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An Nikolaus in Kassel angekommen: Attila Holéczy flüchtete vor 65 Jahren aus Ungarn

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Von: Florian Hagemann

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Auch mit 84 noch sportlich unterwegs: Attila Holéczy, der auch Ski fährt und Leichtathletik betreibt.
Auch mit 84 noch sportlich unterwegs: Attila Holéczy, der auch Ski fährt und Leichtathletik betreibt. © Dieter Schachtschneider

Dieser Nikolaustag ist für Attila Holéczy ein ganz besonderer: Vor 65 Jahren kam er als Flüchtling in Kassel an. In Ungarn war zuvor der Volksaufstand zerschlagen worden.

Kassel – Attila Holéczy kam vor genau 65 Jahren nach Kassel – unter dramatischen Umständen. Er gehörte mit seinem Vater und einem Bekannten zu den 200.000 Flüchtlingen, die Ungarn nach der Zerschlagung des Ungarischen Volksaufstandes verließen.

Wenn Attila Holéczy heute über seine Flucht vor 65 Jahren aus Ungarn spricht, lässt sich nur erahnen, wie dramatisch die Lage für ihn, seinen Vater und einen Bekannten gewesen ist. Holéczy berichtet von den Ereignissen, als sei das Ganze eine etwas größere Reise gewesen. Erst auf Nachfrage bestätigt er, wie gefährlich die Lage war, wie viel Glück er und die anderen hatten, die an Nikolaus 1956 und damit vor exakt 65 Jahren endlich in Kassel ankamen.

Die Flucht begann am 25. November 1956 im Zuge des Ungarischen Volksaufstandes. Attila Holéczy wohnte damals mit seiner Familie – dem Vater, der Mutter, dem Bruder, der Schwester – in einem Außenbezirk Budapests. Er war zu dieser Zeit 19 Jahre alt, ein erfolgreicher Sportler: Leichtathlet, Jugendmeister im Skilanglauf. Die ganze Familie lebte den Sport.

An Nikolaus in Kassel angekommen: Attila Holéczy floh mit seinem Vater aus Ungarn

Der Vater war es, der den Plan fasste, mit seinem Sohn in den Westen zu fliehen – nach Kassel. Dort lebte ein guter Freund, den er aus Kriegszeiten als Soldaten kennengelernt hatte. Die Mutter wollte in Budapest bleiben – und mit ihr die beiden anderen Kinder.

Mit einem Bekannten zogen Vater und Sohn Holéczy schließlich los ins Budapester Zentrum. Es war der Beginn einer Reise mit unbekanntem Ausgang. „Damals wusste man nicht, wie es weitergeht“, erzählt Attila Holéczy.

Im Budapester Zentrum waren die Spuren des Aufstandes noch sichtbar, obwohl der Kampf gegen die verstärkte übermächtige Sowjetarmee da bereits beendet, der Aufstand niedergeschlagen war. Attila Holéczy, sein Vater und der Bekannte hatten nur ein Ziel: den Zug zu erreichen, der sie an die Grenze zu Österreich bringen sollte. Mit der Ankunft im Nachbarland verbanden nicht nur sie die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Bei der Flucht aus Ungarn regnete es in Strömen: Attila Holéczys Weg nach Kassel war beschwerlich

Attila Holéczy kann sich noch an die Lavendelfelder erinnern und an das Ende der Fahrt ein ganzes Stück vor der Grenze. Er und die anderen mussten noch 15 Kilometer auf ungarischem Boden zurücklegen – dort, wo sie sich eigentlich gar nicht aufhalten durften. Trotzdem traten sie den Weg zu Fuß an – bei Dauerregen. Das Wetter sollte sich als Glücksfall herausstellen. Es bot einen gewissen Schutz vor den Soldaten, die die Grenze bewachten. Immer wenn Scheinwerfer aufleuchteten, versteckten sich Attila Holéczy und seine Begleiter unter Bäumen. Sie wussten: Werden sie hier erwischt, müssen sie umgehend zurück. Sie kannten das Schicksal anderer, deren Flucht kurz vor der Grenze endete.

Doch bei ihnen lief alles glatt. Mit einem kleinen Boot ging es schließlich über einen schmalen Kanal nach Österreich. Wo das genau war, kann Attila Holéczy gar nicht sagen. Der Vater hatte die Geheimaktion organisiert. Alles funktionierte, Zwischenstation: ein Hospital in der Nähe von Wien, in dem es Schlafgelegenheiten auf Stroh gab. Bei aller Kargheit stand die Sicherheit im Mittelpunkt. Und nun waren sie in Sicherheit, im Westen – angekommen im neuen Leben.

Flucht aus Ungarn nach Kassel: Attila Holéczy wollte eigentlich Holzfäller in Kanada werden

Ein weiterer Zug brachte die kleine Gruppe mit anderen Flüchtlingen dann ein paar Tage später nach Deutschland, ins niedersächsische Friedland. An Nikolaus kamen Attila Holéczy, dessen Vater und der Bekannte in Kassel an. Es ging zu dem Freund des Vaters, der eine Unterkunft in Bettenhausen besorgt hatte.

65 Jahre ist das jetzt her. Attila Holéczy ist in all der Zeit hier heimisch geworden, obwohl er eigentlich Holzfäller in Kanada werden wollte. Er war auch hier ein erfolgreicher Sportler, war Fackelläufer, als 1972 das Olympische Feuer durch Nordhessen getragen wurde. Über Jahre arbeitete der Elektriker als Monteur bei der AEG, nun ist er längst im Ruhestand, wobei: Mit 84 macht er immer noch viel Sport, fährt Rad, ist in der Skiabteilung des Tuspo Nieste aktiv, macht Leichtathletik, hilft Ungarn und Rumänen in Kassel.

Er ist ständig unterwegs – ein bisschen auch deshalb, weil es vom Tod seiner Frau im vergangenen Jahr ablenkt. 60 Jahre war der Vater zweier Kinder verheiratet. (Florian Hagemann)

Auch heutzutage suchen Menschen in der Region Zuflucht. Im Zuge der Krise in Belarus kommen wieder mehr Flüchtlinge in den Landkreis Kassel.

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