Interview

Kassel: Neue Grünen-Spitze kritisiert Geselle-Stil - „OB ist nicht unantastbar“

Neue Fraktions-Chefs der Kasseler Grünen: Christine Hesse und Steffen Müller.
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Neue Fraktions-Chefs der Kasseler Grünen: Christine Hesse und Steffen Müller.

Die neue Doppelspitze der Kasseler Grünen-Fraktion kündigt einen neuen Politikstil an. Zugleich kritisieren Christine Hesse und Steffen Müller den Oberbürgermeister.

Kassel – Christine Hesse und Steffen Müller bilden die neue Doppelspitze der grünen Stadtverordnetenfraktion, nachdem Boris Mijatovic und Awet Tesfaiesus künftig im Bundestag sitzen. Wir sprachen mit Hesse und Müller darüber, wie sie die Aufgabe angehen und wohin die Reise von Kassels stärkster Fraktion gehen soll.

Frau Hesse, Herr Müller, wie fühlt sich das an, Vorsitzende der größten Fraktion in Kassel zu sein?
Christine Hesse: Es ist eine Herausforderung, aber wir beide kriegen das hin. Auch, weil wir eine starke Fraktion sind mit einer guten Mischung aus Erfahrung und neuem Wissen. Dazu sind wir weiblicher und vielfältiger geworden, was eine starke Diskussionskultur fördert.
War die Amtsübernahme für Sie eigentlich schon absehbar?
Steffen Müller: Wir konnten uns schon darauf vorbereiten. Wir hatten im Vorfeld darüber gesprochen, was passieren soll, wenn Awet Tesfaiesus und Boris Mijatovic in den Bundestag einziehen und dann ihre Stadtverordnetenmandate niederlegen. Aber dann ging doch alles ganz schnell. Ein einstimmiger Beschluss, was bei den Grünen eher selten ist, und schon waren wir in dieser Position.
War die Übergabe an eine Doppelspitze geplant?
Müller: Wir Grünen haben die Doppelspitze ja quasi erfunden. Sie ist eine richtige Stärke. Christine und ich sind seit rund zwölf Jahren befreundet. Es ist toll, dass wir das jetzt im Team machen. So können wir unsere Kompetenzen verteilen, denn jeder hat seine Schwerpunkte.
Hesse: Wir als Fraktionsvorsitzende können nicht alles wissen. Bevor ich Halbwahrheiten verbreite, frage ich deshalb jetzt schon immer bei den Fachsprecherinnen und Fachsprechern unserer Fraktion nach. Das werde ich auch weiterhin tun.
Alles also Friede, Freude, Eierkuchen bei den Kasseler Grünen? Gibt es keine Flügelkämpfe?
Hesse: Diese Diskussion ist bei uns zum Glück noch nicht einmal aufgekommen. Mir sind Inhalte wichtiger – wie die Klimaneutralität Kassels bis 2030. Das ist die wichtigste Aufgabe dieser Zeit.
Boris Mijatovic hat die Grünen in Kassel über Jahre geprägt, nun geht das Alphatier nach Berlin. Ist das ein Vor- oder Nachteil?
Müller: Boris ist ein Macher. Allein vom Zeitaufwand her wird es für uns schwer, seine großen Fußstapfen auszufüllen. Durch die Doppelspitze entsteht automatisch ein anderer Politikstil. Wir setzen auf die gemeinsame Stärke. Wie bereits in der Vergangenheit sollen nicht nur die Vorsitzenden sprechen, alle Fraktionsmitglieder sollen ihre Stärken ausspielen können.
Hesse: Wir haben das Glück, dass alle in der Fraktion Macherinnen und Macher sind.
Wie stellen Sie sich denn künftig die Zusammenarbeit mit Koalitionspartner SPD vor?
Hesse: Für uns geht es darum, die im Koalitionsvertrag vereinbarten Ziele umzusetzen. Was etwa die Empfehlungen des Klimaschutzrates angeht, möchten wir die SPD in die Richtung bekommen, dass sie etwas schneller und mutiger wird. Manchmal will sie die Empfehlungen abschwächen, dabei könnte man sie zumeist eins zu eins umsetzen, da sie ja auch bereits von den Fachämtern im Rathaus geprüft wurden.
Aber gibt das Ergebnis der Bundestagswahl nicht gerade der SPD mit ihrer eher defensiveren Haltung recht? Sind nicht die Grünen für ihre radikaleren Positionen zum Klimaschutz – sagen wir mal – bestraft worden, gemessen an früheren Umfrageergebnissen?
Hesse: Wir haben ein starkes Ergebnis bei der Bundestagswahl eingefahren. Wir haben uns fast verdoppelt.
Müller: Viele haben die SPD gewählt, um die CDU zu verhindern. Ich bin aber guter Dinge, was künftige Wahlen betrifft. Der Zeitgeist ist grün. Viele junge Leute zum Beispiel aus der Fridays-for-Future-Bewegung werden in ein paar Jahren wählen gehen und werden grün wählen.
Woran liegt es aber, dass es eine Gegenbewegung gibt, die die Grünen als Feindbild ansieht?
Hesse: Wenn wir da über Querdenker reden, glaube ich, die werden niemals grün wählen. Aber will man die überhaupt? Will man mit denen überhaupt reden?
Müller: Für die AfD und die Querdenker sind die Grünen der große Feind. Und damit bin ich sehr zufrieden.
Sie sagen: Der Zeitgeist ist grün. Wie aber gehen Sie mit dem doch sehr mächtigen Kasseler Oberbürgermeister um, der ja immerhin der Partei des Koalitionspartners angehört?
Müller: Bei den Grünen entscheidet die Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung. Wir haben manchmal das Gefühl, bei der SPD entscheidet erst Oberbürgermeister Christian Geselle und dann die Fraktion. Wir werden bei Einzelentscheidungen des OB auch mal klare Kante zeigen.
Nach den Plänen des OB soll das Ruruhaus von der Stadt übernommen werden. Hier könnte zum Beispiel das documenta-Institut einziehen. Könnte das zum neuen Streitthema in der Koalition werden?
Müller: Das Ruruhaus ist ein tolles, aber auch schwieriges Gebäude. Für das Institut reicht es aber gar nicht aus, da wäre ein Anbau nötig. Wir diskutieren das in der Fraktion. Es geht um 20 Millionen Euro, da kann man nicht innerhalb von zwei Tagen Ja oder Nein sagen. Das Ergebnis ist bei uns noch offen.
2023 steht in Kassel die Oberbürgermeisterwahl an. Wer wird für die Grünen ins Rennen gehen?
Hesse: Wir werden mit einer starken Kandidatin oder einem starken Kandidaten antreten. Unser Ziel ist es, nach 2023 gestärkt mit einer grünen Oberbürgermeisterin oder einem grünen Oberbürgermeister diese Stadt zu gestalten. Wir haben dafür Personen im Blick, Namen werden aber noch nicht genannt.
Müller: Ziel ist es, bei der OB-Wahl nicht nur dabei zu sein, sondern sie zu gewinnen. Der jetzige Oberbürgermeister ist nicht unantastbar. Sein Stil des autoritären Mannes kommt nicht mehr überall an. Wir und immer mehr Menschen in Kassel, das zeigen die Wahlen, wollen eine gemeinschaftliche und transparente Politik machen.

(Andreas Hermann, Matthias Lohr und Florian Hagemann)

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