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Der große Kandidaten-Zirkus: So wird der Oberbürgermeisterwahlkampf

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Von: Matthias Lohr, Florian Hagemann

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Amtsinhaber Christian Geselle (unabhängig, Bildmitte) will sich bei der Abstimmung am 12. März gegen (von links) seine Herausforderer Sven Schoeller (Grüne, von links), Violetta Bock (Linke), Isabel Carqueville (SPD) und Eva Kühne-Hörmann (CDU) durchsetzen. Ob der Wahlkampf so hart wird, wie es sich unser Karikaturist Niko Mönkemeyer vorstellt? Karikatur: Niko Mönkemeyer
Kampf ums Rathaus: Amtsinhaber Christian Geselle (unabhängig, Bildmitte) will sich bei der Abstimmung am 12. März gegen (von links) seine Herausforderer Sven Schoeller (Grüne, von links), Violetta Bock (Linke), Isabel Carqueville (SPD) und Eva Kühne-Hörmann (CDU) durchsetzen. Ob der Wahlkampf so hart wird, wie es sich unser Karikaturist Niko Mönkemeyer vorstellt? © Niko Mönkemeyer

Am 12. März wird in Kassel ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Wir wissen schon, wie der Wahlkampf laufen wird. Eine Vorschau mit Augenzwinkern.

Kassel – Die vergangenen Wochen haben gezeigt, was im neuen Jahr auf Kassel zukommt: ein heißer Wahlkampf um das Amt des Oberbürgermeisters. Fünf Kandidaten wollen den Posten: Amtsinhaber Christian Geselle, der nach dem Streit mit seiner SPD als Unabhängiger antritt, Sven Schoeller von den Grünen, Isabel Carqueville von der SPD, Eva Kühne-Hörmann von der CDU und Violetta Bock von den Linken. Wir wagen einen Ausblick, wie die kommenden drei Monate aussehen könnten – freilich mit einem Augenzwinkern. Ist ja Silvester.

Januar

Beim Neujahrsempfang der Stadt Kassel im Flic-Flac-Zelt kommt es zum Eklat. Oberbürgermeister Christian Geselle zerreißt bei der Begrüßung das Programmheft und kündigt eine Improvisation an. Sie besteht darin, dass Geselle selbst nicht nur als Moderator durch den Abend führt, sondern auch alle Programmpunkte selbst gestaltet. Das sorgt für Unmut.

Als Geselle während des sechsten Programmpunkts mit dem Einrad durch die Manege fährt und gerade zum Handstand ansetzt, schubst ihn ein Herr aus dem Publikum vom Rad. Später stellt sich heraus, dass es sich bei dem Mann um den Grünen-Stadtbaurat Christof Nolda handelt. Nolda bekennt sich und behauptet, Geselle sei die Sicherheit der Radfahrer doch eh schon immer piepegal gewesen.

Geselle kommt mit dem Schrecken davon, muss den weiteren Abend aber passen. Die nächsten Programmpunkte werden auf die anderen OB-Kandidaten verteilt, wobei: Zunächst tritt der SPD-Vorsitzende Ron-Hendrik Hechelmann auf, der in einer Mischung aus Clownseinlage und Magie Isabel Carqueville aus dem Hut zaubert. Sven Schoeller imponiert mit einer Hochseilnummer, deren Name zu seinen Wahlslogans passt: „Höher. Schoeller. Weiter“. Eva Kühne-Hörmann besticht als passiver Teil einer Messerwurfnummer von Ministerpräsident Boris Rhein. Den Abend rundet Violetta Bock als Traumtänzerin ab.

Bei einem seiner zahlreichen Stadtteilauftritte trifft Sven Schoeller auf Sven Schoeller. Er ist total verdutzt und spricht leise vor sich hin: „Komisch. Schoeller. Weiter.“

Wirbel auf dem Wehlheider Wochenmarkt: Die Marktbeschicker sind sauer, weil kein Platz mehr für ihre Buden ist, nachdem sich Geselle, Schoeller, Carqueville, Kühne-Hörmann und Bock mit ihren Ständen nebeneinander platziert haben. Daraufhin weist Geselle Ordnungsdezernent Dirk Stochla an, die Stände der Konkurrenten abbauen zu lassen. Stochla bekommt sich insbesondere mit Schoeller in die Haare, der seinen Stand auf dem Rewe-Parkplatz wieder aufgestellt hat. Stochla ruft: „Weiter. Weg. Schoeller.“

Bei einer Podiumsdiskussion der OB-Kandidaten bleibt der Stuhl von Isabel Carqueville leer. Später stellt sich heraus, dass sie sauer wieder abzog, weil auf ihrem Namensschild ihr Doktortitel fehlte.

Februar

In die Diskussion über die Baumaßnahmen auf der Autobahn 49 und den großräumigen Kreisverkehr, der eingerichtet werden soll, schaltet sich Violetta Bock ein. Sie ist gegen den Kreisverkehr und bringt einen generellen Linksverkehr in Kassel und auf der Stadtautobahn ins Spiel. Sven Schoeller ist zumindest nicht abgeneigt, dies in einem Verkehrsversuch auszuprobieren – etwa auf dem Steinweg. Eva Kühne-Hörmann ist unter der Bedingung dafür, dass sie von der Jamaika-Koalition zur künftigen Ordnungsdezernentin gewählt wird, sollte sie bei der OB-Wahl scheitern.

