
  2. Kassel

Kasseler Marokko-Fan im WM-Fieber: „Der Erfolg macht alle glücklich“

Erstellt:

Von: Matthias Lohr

Kommentare

Spielte einst in der zweiten marokkanischen Liga: Marouane Hamdache betreibt das Restaurant „Marrakech“ am Steinweg.
Spielte einst in der zweiten marokkanischen Liga: Marouane Hamdache betreibt das Restaurant „Marrakech“ am Steinweg. © Matthias Lohr

Marokko ist die Überraschung der Fußball-WM. Nun können die Afrikaner Geschichte schreiben. Ein Kasseler Gastronom fiebert mit. Der Marokkaner wäre selbst fast Fußball-Profi geworden.

Kassel – Am Tag nach dem bislang größten Triumph in der Geschichte des marokkanischen Fußballs hatte Marouane Hamdache keine Stimme mehr. Den Erfolg im WM-Achtelfinale über den haushohen Favoriten Spanien verfolgte der Gastronom am Dienstag mit Stammgästen in seinem Restaurant „Marrakech“. Selbst Deutsche hätten den Sieg im Elfmeterschießen hüpfend vor seinem Lokal im Steinweg gefeiert. Hamdache hat so laut gejubelt, dass er noch am Mittwochnachmittag heiser war.

Die Elf seines Heimatlandes ist bislang die Überraschung der WM in Katar. Gefeiert wurde das nicht nur in dem nordafrikanischen Land, sondern überall, wo Marokkaner leben. In Kassel sind es derzeit 827, wie die Stadt mitteilt. An diesem Samstag könnte es erneut einen Autokorso geben. Um 16 Uhr trifft die Mannschaft von Trainer Walid Regragui im Viertelfinale auf Portugal. Hamdache ist zu 80 Prozent überzeugt, dass es Marokko ins Halbfinale schafft. Dies ist noch keinem afrikanischen Team gelungen.

Der 37-Jährige sagt: „Der Mut der Mannschaft wurde bislang belohnt. Sie haben keine Angst.“ Kaum ein Experte hatte Marokko vorher auf dem Schirm. Erst vor wenigen Monaten trennte sich der Verband von Trainer Vahid Halilhodic, der den wichtigsten Spieler Hakim Ziyech aussortiert hatte. Sein Nachfolger Regragui holte den Akteur des FC Chelsea zurück. Nun „jubelt die gesamte arabische Welt den Marokkanern zu“, wie Hamdache sagt.

Der Mut seiner Landsleute, Widerständen zu trotzen, habe sich gelohnt. Es sei wie bei ihm selbst. Als der Familienvater vor zwei Jahren das „Marrakech“ eröffnete, habe es auch einige gegeben, die sagten: Das wird sich nicht lohnen. Die Zweifler lagen falsch.

Hamdache hat im Robinson Club im marokkanischen Ferienort Agadir gelernt und erste Erfahrungen gesammelt. Ab 2009 kochte er in Leipzig im Steigenberger Grandhotel Handelshof. Er war in Hannover und Bremen tätig sowie bei Koch-Events des marokkanischen Fremdenverkehrsamts. Wegen seiner Partnerin, mit der er Tochter Amira hat, kam er nach Kassel. Hier hat er sich mit seinem Restaurant gegenüber dem Naturkundemuseum schnell einen Namen gemacht.

Im April trat er im Koch-Format „Mein Lokal, dein Lokal“ von Kabel eins auf. Dort war man nicht nur von seiner Safran-Soße begeistert. TV-Koch Mike Süsser schwärmte über den Gastgeber: „Was für ein geiler Typ.“ Das finden immer mehr Gäste. Längst ist das „Marrakech“ jeden Abend ausgebucht. Im Januar will Hamdache nebenan das „Le Petit Marrakech“ eröffnen.

Er schreibt eine Erfolgsgeschichte wie die Fußballer seines Landes bei der WM. Einst wollte er selbst Profi werden. Mit dem OC Khouribga seiner 200 000 Einwohner zählenden Heimatstadt spielte er in der zweiten marokkanischen Liga, ehe er sich am Knie verletzte. In Sachsen kickte er beim ATSV Wurzen immerhin noch in der Landesklasse. Die Mitspieler schätzten die Zuckerpässe des Technikers. Heute verwöhnt Hamdache seine Gäste mit süßem Tee.

In seiner Heimat monierten Kritiker im Vorfeld der WM, die Mannschaft sei nicht marokkanisch genug. 14 Spieler des Kaders wurden nicht in Marokko geboren. Mittlerweile ist die Kritik verstummt. Hamdache sagt: „Der Erfolg macht alle Leute glücklich, arme Leute, reiche Leute.“ Es ist die Kraft des Fußballs, über die zuletzt selten gesprochen wurde, weil es meist um die korrupte Fifa und Menschenrechte ging.

Noch mehr als die ausgeschiedenen Deutschen setzten auch die Marokkaner ein politisches Zeichen. Nach dem Erfolg gegen Spanien jubelten die Spieler mit der Flagge Palästinas. Das gefällt auch Hamdache: „Wir lieben Palästina.“

An diesem Samstag würde er gern wieder heiser sein. Richtig zugucken kann er ab 16 Uhr jedoch nur in der ersten Halbzeit. In der zweiten muss er kochen. Das „Marrakech“ wird wieder voll sein. (Matthias Lohr)

Auch interessant

Kommentare