MHK-Direktor Martin Eberle über das Radfahrverbot

Streit um Radfahren in Karlsaue: MHK-Chef kündigt eine Lösung an

Grundsätzlich bleibt Radfahren in der Karlsaue verboten: Laut MHK-Direktor Martin Eberle könnte es an der Kunsthochschule jedoch bald eine legale Querung geben.
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Grundsätzlich bleibt Radfahren in der Karlsaue verboten: Laut MHK-Direktor Martin Eberle könnte es an der Kunsthochschule jedoch bald eine legale Querung geben.

Das Radfahrverbot in der Karlsaue regt viele Kasseler auf. Hier begründet MHK-Chef Martin Eberle die Regelung – und kündigt einen Kompromiss an, mit dem Radfahrer und Fußgänger leben könnten.

Ganz ehrlich, Herr Eberle: Wann sind Sie zuletzt heimlich durch die Karlsaue geradelt?
Für mich ist Kassel leider keine Fahrradstadt. Zum einen fehlt die Radinfrastruktur. Ich bin froh, dass sich in den vergangenen Jahren doch einiges geändert hat. Zum anderen ist Kassel sehr hügelig. Darum habe ich kein Fahrrad. Stattdessen bin ich zu einem begeisterten Fußgänger geworden.
Wegen Beschwerden über Radler lassen Sie das verbotene Radfahren verstärkt kontrollieren. Viele haben für beides kein Verständnis. Die meisten Leserbriefschreiber äußern sich kritisch. Das Stadtparlament forderte eine Legalisierung des Radfahrens. Wie sehr haben Sie die Reaktionen überrascht?
Zunächst muss man sagen, dass das nicht allein meine Entscheidung war. Das Radfahren war auch nie geduldet, sondern immer schon verboten. Radfahrer sind nicht per se rücksichtslos, aber sie sind in den vergangenen Jahren deutlich schneller geworden – vor allem durch E-Bikes. Schon vor Corona hatten wir überlegt, mehr Ordner einzusetzen, um unsere Parkordnung durchzusetzen. Denn wir haben einen Aufschrei der Fußgänger wahrgenommen. Zahlreiche Fußgänger haben sich bei uns gemeldet, weil sie die Karlsaue als Ort schätzen, der ihnen vorbehalten ist.
Können Sie diesen Ärger verstehen?
Ja, ich gehe fast lieber in der Karlsaue spazieren statt im Bergpark, weil ich schnurgerade Alleen liebe. Die möchte ich von der Mitte des Weges aus erleben und nicht vom Rand, an den sich viele gedrängt fühlen, weil ständig jemand von hinten klingelt. Im Buga-Gelände, wo Radfahren erlaubt ist, gehe ich hingegen automatisch rechts, damit Radfahrer gut vorbei können. Das machen viele so.
In anderen innerstädtischen Parks wie dem Englischen Garten in München ist Radfahren erlaubt.
In historischen Parks ist es jedoch nicht üblich, dass man Radfahren kann. In Wörlitz dürfen sie das Rad noch nicht einmal schieben. In Kassel haben wir eine Besonderheit: Die Karlsaue ist ein innerstädtischer Park. Und sie ist lang. Darum kann ich verstehen, dass es den Wunsch gibt, ihn mit dem Rad zu durchqueren. Allerdings muss man auch sehen: Wenn ich die Karlsaue in Höhe der Kunsthochschule quere, schiebe ich mein Rad sieben bis acht Minuten. Das finde ich zumutbar.
Auch für Schüler der Offenen Schule Waldau (OSW), die durch das Verbot gefährliche Umwege in Kauf nehmen müssen?
Ja, denn in der Fußgängerzone muss ich mein Rad auch schieben. Aber die Argumente, die die Vertreter der Schule in einem Gespräch mit uns vorgebracht haben, leuchten mir auch ein.
Warum ist das Radfahren in der Karlsaue verboten?
Es sind vier Punkte zu beachten: Denkmalpflege, Naturschutz, das Vermeiden von Gefahren und die Ansprüche der Nutzer. Teile des Parks stehen unter Naturschutz – etwa wegen seltener Orchideenarten. Gefahren drohen Parknutzern etwa durch herunterfallende Äste. Wir haben Mitarbeiter, die an den Wegen die Bäume kontrollieren. Das geht aber nicht überall, weshalb Orientierungslaufen als Schulsport nicht mehr möglich ist. Wir werden auch regelmäßig verklagt – etwa von Leuten, die wegen eines Schlaglochs vom Rad fallen und sich verletzen. Und wenn ich offiziell Radfahrer durchlasse, könnte zur Verkehrssicherungspflicht eine Beleuchtung gehören. Wenn ich Lampen aufstellen müsste, würde das den Naturschutz beeinträchtigen, denn der dunkle Park ist wunderbar für Flora und Fauna. Hinter dem Verbot stecken also jede Menge Überlegungen.