Mit den Stimmen von Jamaika und Linken wird der Linksverkehr auf Probe für ein Teilstück des Steinwegs beschlossen. Für 100 Tage im Sommer sollen die Autofahrer, die von der Brüderkirche Richtung Frankfurter Straße unterwegs sind, die linke Fahrbahn nutzen – und jene, die in die andere Richtung fahren, die rechte Fahrbahn.

Christian Geselle schäumt vor Wut, kassiert den Beschluss, weil er als OB auch Kämmerer, Personaldezernent, Straßenverkehrsbehördenhauptzuständiger und Überhaupt-Allesdezernent sei. Die Grünen sind so sauer, dass sie zu allen öffentlichen Auftritten Geselles im Freien einen Fahrradtrupp schicken, der immer dann anfängt, laut zu klingeln, wenn Geselle ansetzt zu sprechen.

An anderer Stelle läuft es besser für Geselle. Er heimst den „Goldenen Samson“ des Kinderkanals für das kindergerechteste Wahlplakat ein. Für Kühne-Hörmann reicht es nur für die „Silberne Tiffy“. Schoeller dagegen geht leer aus. Die Begründung der Jury: Auch Erwachsene verstünden seinen Wahlslogan nicht so ganz. Schoeller denkt sich: Egal. Schoeller. Weiter.

Bei einer Podiumsdiskussion der OB-Kandidaten bleibt der Platz von Isabel Carqueville leer. Später stellt sich heraus, dass sie vom Ordnungsdienst nicht erkannt worden ist. Als sie ihm gegenüber erklärte, sie sei die OB-Kandidatin der SPD, erwiderte der Sicherheitsmann, da könne ja jede kommen. Im Laufe der Veranstaltung wendet sich der Moderator an „Doktor Schoeller-Weiter“, woraufhin Schoeller sagt, er habe gar keinen Doppelnamen.

Heiß diskutiertes Thema indes ist die Zukunft des Grimmplatzes, auf dem ein Kiefernwald entstehen soll. Christian Geselle meint, er lasse sich in Sachen Kiefernwald von den Grünen nicht hinter die Fichte führen.

Die Gegner des Grimm-Platz-Umbaus wollen sich derweil an Bäume ketten, um die Neugestaltung des Areals zu verhindern. Vor Ort stellen sie fest, dass es keine geeigneten Bäume und überhaupt kaum Grün gibt, sondern nur eine Asphaltwüste.

Bei der Polizei geht ein komischer Anruf ein. Ein Mann beschwert sich wegen angeblicher Ruhestörung, weil es ständig an der Haustür klingelte. Schnell stellt sich heraus, dass alle OB-Kandidaten an diesem Tag Haustürbesuche machen. Vor dem Bungalow des Anrufers soll es gar Tumulte gegeben haben, weil sich die Bewerber zunächst gestritten haben sollen, wer zuerst klingeln darf. Geselle meint, er sei OB und damit basta. Carqueville sagt, sie habe doch einen Doktortitel. Kühne-Hörmann behauptet: „Eva macht das.“

März

Am 7. März wird Christian Geselle 47. Seinen Geburtstag feiert er nicht daheim, sondern in seinem besten Zuhause, dem Rathaus – Motto: Wohlfühlen miteinander. Weil der OB Reggae-Fan ist, tritt ein Bob-Marley-Double auf. Gemeinsam singen alle: „No woman, no cry.“ Violetta Bock findet das frauenfeindlich und startet eine Internet-Petition dagegen. Künftig sollen in Kassel nur noch Bands auftreten, die zu gleichen Teilen mit Frauen und Männern besetzt sind. Bei Trios muss ein Mitglied nonbinär sein. Eva Kühne-Hörmann findet das alles albern – bis auf die Idee mit der Geburtstagsfete vor der Wahl. Sie wird zwar erst zwei Tage nach der Abstimmung 61, verlegt die Feier aber auf den Freitag davor.

Zur Überraschung aller lädt Kühne-Hörmann zur Schleuse ein, die nach mehrjähriger Bauzeit doch schon fertig ist. Das Kunstschiff Citizenship, das eigentlich im Sommer zur documenta von Berlin nach Kassel schippern sollte, kann dank des Schleusenausbaus nun am Hiroshima-Ufer anlegen. Wegen der Gegenströmung braucht es jedoch zusätzlichen Antrieb. Für den sorgen etliche Radaktivisten, die eifrig auf dem Boot strampeln. Sie fehlen jetzt beim Protest der Grünen gegen Geselles Auftritte. Dafür klingeln nun regelmäßig zwei Dutzend Sozialdemokraten, wenn der Oberbürgermeister öffentlich redet.

Die SPD hat andere Sorgen. Uni-Professor Andreas Fischer-Lescano, der schon den CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg zu Fall brachte, hat Isabel Carquevilles Doktorarbeit untersucht. Gerüchte hatten zuvor die Runde gemacht, sie habe bei Dr. Hechelmann abgeschrieben. Nach der Untersuchung hieß es auch zunächst, ihre Arbeit sei ein Plagiat. Dann stellt sich aber heraus, dass Fischer-Lescano seine Beurteilung selbst abgeschrieben hat. Carqueville darf ihren Doktortitel behalten.

Am 12. März ist Wahl. Die Auszählung der Stimmen verzögert sich aber, weil Geselle als Überhaupt-Allesdezernent verfügt hat, alle Stimmen selbst zu begutachten. Das Prozedere dauert an. (Florian Hagemann, Matthias Lohr)

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