Ermittler fühlt sich diskreditiert

Ungereimtheiten im NSU-Fall – Ermittler fordert: „Alles muss aufgeklärt werden“

Der ehemalige NSU-Ermittler Mario Melzer bei der Verleihung des Preises Demokratie-Impuls in der Kasseler documenta-Halle.
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Der ehemalige NSU-Ermittler Mario Melzer (links) bei der Verleihung des Preises Demokratie-Impuls in der Kasseler documenta-Halle.

Mario Melzer hatte beim LKA schon früh mit dem NSU-Trio zu tun und fühlt sich von seiner Behörde diskreditiert. Nun wurde er für sein Engagement ausgezeichnet.

Kassel – Vor einem Monat lernte der Polizist, der als einer der ersten Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe vernommen hatte, die Eltern eines ihrer Opfer kennen. Mario Melzer saß mit den Eltern des Kasseler NSU-Opfers Halit Yozgat in der documenta-Halle, wo die Stadt Kassel den Preis Demokratie-Impuls vergab.

Ausgezeichnet wurde unter anderem die Reportage der „Zeit“-Autorin Jana Simon, die in „Der Fall seines Lebens“ Menzels Geschichte erzählt. Darin geht es darum, „was ein Polizist erleben kann, der gegen Rechtsextreme vorgeht“. Zugespitzt: Hätten sich alle Ermittler so um Aufklärung bemüht wie der LKA-Mann aus Thüringen, könnten zehn Menschen womöglich noch leben.

NSU: Mario Melzer wurde für hartnäckiges Engagement ausgezeichnet

Melzers Fall handelt aber auch von den Folgen der „schlimmsten Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte“, wie der 51-Jährige die NSU-Mordserie gegenüber der HNA nennt. Für sein „unerschrockenes und hartnäckiges Engagement als Aufklärer“ wurde er unter anderem von der Arnold-Freymuth-Gesellschaft ausgezeichnet. Zugleich fühlt sich Melzer „dienstlich diskreditiert, diszipliniert und kriminalisiert“, da er bis heute unbequeme Fragen stellt.

Als LKA-Beamter hatte er in den 90er-Jahren immer wieder mit Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe zu tun, die schon damals als Mitglieder der rechtsextremen Szene in Jena auffielen: „Ich war der Ermittler, der am nächsten dran war.“ Böhnhardt charakterisiert er als „Zwangssadisten“, Mundlos als „relativ intelligent“, und Zschäpe attestiert er eine „Bauernschläue“.

Ausgerechnet am 26. Januar 1998 ist Melzer jedoch nicht dabei, als Kollegen die Garage des Trios in Jena durchsuchen und 1,4 Kilogramm TNT finden. Böhnhardt kann wegfahren. Danach taucht das Trio in den Untergrund ab. Zwei Jahre später verübt der NSU seinen ersten Mord.

Was an jenem Januartag 1998 passierte, nennt Melzer „suspekt“. Tatsächlich gibt es viele Ungereimtheiten. So sollten die Beamten damals vor einer möglichen Festnahme mit dem zuständigen Staatsanwalt reden – doch der war krank.

NSU-Ermittler empfindet viele Ereignisse als „suspekt“

„Suspekt“ findet Melzer auch die Ereignisse vom 4. November 2011, als sich Böhnhardt und Mundlos nach einem Banküberfall in Eisenach töten und ihr Wohnmobil in Flammen aufgeht. „Es ist nicht bewiesen, dass es eine Selbstenttarnung war“, sagt der Polizist. Die Ermittlungen gestalten sich auch deshalb schwierig, weil der Camper nicht vor Ort untersucht wird, sondern in einer Lagerhalle transportiert wird. Nicht nur Melzer, der laut eigener Aussage bei den Ermittlungen nicht mitwirken darf, hält das für einen Fehler.

Später sagte er in Untersuchungsausschüssen aus, was in den Sicherheitsbehörden auch nicht allen gefiel. Melzer klagt, einige hätten ihm „Wahrnehmungsstörungen“ unterstellt. Wegen einer Krankheit konnte er lange nicht arbeiten. Erst der Text der Journalistin Simon, die ihn lange begleitete, habe ihn rehabilitiert. Mittlerweile arbeitet Melzer an der Fachhochschule Meiningen.

Sein Fall, der NSU-Fall, ist jedoch längst nicht abgeschlossen. Er fordert: „Alles muss aufgeklärt werden. Das rechtsextreme Netzwerk, das damals im Hintergrund agierte, kann noch sehr gefährlich werden.“ (Matthias Lohr)

Auch zehn Jahre nach dem NSU ist die Mordserie noch nicht aufklärt. „Der Staat hat die Opfer allein gelassen“, sagte Journalistin Annette Ramelsberger, die für ihre Arbeit den Preis Demokratie-Impuls erhielt.

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