Wieso ist Radfahren eine Gefahr für den Denkmalschutz?
Der Radfahrer ist nicht das Problem, aber die Gestattung des Radfahrens kann Folgen haben. Wenn ich Lampen oder eine Beschilderung aufstellen müsste, wäre das für den Denkmalschutz problematisch. Zudem sind die zwei Brücken über den Küchen- und Hirschgraben sehr schmal. Würde es heißen, der Weg müsste dort breiter sein, ginge das nicht. Ich kann den Weg nicht einfach einen Meter breiter machen, als er in der historisch angelegten Parkstruktur vorgegeben ist.
In städtischen Parks wie dem Park Schönfeld darf trotzdem gefahren werden.
Ich muss dennoch abwägen, was ich bei mir mache. Kein Mensch kann mir sagen, wie eine Klage ausgehen würde. Und wenn es richtig geregnet hat, führen die Spuren der Fahrräder zu Vertiefungen in den Wegen.
Die Stadt will zumindest die Querung legalisieren, die im Fahrradstadtplan eingezeichnet ist. Was spricht dagegen?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Radfahren in der ganzen Karlsaue erlauben werden. Das würde viele Beeinträchtigungen mit sich bringen. Eine Querung halte ich aber für möglich. Viel spricht für die Querung in der Mitte in Höhe der Kunsthochschule. Die andere Variante wäre weiter nördlich an der Karlswiese. Dazu hatten wir gerade ein gutes Auftaktgespräch mit der Stadt. Wir überprüfen derzeit, welche Auswirkungen eine Querung auf die Gestaltung des Parks hätte. Es könnte sein, dass Radfahrer dann auch die anderen Wege benutzen.
Wann könnte es solch eine legale Querung geben?
Ich habe ein sehr positives Gefühl, dass wir bis zum Frühjahr eine Lösung hinbekommen.
Kann es sein, dass die MHK ihre Beweggründe bislang nicht ausführlich genug kommuniziert hat?
Auf jeden Fall, das ist leider ein Versäumnis von uns. Die Parkordnungen muss man manchmal suchen. Viele Menschen wissen tatsächlich nicht, dass man in der Karlsaue nicht mit dem Rad fahren darf. Wir müssen mehr Aufklärungsarbeit betreiben. Mit der OSW haben wir besprochen, eine Aktionswoche zu planen. Schüler werden unsere Gärtner begleiten und so verstehen, warum die Karlsaue so schön ist.
Wie oft bekommen Sie zu hören, dass die Herren da oben im Schloss uns den Park wegnehmen wollen?
Der Vorwurf kommt schon regelmäßig, auch in anderen Zusammenhängen. Dabei versuchen wir immer, einen nachvollziehbaren und ausgewogenen Weg zu finden. Ich bin auch nicht der Meinung, dass im Park alles so sein sollte wie zu Kaisers Zeiten. Aber wir haben die Verpflichtung, eine solche Stätte zu würdigen. Unsere Parks sind nicht eingezäunt. Niemand muss Eintritt zahlen. Und das ist auch gut so. Aber so wie Radfahrer das Recht haben, den Wunsch nach einer Querung zu äußern, so habe ich die Pflicht zu sagen: Bedenkt auch den Natur- und Denkmalschutz. Wir müssen uns von beiden Seiten annähern.
Waren Sie auf der documenta 2012 zu Gast? Damals war das Radfahren in der Karlsaue erlaubt. Probleme gab es nicht.
Ich glaube nicht, dass so viele documenta-Besucher mit dem Rad kommen. Es ist auch nicht so, dass Radfahren bei jeder documenta gestattet ist. Das war eine Ausnahme. Grundsätzlich finde ich es toll, dass die Karlsaue von den Menschen angenommen und genutzt wird. Eigentlich möchte ich überhaupt keine Bestimmungen haben, sondern Einsicht. Das wäre das Schönste. Aber leider ist es so: Die Zahl der Menschen, die gereizt sind, nimmt auf allen Seiten zu – ob Radfahrer, Fußgänger oder Autofahrer. (Matthias Lohr)

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