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Der Moondog hat Kassel gestern verlassen

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Von: Katja Rudolph

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Zerlegt in seine Einzelteile: Der Moondog hat Kassel verlassen und lagert nun in Frankfurt. Die Mitglieder der Materialkreislauf-Initiativen Boris Maximowitz (Treibgut München, von links), Jan Heise (Kassel) und Felix Große-Lohmann (Material für Alle, Frankfurt) haben beim Abbau geholfen.
Zerlegt in seine Einzelteile: Der Moondog hat Kassel verlassen und lagert nun in Frankfurt. Die Mitglieder der Materialkreislauf-Initiativen Boris Maximowitz (Treibgut München, von links), Jan Heise (Kassel) und Felix Große-Lohmann (Material für Alle, Frankfurt) haben beim Abbau geholfen. © Pia Malmus

100 Tage war er während der documenta im Hübner-Areal zu sehen. Nun verlässt der Moondog Kassel.

In den vergangenen beiden Tagen ist die ausrangierte Theaterrequisite, die von der documenta zur Kunst geadelt wurde, in ihre Einzelteile zerlegt worden. Wir haben zum Abschied nochmal mit Krümel, wie der Moondog genannt wird, gesprochen.

„Wau, das war vielleicht eine Aufregung. Ich dachte schon, jetzt hat mein letztes Stündlein geschlagen, als die Menschen meine Schrauben gelöst haben. Seit Donnerstag bin ich auseinandergebaut worden. Ich stehe ja mit einer Pfote im Sperrmüll, seit das Stück „Moondog“ abgesetzt ist, bei dem ich in Bochum auf der Bühne lag.

Zum Glück haben mich diese Leute von den Initiativen für Materialkreisläufe gerettet und hierher an die documenta vermittelt. Ich habe mich tierisch wohlgefühlt in den Hübner-Hallen in Kassel. Ich hatte viel Platz, und 100 Tage lang sind echt viele Leute vorbeigekommen. Die haben mich gestreichelt und Fotos von mir gemacht. Da habe ich mich wieder wie ein Star gefühlt. Und dafür wurde ich ja 2016 erschaffen von meiner Bühnenbildnerin.

Jetzt beim Abbau könnt ihr sehen, wie ich eigentlich gemacht bin: aus einem Stahldrahtgestell, das man in vier Teile zerlegen kann – darunter meine Schnauze und der Unterkiefer mit rosa Zunge. Und dann gibt es noch vier Bein- und Pfotenteile. Früher in dem Theaterstück haben die sich sogar bewegt. Trotz meiner beeindruckenden Größe bin ich übrigens ein Leichtgewicht. Die Leute von der Materialverteilung, die mich geschleppt haben, schätzen mich auf 100 Kilogramm. Allerdings gebe ich zu, dass ich ein bisschen sperrig bin.

Nun werde ich in einen Transporter geladen, der mich nach Frankfurt in ein Lager bringt. Dass ich da so zerrupft eingelagert werde, finde ich eigentlich nicht so toll. Aber die Strapazen könnten sich lohnen, denn nächstes Jahr soll ich in Berlin nochmal einen großen Auftritt haben. Da hat mich das Künstlerhaus Bethanien für eine Ausstellung über Nachhaltigkeit im Kulturbetrieb angefragt. Dafür warte ich doch gern ein bisschen.

Ehrlich gesagt, wäre ich auch gern im Raum Kassel geblieben. Eigentlich sollte ich ja ein neues Zuhause in der Wilhelm-Leuschner-Schule in Niestetal bekommen. Mit den Kindern hätte ich mich bestimmt gut verstanden. Ich bin nämlich sehr verschmust und will nur spielen. Aber die Schule wollte mich dann doch nicht, weil ich angeblich nicht feuerfest bin. Mir ist das dann auch alles zu heiß geworden.

Jetzt gibt es aber eine nette Frau im Schillerviertel, Elfi Eckart, die mir gern eine Plexiglashütte an der Wolfhager Straße bauen würde. Das stelle ich mir toll vor. Da kann ich schauen, was auf der Straße so los ist. Gerade nachts soll es da einiges zu sehen geben. Und tagsüber können die Leute mich bewundern.

Ich hoffe, dass ich nach meinem Ausflug in die Hauptstadt wieder ins schöne Kassel kommen kann. Ich habe das Gefühl, dass man mich hier mag. Noch ist meine Rückkehr ungewiss. Aber in Kassel gründet sich gerade eine lokale Materialverteilung. Die könnte mir dabei helfen, dass ich hier in gute Hände komme. Unterstützt die doch bitte, wenn ihr mich wiedersehen wollt.“ (Katja Rudolph)

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