Martin Simon war 19 Jahre Seelsorger an Berufsschule

Der schnelle Schulpfarrer verlässt die Martin-Luther-King-Schule

Beeinflusste KSV-Legende Thorsten Bauer und unzählige andere Berufsschüler: Schulpfarrer Martin Simon aus Borken vor der Martin-Luther-King-Schule.
+
Beeinflusste KSV-Legende Thorsten Bauer und unzählige andere Berufsschüler: Schulpfarrer Martin Simon aus Borken vor der Martin-Luther-King-Schule.

Als Pfarrer betreute Martin Simon einst die Hinterbliebenen des Grubenunglücks von Stolzenbach. Später wechselte er an die Kasseler Martin-Luther-King-Schule. Nun geht er in Ruhestand.

Kassel/Borken – Dass Thorsten Bauers Lieblingsfilm „Matrix“ ist, liegt an Martin Simon. Von 2002 bis 2003 besuchte der damalige Fußballer des KSV Hessen Kassel als Auszubildender die Martin-Luther-King-Schule (MLKS). Im Religionsunterricht machte der Schulpfarrer jedoch keine klassische Bibelarbeit. Stattdessen schauten sie „Matrix“ und sprachen anschließend über die religiösen Inhalte des Films.

„Er weiß, wie er die Leute für etwas begeistern kann“, sagt der heutige Geschäftsführer der Kasseler Barmer-Geschäftsstelle über Simon, der diese Woche nach 19 Jahren als Schulpfarrer der MLKS in Pension geht. An der kaufmännischen Berufsschule mit ihren derzeit 1700 Schülern hat der 65-Jährige nicht nur Bauer geprägt, der sich von dem Borkener sogar trauen ließ. Das war 2010 in der Martinskirche, also lange nach Bauers Berufsschulzeit.

Verabschiedet wird Simon an diesem Samstag mit einem Gottesdienst im Borkener Stadtteil Dillich, wo er von 1989 bis 2002 als Pfarrer wirkte und auch zuletzt noch Predigten hielt. Das Aufhören fällt dem Vater dreier Söhne nicht leicht: „Pfarrer ist für mich der schönste Beruf der Welt.“

Dabei hatte der aus Grebendorf im Werra-Meißner-Kreis stammende Simon 1978 schon einen Studienplatz für Physik. Nach einer Lehre als Industriekaufmann bei Massey Ferguson in Eschwege hatte er auf dem Theodor-Litt-Kolleg in Kassel das Abitur nachgeholt. Als er während des Ferienjobs bei Hephata in Treysa Behinderte betreute, merkte er: „Es ist deine Berufung, mit Menschen umzugehen, die Hilfe brauchen.“

Statt Physik studierte er Theologie in Marburg, gründete mit seiner Jugendliebe Ulrike eine Familie und trat nach dem Vikariat in Treysa 1989 die Pfarrstelle in Dillich an. Ein Jahr zuvor waren beim Grubenunglück im ebenfalls zum Kirchspiel gehörenden Stolzenbach 51 Bergleute ums Leben gekommen. Jahrelang betreute Simon die Hinterbliebenen: „Diese Arbeit hat mich am meisten geprägt.“

Mit Ende 40 wollte er noch einmal etwas Neues machen und wurde an der MLKS Schulpfarrer. Der heutige stellvertretende Schulleiter Marcus Klose ist beeindruckt, wie „extrem nah“ er an den Schülern dran ist. Ein Schulpfarrer ist mehr als ein Vertrauenslehrer.

Sein Arbeitgeber ist nach wie vor die Kirche, und er unterliegt etwa der Schweigepflicht. Simon war Seelsorger, begleitete die Auszubildenden, wenn etwa ein Mitschüler ums Leben gekommen war.

Er klärte über Organspenden auf, nachdem eine kranke Schülerin ein Herz transplantiert bekommen hatte. Und er hielt den Stellenwert des Fachs Religion hoch, das bei einigen Arbeitgebern nicht die höchste Priorität genießt, wie Klose sagt: „Dabei ist es wichtig, dass zum Beispiel Versicherungskaufleute ethisch darüber nachdenken, was sie wem verkaufen.“ Darum wird es an der MLKS auch nach Simons Abschied einen Schulpfarrer geben –das ist keine Selbstverständlichkeit.

Hobbyläufer und -triathlet Simon will seine freie Zeit nun unter anderem fürs Training nutzen. Seine Marathon-Bestzeit steht bei beachtlichen 3:00:23 Stunden. Beim Kassel-Marathon lief er jahrelang als Zugläufer mit und auch schon mal gegen seine Schüler, die in einer Staffel versuchten, ihn zu schlagen – vergeblich.

Auch mit KSV-Legende Bauer drehte Simon früher ab und an eine Runde in der Karlsaue. „Er wäre sogar rückwärts schneller gewesen als ich“, sagt Bauer. (Matthias Lohr)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.